Betrieben droht ein doppelter Energieschock
Der volatile Energiemarkt und stockende Infrastrukturausbau gefährden Unternehmen. Eine Entspannung ist nicht in Sicht, wie eine Analyse zeigt.
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Keine Ruhe in Sicht. Der Energiemarkt bleibt vor Beginn der verbrauchsintensiven Heizsaison weiterhin ein Spiegelbild der geopolitisch turbulenten Gemengelage. Zuletzt sorgte die Ankündigung, die Ukraine werde ab 2025 kein russisches Gas mehr Richtung Westen durchleiten, für Aufregung. Hintergrund: Im kommenden Jahr läuft der Transitvertrag der Ukraine mit dem russischen Gazprom-Konzern aus. Davon abhängig sind bislang vor allem Länder ohne Zugang zum Meer, die nicht auf Flüssiggas (LNG) umstellen können – wie beispielsweise Österreich.
Hier hat man zwar mit diversen Maßnahmen die Abhängigkeit von russischem Gas reduziert und parallel die Speicherbefüllung maximiert. Der Gaspreisindex (ÖGPI) stieg im November im Vergleich zum Vormonat dennoch um 14,6 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr gibt es allerdings mit einem Minus von knapp 80 Prozent eine deutliche Entspannung. Laut internationaler Energieagentur sind die aktuellen Gaspreise in Europa aber immer noch bis zu vier Mal so hoch wie in den USA und dreimal so hoch wie in China.
Export unter Druck
Für eine exportorientierte Wirtschaft wie die steirische eine durchaus dramatische Situation. Denn der hohe Anteil der Energie an den Gesamtproduktionskosten wirkt sich negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen aus – nicht zuletzt, weil es in anderen europäischen Ländern teilweise staatliche Eingriffe gegeben hat. Gerade auf den internationalen Märkten ist der Konkurrenzdruck damit ungebrochen hoch, die Möglichkeit der Kostenweitergabe aber weiterhin gering. Das drückt vor allem in der Exportwirtschaft die Erträge und kann mittelfristig zur Auslagerung wichtiger energieintensiver Produktionen führen. Davon sind in weiterer Folge auch Klein- und Mittelbetriebe massiv betroffen, warnen Experten.
Verstärkt wird die allgemeine Verunsicherung durch den aktuellen Konflikt im Nahen Osten. Er könnte laut Weltbank gravierende Auswirkungen auf den Ölpreis haben, zählt die Region doch zu den wichtigsten Förderregionen der Welt. Ein Drittel der globalen Erdölimporte kommt von dort.
„Eine Eskalation könnte je nach Dauer und Ausmaß des Konflikts zu erheblichen Störungen der Ölversorgung führen“, heißt es in einer aktuellen Analyse der Weltbank. Deren Chefvolkswirt Indermit Gill warnt: „Sollte sich dieser Konflikt ausweiten, wäre die Weltwirtschaft zum ersten Mal seit Jahrzehnten mit einem doppelten Energieschock konfrontiert.“ Ein leichter Preisanstieg war auch beim Öl bereits spürbar.
Zusätzliche Brisanz liegt dabei vor allem in der Strahlkraft der fossilen Energieträger auf die Gesamtkonjunktur. Denn in Kombination mit hohen Lohnabschlüssen könnten hohe Energiepreise die sich gerade erst abkühlende Inflation wieder anheizen. Die Lage bleibt also nicht nur aufgrund der Abhängigkeiten von internationalen Märkten heikel. Entspannung? Nicht in Sicht. Denn die angepeilten Ausbauziele für erneuerbare Energiequellen als Alternative sind komplex und kostspielig.
Der Erfolg der Energiewende entscheidet sich im Stromnetz. Es bedarf einer Gesamtsystemplanung.
Gerhard Christiner
APG-Vorstand
Ruf nach Ausbau
Damit diese Kosten nicht von den Endverbrauchern – also Konsumenten und Unternehmen – getragen werden müssen, schlägt das Institut für Wirtschafts- und Standortentwicklung einen kostenneutralen Ausbau der Netzinfrastruktur vor. Die Netztarife in der Steiermark würden im Bundesländervergleich ohnehin im Spitzenfeld liegen, wird argumentiert. „In Verbindung mit den Lohnverhandlungen wird das noch dramatischer“, warnt WK-Vizepräsident Herbert Ritter vor einem „Ritt auf der Rasierklinge“; „denn Lohnanhebungen sind im Gegensatz zu variablen Energiekosten fix.“
„Der Erfolg der Energiewende entscheidet sich im Stromnetz“, formulierte es zuletzt Gerhard Christiner, Vorstand der Austrian Power Grid (APG), drastisch. Um die Versorgungssicherheit mit (preisgünstigem) Strom und die Elektrifizierung von Haushalten und Unternehmen sicherzustellen, ist daher ein rascher Ausbau auf allen Ebenen essenziell.
Als Richtschnur gilt diesbezüglich der Netzinfrastrukturplan des Bundes, dessen finale Fassung bis Ende des Jahres vorliegen soll. „Neben dem Netzausbau bedarf es aber auch einer umfassenden Gesamtsystemplanung inklusive einer Speicherstrategie sowie einer abgestimmten digitalen Transformation aller Akteure des Energiesystems“, betont Christiner. Denn gerade die erneuerbaren Energieträger wie Photovoltaik und Wind sind in ihrer Produktionsleistung schwankend und bringen die Netze damit teils an ihre Belastungsgrenzen.
Zumindest für die Unternehmen gibt es indes ein Entlastungsinstrument. Zusätzlich zum – erst nach monatelanger Wartezeit – beschlossenen Energiekostenzuschuss II hat die Bundesregierung jetzt auch staatliche Überbrückungsgarantien für Klein- und Mittelbetriebe geschaffen (siehe links unten). Damit können Unternehmen die Zeit bis zur Auszahlung der Energiehilfen überbrücken. Angesichts des weiterhin laufenden harten Matches gegen hohe Energiepreise ist es für Betriebe mit Liquiditätsengpässen eine späte Hilfe kurz vor dem drohenden Schlusspfiff als Unternehmen.
Überbrückungshilfe
Als Reaktion auf die hohen Energiepreise hat die Bundesregierung für KMU Überbrückungsgarantien beschlossen, die für Strom und Heizkosten in Anspruch genommen werden können. Anträge können bis 15. November beim aws gestellt werden (siehe auch Seite 14). www.aws.at
Nachgefragt
Die Kombination aus steigenden Lohn- und Energiekosten sind für einen Standort wie die Steiermark mit einer Exportquote von 51 Prozent ein Ritt auf der Rasierklinge, weil wir weltweite Konkurrenz haben. Um die Wertschöpfung im Land halten zu können, braucht es Hochtechnologieprodukte, die durch strenge Ausfuhrregeln gegen Ausverkauf zu schützen sind.
Herbert Ritter
Vizepräsident WKO Steiermark
Die hohen Energiekosten wirken wie ein Brandbeschleuniger für die Inflation. Preise und auch Zinsen steigen, zudem sind die Verbraucherinnen und Verbraucher verunsichert. Die Unternehmen verlieren somit an Wettbewerbsfähigkeit und Absatzmöglichkeiten. Hier besteht dringender Handlungsbedarf, um die Menschen und die Unternehmen zu entlasten.
Monika Zechner
Obfrau Holzindustrie
Die Energiepreise haben sich verdreifacht und eine Entspannung ist nicht in Sicht. Die letzte Preissenkung bei der Fernwärme war nach den massiven Preiserhöhungen von 200 Prozent davor eine Augenauswischerei. Es ist katastrophal, wenn nicht bald etwas passiert. Auch die Förderprozesse gehören erleichtert. Ich hoffe auf eine politische Lösung.
Heinz Regula
Landesinnungsmeister Lebensmittelgewerbe