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EU-Erweiterungspaket 2026: Montenegro auf der Zielgeraden, 4 Länder mit Fahrplan

Fortschritte im Erweiterungsprozess von zehn Staaten

Lesedauer: 8 Minuten

05.11.2026

Bewertung der Erweiterungs-Kandidaten

Die EU-Kommission hat gestern ihr jährliches Erweiterungspaket vorgestellt. Darin bewertet sie die Fortschritte im Erweiterungsprozess von zehn Staaten: Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien, die Ukraine, die Republik Moldau, Georgien und die Türkei.

Besonders positiv hervorgehoben wurden Montenegro, Albanien, die Ukraine und Moldau, die vier am weitesten fortgeschrittenen Länder. Die Europäische Kommission legt für sie erstmals indikative, nicht verbindliche Fahrpläne für das kommende Jahr vor. Diese nehmen aber weder Verhandlungsergebnisse noch Entscheidungen der EU-Institutionen vorweg. 

Klarer Spitzenreiter ist Montenegro, das sich auf der Zielgeraden befindet und vor dem Abschluss der letzten Verhandlungskapitel steht. Bis Juni 2027 soll der Beitrittsvertrag mit Montenegro unterzeichnet werden. Albanien könnte die Verhandlungen bis Ende 2027 abschließen, sofern das Reformtempo anhält. Auch bei der Republik Moldau betonte die Kommission, wie wichtig es sei, das derzeitige Reformtempo beizubehalten. Ein Abschluss der Beitrittsverhandlungen wäre dann bis Anfang 2028 ein durchaus erreichbares Ziel. Für die Ukraine hält die Kommission einen Verhandlungsabschluss erst Ende 2028 für realistisch, vorausgesetzt, das Land beschleunigt seine Reformen noch. Damit werden die beiden Länder nun im Beitrittsprozess entkoppelt und nicht mehr im Paket behandelt.

Parallel zum eigentlichen Beitrittsprozess will die EU die Kandidatenländer schon vor ihrem Beitritt schrittweise stärker einbinden, besonders in den Bereichen Energie, Verkehr, Digitales und Verteidigung. 

Je weiter die Beitrittsverhandlungen mit einzelnen Kandidaten voranschreiten, desto wichtiger ist es, auch die EU selbst auf künftige Erweiterungen vorzubereiten. Auf Basis der Kommissionsmitteilung „Preparing for a wider Union“ soll die Union in den kommenden Monaten und Jahren schrittweise „erweiterungsfit“ gemacht werden. 

Insgesamt entwickelt sich die EU-Beitrittsperspektive der Kandidatenländer sehr unterschiedlich: Während Serbien sowie Bosnien und Herzegowina kaum Fortschritte erzielen, kommt Nordmazedonien bei der Umsetzung von Reformen voran. Kosovo wird aufgefordert, nach einer Phase politischer Instabilität zentrale Reformen wieder stärker voranzutreiben. Die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei und mit Georgien stehen de facto still. 

Albanien: ambitionierte Ziele und auf dem richtigen Weg

Deutliche und stetige Fortschritte wurden in den vergangenen zwölf Monaten erzielt und die letzten verbleibenden Cluster geöffnet. Bis Oktober 2026 wurden vier Kapitel vorläufig geschlossen, darunter auch das Kapitel Unternehmens- und Industriepolitik. Fortschritte konnten insbesondere bei der Rechtsstaatlichkeit erzielt werden. Das Ziel, die Beitrittsverhandlungen bis Ende 2027 abzuschließen, bezeichnet die Kommission als ambitioniert, aber erreichbar. Voraussetzung ist ein anhaltendes Reformtempo. 

  • 2009: Antrag auf EU-Mitgliedschaft
  • 2014: zum Kandidatenland ernannt
  • 2022: Aufnahme von Beitrittsverhandlungen
  • 2026: 4 von 33 Kapiteln vorläufig geschlossen Ende
  • 2027: angestrebter Abschluss der Beitrittsverhandlungen

Mehr Infos: EK Länderbericht Albanien | Factsheet | Wirtschaftsbericht Albanien 

Bosnien und Herzegowina: Innenpolitische Herausforderungen bremsen den Erweiterungsprozess

Laut EU-Kommission hat sich das Land weiter vom EU-Kurs entfernt. Zentrale EU-Reformen blieben aufgrund politischer Blockaden und einer nicht funktionsfähigen Regierungskoalition aus. Kritisiert werden politische Polarisierung, spaltende Rhetorik und Anti-EU-Narrative. Die EK fordert nach den Wahlen ein rasches Wiederaufnehmen der EU-Reformen. Insbesondere müssen die Justizreformen abgeschlossen und ein handlungsfähiger Chefverhandler bestellt werden. Sobald diese Reformen umgesetzt sind, ist die Kommission bereit, den Verhandlungsrahmen vorzulegen, die erste Regierungskonferenz abzuhalten und das Screening zu starten. 

  • 2016: Antrag auf EU-Mitgliedschaft
  • 2022: Kandidatenstatus
  • 2024: Entscheidung zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen Verhandlungsrahmen und Screening noch ausständig

Mehr Infos: EK Länderbericht Bosnien und Herzegowina | Factsheet | Wirtschaftsbericht Bosnien und Herzegowina 

Kosovo: hohe Zustimmung zum EU-Beitritt, aber Stagnation

Die EU-Kommission bewertet die Entwicklung im Kosovo gemischt: Zwei Parlamentswahlen innerhalb von sieben Monaten haben zu einer anhaltenden institutionellen Blockade geführt und wichtige EU-Reformen gebremst. Positiv hebt die Kommission die vollständige Angleichung an die EU-Außen- und Sicherheitspolitik und die hohe Zustimmung zur EU-Perspektive in der Bevölkerung hervor. Zudem ist die Kommission bereit, auf Ersuchen eine Stellungnahme zum Beitrittsantrag zu erstellen. Entscheidend für weitere Fortschritte auf dem EU-Weg bleibt die Normalisierung der Beziehungen mit Serbien. 

  • 2022: Antrag auf EU-Mitgliedschaft 

Mehr Infos: EK Länderbericht Kosovo | Factsheet | Wirtschaftsbericht Kosovo 

Montenegro: Reformfortschritte und auf der Zielgeraden

Montenegro ist klarer Spitzenreiter im Erweiterungsprozess. Bereits 21 Kapitel sind vorläufig geschlossen. Trotz innenpolitischer Spannungen konnte die breite politische Unterstützung für die EU-Reformen grundsätzlich aufrechterhalten werden. Die Kommission geht davon aus, dass die restlichen Kapitel mit Zustimmung der Mitgliedstaaten noch bis Ende 2026 vorläufig geschlossen werden können. Die Arbeiten am Beitrittsvertrag laufen bereits, seine Unterzeichnung ist für Juni 2027 vorgesehen.  

  • 2008: Antrag auf EU-Mitgliedschaft
  • 2010: Kandidatenstatus
  • 2012: Aufnahme von Beitrittsverhandlungen
  • 2026: 21 von 33 Kapiteln vorläufig geschlossen
  • Juni 2027: angestrebte Unterzeichnung des Beitrittsvertrags 

Mehr Infos: EK Länderbericht Montenegro | Factsheet | Wirtschaftsbericht Montenegro 

Nordmazedonien: Verfassungsreform als Schlüssel für weitere Verhandlungen

Für das Land gibt es von der EK Lob und Tadel. Einerseits hat Nordmazedonien die Umsetzung der Reformagenda im Rahmen der Reform- und Wachstumsfazilität deutlich beschleunigt. Andererseits bleibt die noch ausständige Verfassungsänderung zur Aufnahme der bulgarischen Minderheit ein zentrales Hindernis für die Öffnung des ersten Verhandlungsclusters. Größere Anstrengungen fordert die EK bei der Unabhängigkeit der Justiz, der Korruptionsbekämpfung und im Energiebereich.  

  • 2005: Kandidatenstatus
  • 2022: Start des Beitrittsprozesses
  • 2023: Screeningprozess abgeschlossen 

Mehr Infos: EK Länderbericht Nordmazedonien | Factsheet | Wirtschaftsbericht Nordmazedonien 

Serbien: Reformprozess zunehmend ins Stocken geraten

Die EK kritisiert insbesondere, dass es im vergangenen Jahr keine Fortschritte in den Beitrittsverhandlungen gab und die gesellschaftliche Polarisierung zugenommen hat. Besonders negativ hervorgehoben werden die Anti-EU-Rhetorik, die Verherrlichung des verurteilten Kriegsverbrechers Ratko Mladić und die geringe Angleichung an die EU-Außen- und Sicherheitspolitik. Gefordert werden Fortschritte bei Demokratie, Justiz und Grundrechten sowie bei der Normalisierung der Beziehungen mit dem Kosovo. Cluster 3 zu Wettbewerbsfähigkeit und inklusivem Wachstum ist technisch bereit zur Öffnung, weitere Fortschritte hängen aber insbesondere von Reformen in grundlegenden Bereichen und der Normalisierung mit dem Kosovo ab.  

  • 2009: Antrag auf EU-Mitgliedschaft
  • 2012: Kandidatenstatus
  • 2014: Aufnahme von Beitrittsverhandlungen 

Mehr Infos: EK Länderbericht Serbien | Factsheet | Wirtschaftsbericht Serbien 

Republik Moldau: Verhandlungsstart mit schnellen Fortschritten

Die Beitrittsverhandlungen haben 2026 deutlich an Fahrt aufgenommen: Vier Verhandlungscluster wurden geöffnet, darunter die für die Wirtschaft wichtigen Cluster Binnenmarkt sowie Wettbewerbsfähigkeit und inklusives Wachstum. Die wirtschaftliche Integration schreitet voran, unter anderem durch SEPA, Roam Like at Home und das gemeinsame Versandverfahren. Weiteren Handlungsbedarf sieht die EK insbesondere bei der Korruptionsbekämpfung. Moldau erfüllt bereits die Voraussetzungen für die Öffnung der verbleibenden beiden Cluster. Einen Abschluss der Beitrittsverhandlungen Anfang 2028 bezeichnet die Kommission als ambitioniertes, aber erreichbares Ziel, wenn das derzeitige Reformtempo beibehalten wird.

  • 2022: Antrag auf EU-Mitgliedschaft
  • 2022: Kandidatenstatus
  • 2026: Öffnung von vier Verhandlungsclustern, 24 von 33 Kapitel geöffnet
  • Anfang 2028: angestrebter Abschluss der Beitrittsverhandlungen 

Mehr Infos: EK Länderbericht Moldau | Factsheet | Wirtschaftslage Moldau 

Ukraine: Beitrittsverhandlungen nehmen Fahrt auf

Die ukrainischen Beitrittsverhandlungen haben 2026 an Dynamik gewonnen. Vier Verhandlungscluster wurden geöffnet und das Land erfüllt, ähnlich wie die Republik Moldau, die Voraussetzungen für die Öffnung der verbliebenen zwei Cluster. Trotz des russischen Angriffskrieges setzt die Ukraine ihre EU-Reformagenda fort. Seit Anfang 2026 nimmt die Ukraine an Roam Like at Home teil. Erheblichen Reformbedarf sieht die EK unter anderem bei Rechtsstaatlichkeit und Justizreform, Korruptionsbekämpfung, Grundrechten, Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung, auch im Hinblick auf einen künftigen SEPA-Beitritt. Die Ukraine strebt einen Abschluss der Beitrittsverhandlungen bis Ende 2028 an. Die Kommission bezeichnet dieses Ziel als ambitioniert und hält dafür eine Beschleunigung der Reformen für notwendig. 

  • 2022: Antrag auf EU-Mitgliedschaft
  • 2022: zum Kandidatenland ernannt
  • 2026: Start von substanziellen Beitrittsverhandlungen, 24 von 33 Kapitel geöffnet
  • Ende 2028: Abschluss Beitrittsverhandlungen 

Mehr Infos: EK Länderbericht Ukraine | Factsheet | Wirtschaftsbericht Ukraine 

Georgien: Beitrittsprozess liegt auf Eis

Die EK bewertet Georgien besonders kritisch. Das Land ist laut Kommission nur noch dem Namen nach EU-Beitrittskandidat, da es bei Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Grundrechten weitere deutliche Rückschritte gab und der Beitrittsprozess faktisch zum Stillstand gekommen ist. Bei einer klaren Kursänderung hält die Kommission eine Wiederaufnahme des Prozesses aber ausdrücklich für möglich.  

  • 2022: Antrag auf EU-Mitgliedschaft
  • 2023: Kandidatenstatus
  • Seit 2024: Beitrittsprozess faktisch zum Stillstand gekommen 

Mehr Infos: EK Länderbericht Georgien | Factsheet | Wirtschaftsbericht Georgien 

Türkei: Beitrittsverhandlungen weiterhin ausgesetzt

Die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei stehen seit 2018 still. Die Lage bei Demokratie, Grundrechten und Rechtsstaatlichkeit hat sich weiter verschlechtert, die Kluft zwischen dem erklärten EU-Beitrittsziel und der tatsächlichen Entwicklung wird größer. Gleichzeitig bleibt die Türkei für die EU ein wichtiger strategischer Partner, etwa bei Migration, Energie und Handel. Besonders hervorgehoben wird die wirtschaftliche Bedeutung: Die diversifizierte industrielle Basis der Türkei und ihre tiefe Einbindung in europäische Wertschöpfungs- und Lieferketten über die EU-Türkei-Zollunion tragen zur Resilienz europäischer Lieferketten bei. Bestehende Handelshemmnisse sollen daher weiter abgebaut und die Umsetzung der Zollunion verbessert werden.

  • 1987: Antrag auf EU-Mitgliedschaft
  • 1999: Kandidatenstatus
  • 2005: Aufnahme von Beitrittsverhandlungen
  • Seit 2018: Beitrittsverhandlungen auf Stillstand 

Mehr Infos: EK Länderbericht Türkei | Factsheet | Wirtschaftsbericht Türkei 

WKÖ: Klare Unterstützung für EU-Integration und Erweiterung

Die WKÖ bekennt sich klar zur EU-Erweiterungspolitik und zur Ausdehnung des EU-Binnenmarktes. Österreich gehörte zu den größten Gewinnern vergangener Erweiterungsrunden, und auch von künftigen Erweiterungen sind positive Effekte für den Wirtschaftsstandort Europa und unser Land zu erwarten. 

Die EU-Erweiterung ist geopolitisch und wirtschaftlich wichtiger denn je, kommt aber aufgrund ausstehender Reformen und politischer Blockaden in vielen Kandidatenländern nur langsam voran. Die WKÖ begrüßt daher den Vorschlag der Kommission, den EU-Binnenmarkt für Beitrittskandidaten schon vor einem EU-Beitritt schrittweise und sektoral zu öffnen. Das kann Reformen fördern, die wirtschaftliche Verflechtung stärken und damit den Weg zur Vollmitgliedschaft beschleunigen. Die stufenweise Integration muss aber an konkrete Reformfortschritte gebunden bleiben, um faire Wettbewerbsbedingungen sicherzustellen.