„Österreich ist ins Hintertreffen geraten“
In Graz arbeiten 1.600 Beschäftigte im Fahrgestell-Weltkompetenzzentrum von Siemens. Deren Chefin Tanja Kienegger über Koralm, Krisen und Ägypten.
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Die Energiepreise steigen gerade enorm. Wie trifft das Siemens Mobility?
Tanja Kienegger: Wir produzieren in unseren Werken in Wien und Graz Schienenfahrzeuge und Fahrwerke, hauptsächlich aus Stahl und Aluminium. Niedrige Energiekosten sind daher doppelt wichtig: beim Einkaufspreis der Vorprodukte und auch bei unseren eigenen Produktionskosten. Im internationalen Vergleich ist Österreich ins Hintertreffen geraten.
Welche Weichen gehören dringend gestellt, damit der Standort in eine sichere Zukunft unterwegs sein kann?
Drei Stellhebel sind entscheidend: Gerade im für Österreich so wichtigen Exportgeschäft hemmen uns im internationalen Wettbewerb die hohen Energiekosten, die Dynamik der letzten Jahre bei den Löhnen sowie der Aufwand für die Bürokratie. Zweitens ist es wichtig, dass die Bundesregierung sowohl die Forschungsförderung als auch den ÖBB-Rahmenplan aufrechterhält. Gerade als kleines Land müssen wir unseren Unternehmen Planungssicherheit und ein stabiles Umfeld bieten, damit sie Innovationen entwickeln und erfolgreich auf den Markt bringen können. Drittens ist es wichtig, Jugendliche geschlechterübergreifend schon früh für die Technik zu begeistern. Das sichert uns den kompetenten Nachwuchs, den wir brauchen, um unsere internationale Spitzenposition in der Bahnindustrie zu halten und auszubauen.
Wie gefährlich kann eine anhaltende Eskalation für die Konjunktur in Ihren Kundenmärkten – und damit auch für Ihren Geschäftserfolg – noch werden?
Für unseren Geschäftserfolg in Österreich und Südosteuropa sind zwei Dinge zentral: In Österreich muss trotz der Notwendigkeit, das Budget zu konsolidieren, am Investitionsrahmenplan der Bundesregierung für die heimische Bahn festgehalten werden. Er ist für die starke heimische Bahnindustrie mit ihren vielen Hidden Champions die entscheidende Basis für Exporte und sichert etwa 34.000 heimische Arbeitsplätze. Im Raum Südosteuropa sind Kofinanzierungsmodelle der EU entscheidend, um die Bahn mit Investitionen zu modernisieren und den Mobilitätswandel voranzutreiben.
Apropos Export: Wohin gingen vor Kurzem und gehen in naher Zukunft Fahrgestelle „made in Styria“?
Die Exportquote von Siemens Mobility Austria beträgt im langjährigen Schnitt etwa 66 Prozent, der Standort Graz übertrifft dies sogar mit mehr als 90 Prozent. Siemens-Fahrzeuge rollen fast immer auf Fahrwerken aus Graz, sei es in Sydney, Kuala Lumpur, Bangkok, Riad, Miami oder vielen Städten Europas wie Wien, München oder auch London. Schon bald werden Grazer Erzeugnisse auch in Ägypten präsent sein, denn dort errichten wir gerade ein vollständiges Eisenbahnnetz und stellen auch Hochgeschwindigkeitszüge, Regionalzüge und Loks bereit.
Ein Zug mit Ihren Drehgestellen ist bei Tests zuletzt über 400 km/h schnell gefahren: Wohin und wie schnell geht da die Reise?
Ein großer Trend ist die Weiterentwicklung der Konstruktionen hinsichtlich Werkstofffestigkeit, Nachhaltigkeit und vor allem Leichtbau. Bezüglich der Geschwindigkeit: Es geht in vielen Ländern immer weniger darum, möglichst schnell fahren zu können, sondern angesichts der Energiekosten und der Abnützung der Infrastruktur einen optimalen Punkt zwischen attraktiven Fahrzeiten und Betriebskosten zu finden.
Auf der Koralmstrecke überraschten diesbezüglich zuletzt Meldungen, man müsse aufgrund des Luftwiderstands und hoher Energiekosten das Tempo drosseln. Wie sehen Sie dieses Projekt?
Mit der Koralmbahn haben wir ein Projekt realisiert, das technologisch weit über die Grenzen Österreichs hinausstrahlt und internationale Beachtung findet. Gefahren wird auf elektronisch-digitale Sicht, Züge sprechen mit der Strecke, den Rechenzentren und umgekehrt. Täglich werden schon heute etwa eine Million Nachrichten ausgetauscht. Mit diesen Technologien können wir die Leistungsfähigkeit von bestehenden Bahnstrecken um 30 Prozent steigern.
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