Neustart mit 50: Für das Gründen ist es nie zu spät
Firmengründungen ab dem 50. Lebensjahr nehmen zu. Was den Reiz ausmacht und wie es späten Selbständigen geht. Firmengründungen ab dem 50. Lebensjahr nehmen zu. Was den Reiz ausmacht und wie es späten Selbständigen geht.
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Der eigene Chef sein: für viele Österreicher ein erstrebenswertes Ziel. Laut einer Erhebung des Global Entrepreneurship Monitor Austria aus dem Jahr 2025 ist Unternehmertum für 51 Prozent der Befragten eine attraktive Karrieremöglichkeit. Doch die Vorstellung ist das eine, die Umsetzung das andere: Den Schritt in die Selbständigkeit planen demnach nur 7,5 Prozent der Befragten. Die Gründe für das Zögern sind vielfältig. Als wesentlicher Hemmschuh gilt der Faktor Angst: 44 Prozent geben an, Sorge vor dem Scheitern zu haben.
Nicht so Daniela Müller. Die Journalistin aus Graz wagte mit 50 Jahren den Schritt in die hauptberufliche Selbständigkeit, nachdem sie jahrelang für verschiedene Zeitungen und Magazine tätig war: „Als ich 50 geworden bin, habe ich gemerkt, dass ich überarbeitet und mit meinem Angestelltenjob als Chefredakteurin nicht mehr zufrieden bin. Wenn das der Fall ist, muss man gehen. Mir war klar, dass ich die Selbständigkeit wählen werde. Ich wollte für mich selbst arbeiten und meine Kreativität ausleben. Heute genieße ich die Freiheit, weiß aber auch mit Unsicherheiten der Selbständigkeit umzugehen“, erzählt die mittlerweile 57-Jährige.
Wie Müller geht es vielen über 50-jährigen Beschäftigten. Laut Erhebungen der Wirtschaftskammer werden 19,8 Prozent aller Neugründungen in Österreich von Personen ab 50 Jahren durchgeführt. Im Vorjahr waren es 4.983 – eine immer stärker werden Gruppe. Die Gründungsrate 55+ ist hierzulande sogar die höchste in ganz Europa. Leopold Strobl vom Gründerservice der Wirtschaftskammer Steiermark weiß, wieso das späte Gründen so beliebt ist: „Viele Menschen, die schon lange beruflich aktiv sind, wollen ab einem gewissen Zeitpunkt etwas Neues ausprobieren und sich verwirklichen – also einfach mal das machen, was ihnen beruflich wirklich Freude bereitet. Der Vorteil ist, dass man ab 50 meist finanzielle Rücklagen hat.“
Beamtenjob gegen Hobby eingetauscht
Endlich das tun, was ihm Spaß macht, wollte auch Klaus Pfaffeneder. Mit 53 Jahren hängte der Obersteirer seinen Job als Alpinpolizist an den Nagel, um seinem Hobby – dem Schindelmachen – gewerblich nachzugehen. „Ich war gerne Polizist, aber wenn man jahrzehntelang die gleiche Tätigkeit ausübt, verliert sie nunmal irgendwann ihren Reiz.“ Mit dem Schindelmachen begann der heute 58-Jährige, als er ein Haus gekauft hatte und dieses mit Schindeln verkleiden wollte. „Irgendwann hatte ich so viele Aufträge, dass mir der Gedanke kam: Warum sich nicht mit dem Gewerbe selbständig machen“, erinnert sich Pfaffeneder.
Einen sicheren Beamtenjob wenige Jahre vor der Pension aufgeben? Nicht alle aus seinem Umfeld konnten den Schritt nachvollziehen. Davon abbringen ließ sich Pfaffeneder aber nicht: „Auf was will man warten? Wenn man immer nur auf andere hört, tut man nie das, was man selbst möchte. Ich wollte mehr Lebensqualität und einen Job, der sich nicht nach Arbeit anfühlt. Genau das habe ich jetzt. Natürlich war die fehlende Sicherheit am Anfang ungewohnt, und auch, dass das Geld erst dann reinkommt, wenn der Auftrag erledigt ist. Zudem kommt die gesamte Kalkulation hinzu. Ich will nichts schönreden: Auch ich erlebe schwache Stunden, aber die Freiheit, die ich jetzt habe, ist legendär. Es zahlt sich wirklich aus, mutig zu sein und Neues zu wagen.“
Neben Mut und einem Veränderungswillen eint viele Gründer ab 50 aber auch ein gutes Netzwerk und lange Erfahrung. Letzteres gab Barbara Harmtodt den Anstoß, sich selbständig zu machen. Erst im Vorjahr kündigte die 58-jährige Weizerin ihren Führungsjob in einem Grazer Krankenhaus, um sich als Coach zu verwirklichen. „Ich habe über 40 Jahre Erfahrung in der Pflege gesammelt. In meiner Zeit als Angestellte habe ich als diplomierte Krankenschwester gearbeitet, war auf der Intensivstation tätig und habe mich bis zur Stationsleitung und zur Managerin hochgearbeitet. Nebenbei habe ich begonnen, an Unis zu unterrichten. Die Rückmeldungen waren durchwegs positiv – also dachte ich: Wieso nicht das Unterrichten und Coachen mit meiner lanjährigen Führungserfahrung verknüpfen und mich selbständig machen?“ Gesagt, getan: Seit Dezember 2025 bietet Harmtodt Workshops und Coachings für Führungskräfte an. „Die Entscheidung bereue ich nicht. Mit 30 wäre der Schritt unvorstellbar gewesen. Die Erfahrung, die ich heute habe und die meine wichtigste Ressource ist, hat mir damals einfach gefehlt. Aber jetzt fühlt es sich genau richtig an.“
Anlaufstellen
Egal, ob man gerade erst mit dem Gedanken spielt, sich selbständig zu machen, bereits an einem Geschäftsmodell feilt oder Fragen rund um das Steuer- oder Sozialversicherungsrecht hat: Das Gründer- und Wirtschaftsservice der WKO Steiermark bietet kostenlose Workshops und Beratungsgespräche in Graz und in allen WKO-Regionalstellen an. Der nächste Innovationsworkshop „Von der Idee zum Geschäftsmodell“ findet am 28. Juli von 14.30 bis 16.00 Uhr online statt.
Alle Infos unter: Services und Veranstaltungen des Gründerservice Steiermark.
Wo sich Gründer vernetzen können
Die Steirische Wirtschaftsförderung SFG ist Teil des Interreg-Projekts Startup 50+. Dieses unterstützt Menschen mit langjähriger beruflicher Erfahrung dabei, ihre Geschäftsideen zu verwirklichen und den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Neben verschiedenen Projekten bietet die SFG auch Netzwerktreffen für ältere Gründer an, die sich verschiedenen Themen – wie beispielsweise dem richtigen Marketing und Vertriebsstrategien oder dem generellen Austausch und der Vernetzung – widmen. Alle aktuellen Events rund um das Thema Gründen findet man auf der SFG-Seite: Aktuelle Events.