Trotz Rezession herrscht in 43 Berufen Mangel
Steigende Arbeitslosigkeit und sinkendes Stellenangebot stehen einer konstanten Mangelberufsliste gegenüber. Was hinter dieser Entwicklung steckt.
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Langsam zeigen sich erste positive Tendenzen in der heimischen Konjunkturlandschaft – und doch mühen sich die steirischen Unternehmen nur Schritt für Schritt aus einer Rezession. Ebendiese hat auch Spuren am Arbeitsmarkt hinterlassen: Die Zahl der Jobsuchenden nahm 2025 entsprechend deutlich zu – konkret um insgesamt 8,8 Prozent auf 38.779 Menschen ohne Beschäftigung. Demgegenüber steht eine andere Problematik, die in vielen Branchen trotz Krise für Kopfzerbrechen sorgt – der anhaltende Fachkräftemangel. Insgesamt 43 Mangelberufe weist das WKO-Fachkräfte-Radar für das Vorjahr aus. Grundlage ist die sogenannte Stellenandrangsziffer. „Diese errechnet sich aus der Zahl der Arbeitslosen (ab Lehre, Anm.) pro offener Stelle“, berichtet Johannes Absenger vom Institut für Wirtschafts- und Standortentwicklung (IWS). Liegt diese Kennzahl unter 1,5, wird von einem Mangelberuf gesprochen – und ihre Zahl blieb im Vergleich zum Jahr 2024 konstant.
Qualifiziertes Personal wird weiter gesucht
Wie das – in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und einer rückläufigen Zahl an offenen Stellen (-14,5 Prozent auf 10.617) – sein kann? „Tatsächlich ist die Stellenandrangsziffer von zuletzt 2,03 auf 2,71 im Jahr 2025 gestiegen“, bestätigt Absenger. Heißt: Insgesamt stehen Firmen in der Steiermark de facto durchaus mehr Arbeitssuchende für ausgeschriebene Stellen zur Verfügung. Allerdings, so schränkt der IWS-Experte ein: „Leider gibt es oft ein Missverhältnis zwischen vorhandenen Ausbildungen und den von den Unternehmen benötigten Qualifikationen.“ Besonders Personen mit Lehrabschluss seien gefragt.
Am stärksten ausgeprägt war diese Diskrepanz 2025 im Bezirk Weiz, wo man im Jahresdurchschnitt insgesamt einen Wert von 0,84 verzeichnete. Demgegenüber stehen die Arbeitsmarktbezirke Graz und Umgebung (3,69) und Voitsberg (3,70), wo der Fachkräftemangel im Schnitt deutlich geringer bemerkbar ist.
Betroffen sind, das zeigen die Top 10 (siehe Tabelle oben), vor allem Jobs im medizinischen bzw. Pflegebereich sowie technische oder handwerkliche Berufe. „Das zeigt, wie groß die strukturellen Probleme am Arbeitsmarkt sind. Betriebe setzen allen wirtschaftlichen Herausforderungen zum Trotz nur äußerst ungern Personal frei, weil sie genau wissen, dass dieses schwer wieder zu bekommen sein wird, wenn die Konjunktur wieder anzieht“, betont WKO-Steiermark-Präsident Josef Herk. Nicht zuletzt, da die Stellenandrangsziffer sich nur auf die tatsächlich beim AMS gemeldeten offenen Stellen bezieht – diese aber nur rund 60 Prozent des tatsächlichen Bedarfs ausmachen. Der tatsächliche Fachkräftebedarf dürfte also noch größer sein, als es die Zahlen vermuten lassen.
Immer mehr scheiden aus Berufsleben aus
Verantwortlich ist nicht zuletzt die demographische Entwicklung: Innerhalb von nur 20 Jahren hat sich der Anteil der über 50-jährigen unselbständig Beschäftigten in der Steiermark von 69.000 auf 158.000 mehr als verdoppelt. Sorgen bereitet der Blick auf die Kehrseite der Medaille: Denn der Anteil der unter 25-Jährigen in den steirischen Firmen nahm im selben Zeitraum von 72.000 auf 61.500 ab. Für die kommenden Jahre sagt die Statistik Austria – trotz Annahme eines fortwährenden Zuzugs – eine weitere Abnahme der Erwerbsbevölkerung (15-64 Jahre) voraus. „Vor diesem Hintergrund sehen wir auch in wirtschaftlich äußerst herausfordernden Zeiten wenig Entspannung, was den Fachkräftemangel betrifft. Wir befinden uns inmitten eines massiven demographischen Wandels. Durch diesen droht die Frage der Verfügbarkeit von ausreichend qualifiziertem Personal immer mehr zum Flaschenhals für jeden künftigen Aufschwung zu werden“, mahnt Herk.
Der Fachkräftemangel bleibt trotz Konjunkturflaute ein Riesenthema und ein Flaschenhals für den Aufschwung!

Josef Herk
Präsident WKO Steiermark
Entsprechend gelte es, politisch an den richtigen Stellschrauben zu drehen. „Wir sehen immer noch einen Trend zur Teilzeit-Beschäftigung“, betont der WKO-Steiermark-Präsident. So sei die Zahl der durchschnittlich geleisteten Arbeitszeit in den letzten zwei Jahrzehnten von etwa 34 Stunden auf rund 30 Stunden zurückgegangen. „Es braucht also Leistungsanreize – mehr Arbeit muss sich mehr lohnen“, betont Herk, der sich etwa steuerliche Entlastungen für Vollzeitbeschäftigte vorstellen kann sowie einen flächendeckenden Ausbau der Kinderbetreuung: „Es kann nicht sein, dass viele engagierte und gut qualifizierte Frauen die Chance auf eine Karriere verbaut wird, weil es einfach kein entsprechendes Betreuungsangebot gibt.“ Positiv zu sehen sei, dass im Lichte der demographischen Entwicklungen das Arbeiten im Alter seitens der Bundesregierung entlastet wird. Ab 2027 ist für Erwerbstätige nach dem Regelpensionsalter ein jährlicher Steuerfreibetrag von bis zu 15.000 Euro vorgesehen.
Interview mit Johannes Absenger (IWS)
Die Zahl der Mangelberufe bleibt konstant, die Stellenandrangsziffer ist gestiegen. Was bedeutet das eigentlich?
„Die Stellenandrangsziffer ergibt sich aus den beim AMS vermerkten Arbeitslosen pro gemeldeter offener Stelle. Jobs mit einem Wert unter 1,5 werden als Mangelberufe bezeichnet.“
Wie lässt sich die Entwicklung in Anbetracht der wirtschaftlichen Gesamtlage erklären?
„Insgesamt sehen wir aufgrund der steigenden Arbeitslosigkeit zwar, dass mehr Personal für die Unternehmen zur Verfügung steht – das zeigt der Anstieg der Stellenandrangsziffer von 2,03 auf 2,71. Aber: Das trifft nicht auf alle Branchen zu. Oft gibt es ein ‚Mismatch‘ zwischen den vorhandenen und den gesuchten Qualifikationen. So ergeben sich die 43 Mangelberufe der Steiermark.“
Insgesamt gibt es aber doch einen sinkenden Bedarf an Fachkräften. Wieso schlägt die WKO dennoch Alarm?
„Zum einen, weil immer noch viele steirische Unternehmen massiv darunter leiden. Zum anderen, weil fehlendes qualifiziertes Personal gerade mit Blick auf den erwarteten Wirtschaftsaufschwung und den zunehmenden demographischen Wandel zum hemmenden Faktor werden könnte.“