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Brennende Kerze in einer Kirche als Symbol für Trauer und Gedenken
© Chinnapong | stock.adobe.com

Wie das Thema Tod aus der Tabuzone geholt wird

Allerheiligen steht vor der Tür. Für manche heimische Betriebe ist die Vergänglichkeit Alltag. Sie möchten mit dem Tabu brechen.

Lesedauer: 6 Minuten

Aktualisiert am 04.11.2026

Verena Brunnbauer und Nicole Honeck beschäftigen sich nahezu täglich mit dem Thema Tod. 2021 gründeten sie in Oberösterreich die „Death Positiv Bestattung“. Neben der Organisation von Beisetzungen touren sie mit ihrer „Sargbar“ – einem mobilen Kunstobjekt aus Holz, das einen Sarg in eine Bar verwandelt – durch den gesamten DACH-Raum. „Wir glauben, dass man mit Kunst und Kultur dem Tod niederschwelliger begegnen kann. Unsere Sargbar öffnet einen flüchtigen und geschützten Raum, in dem Menschen frei von tragischen Verlusten, Wünschen, aber auch Ängsten erzählen können“, erklären die beiden Bestatterinnen.

Das Prinzip ist einfach: Die Sargbar wird auf Friedhöfen, bei Festivals oder Performance-Brunches aufgebaut. Ausgestattet ist sie mit Getränken und Keksen sowie Postkarten und dem eigens entwickelten Kartenspiel „Sarggespräche“. So kommen Interessierte miteinander ins Gespräch. Ob man damit nicht auch aneckt? „Durchaus“, sagen Honeck und Brunnbauer, die Grundstimmung sei jedoch eine positive, auch bei Skeptikern stoße man einen Denkprozess an. „Über den Tod wird einfach noch viel zu wenig kommuniziert. Man muss sich damit beschäftigen, um im Fall der Fälle handlungsfähig zu bleiben. Immerhin sind rund um die Beisetzung viele Entscheidungen zu treffen. Und da viele Menschen nicht wissen, wie sie mit dem Tod umgehen sollen, wissen sie auch nicht, wie sie reagieren sollen, wenn ein Freund oder Angehöriger einen geliebten Menschen verliert.“

Verena Brunnbauer und Nicole Honeck
© Death PositiveVerena Brunnbauer und Nicole Honeck beschäftigen sich nahezu täglich mit dem Thema Tod.

Verena Brunnbauer, die bereits seit 2005 im Bestattungswesen aktiv ist, stellt aber dennoch einen Wandel fest: „Jene Menschen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, kommunizieren ihre Wünsche auch offen. Die Begräbnisse werden immer individueller. Manche Angehörige wollen die Urne selber tragen oder die Parte selbst gestalten. Bei unserer ,Death Positiv Bestattung‘ lassen wir den Menschen diese Freiheiten. Immerhin gehört das auch zum Trauerprozess – und das ist schön.“ 

Hinweis
4.000 bis 6.000 Euro zahlt man im Durchschnitt für eine Feuerbestattung in Österreich. Erdbestattungen sind teurer – hier muss man mit Kosten zwischen 7.000 und 9.000 Euro rechnen.

Neue Abschiedskultur mit KI-Avataren

Für einen individuellen und offenen Zugang in Sachen Tod setzt sich auch Markus Pinter ein. 2023 übernahm er die Bestattung Pinter mit sechs Standorten in den Bezirken Deutschlandsberg, Graz und Voitsberg. Nun lässt er mit einer Innovation aufhorchen. Gemeinsam mit Philipp Berkessy und Lukas Stern gründete er heuer die KI-Avatar-Plattform „Lebensstimmen“. Die Idee: Menschen gestalten zu Lebzeiten ihre eigene Abschiedsbotschaft. Dafür braucht es Fotos und Sprachsamples. Bei der eigenen Trauerfeier werden sie dann virtuell wiedergegeben. Wer nicht selbst zu den Trauergästen sprechen möchte, kann auch einen KI-Trauerredner das Begräbnis halten lassen – etwa den Wiener Dompfarrer Toni Faber. Mit Ende August 2027 geht er nach fast drei Jahrzehnten in Pension, bei Lebensstimmen steht er weiter als KI-Trauerredner „Fabertar“ zur Verfügung. Ab dem ersten Quartal 2027 ist die Plattform auf dem Markt.

Lukas Stern, Markus Pinter und Philipp Berkessy (v.l.)
© LebensstimmenLukas Stern, Markus Pinter und Philipp Berkessy (v.l.)

Man muss über den Tod sprechen – vor allem in der Familie. Nur so wissen Angehörige über die Wünsche des Verstorbenen Bescheid.

Ob die Plattform auch im Seelenpark Brunnsee in Mureck zum Einsatz kommt, steht noch in den Sternen. Lara Reitmann verwaltet den Waldfriedhof gemeinsam mit ihrem Vater. Auf dem zwei Hektar großen Gelände des 2020 gegründeten Waldfriedhofs kann man unter 600 ausgewiesenen Seelenbäumen eine letzte Ruhestätte wählen. Als Friedhof zu erkennen ist der Seelenpark nicht: Weder Kerzen noch klassischer Grabschmuck sind erlaubt, dekoriert werden darf nur mit Waldpflanzen. „Wir haben rund 70 Beisetzungen pro Jahr. Zu uns kommen naturnahe Menschen, die ihren Angehörigen die Last der Grabpflege nehmen wollen. Das ist ein großes Thema“, erzählt Reitmann. Einmal bezahlt, kann man das Grab 50 Jahre lang nutzen. Pro Baum haben maximal zwölf Urnen oder Tierurnen Platz. Für immer mehr Menschen ist das eine Überlegung wert – auch für Feriengäste. „Manche erzählen uns, dass sie ihr Leben lang in der Südsteiermark Urlaub gemacht haben“, sagt Reitmann. „Nun wollen sie hier auch ihre letzte Ruhe finden.“ 

Der Seelenpark Brunnsee
© Lara ReimannDer Seelenpark Brunnsee ist einer der wenigen Waldfriedhöfe.

Hinweis
Aktuelle Zahlen

12 Prozent der Steirer haben laut Helvetia-Umfrage (2025) ihr Begräbnis bis ins Detail geregelt.

24 Prozent der Steirer wünschen sich, dass die eigene Urne zu Hause aufbewahrt wird.

35 Prozent der Steirer geben an,  keine finanzielle Vorsorge für ihr Begräbnis zu haben.

26 Prozent der Steirer haben laut eigener Angabe Angst vor dem Tod.

Dem Tod mit Humor begegnen

Am Vormittag am Friedhof, am Abend im Pole-Dance-Studio: Was für viele unvereinbar klingt, ist für Sandra Praßl Alltag. Nachdem sie jahrelang bei verschiedenen Bestattungen in Graz und Wien tätig war, hängte sie ihren „Traumjob“ an den Nagel und machte sich als Trauerrednerin und mit einem Pole-Dance-Studio in Graz selbständig. Nebenbei hat sie heuer im Herbst auch ihr erstes Buch veröffentlicht. In „Wenn der letzte Vorhang schief hängt“ erzählt sie über Skurrilitäten des Bestatter-Alltags und warum Abschiede nicht perfekt sein müssen. Sandra Praßl war auch im Podcast „Geniestreich“ zu Gast.

Momente auf Grabsteinen bewahren

Was bleibt, wenn ein geliebter Mensch geht? Oft sind es nur Fotos und Videos. Anstatt sie in Schubladen oder am Handy zu sammeln, hatte Fotograf Nikolaus Kofler eine etwas andere Idee. 2026 ging er mit seinem Start-up „Memories“ in Lieboch an den Start. Mit Fotos von Verstorbenen erstellt er persönliche Gedenkvideos und verknüpft sie mit wetterfesten QR-Code-Plaketten aus Edelstahl oder Schiefer. Diese werden direkt am Grabstein angebracht. Besucher können den Code am Friedhof mit dem Smartphone scannen und die Erinnerungen jederzeit abrufen. Eine App ist nicht erforderlich. 

Andenken an tierische Begleiter

Auch der Verlust eines Tieres kann sehr schmerzhaft sein. Kathrin Spörk aus Neutillmitsch in der Südsteiermark weiß das aus eigener Erfahrung. „Als ich meine Hündin verloren habe, war das für mich schrecklich. Ich wollte mir die Erinnerung an sie bewahren“, erklärt Spörk. Im Internet wurde sie auf Schmuck aus Tierasche und Tierhaar aufmerksam und wurde selbst aktiv: Seit 2022 kreiert Spörk in ihrer Manufaktur „GreStella“ Schmuck aus Tierasche und Tierhaar, der mit Epoxidharz versiegelt wird. Kunden schicken ihr ein bis zwei Teelöffel Asche oder Tierhaar und suchen sich das Design aus. Die Fertigstellung dauert rund eine Woche.

Digitale Gräbersuche mittels App

Nicht immer sind es Gräber naher Angehöriger, die besucht werden: Und so kommt es nicht selten vor, dass die letzte Ruhestätte nicht gleich gefunden wird. In diesen Fällen kann die App „Stiller Begleiter“ Abhilfe schaffen. Mittels GPS-Daten wird man so punktgenau zur gesuchten Grabstelle navigiert. Über 150.000 Gräber wurden bereits digitalisiert. Die Plattform, die aus einer Kooperation zwischen der Diözese Graz-Seckau und dem Grazer Entwicklungsteam GeoHero entstand, bietet aber noch mehr. So kann man über die App auch digitale Erinnerungen anlegen und Dienstleistungen für ein Grab beauftragen.