„Wir brauchen eine stabile Wirtschaft“
Ab Februar wird Nora Tödtling-Musenbichler der österreichischen Caritas als Präsidentin vorstehen. Die Steirerin über Armut, Unternehmertum und den Papst.
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Wie spüren Sie als Hilfsorganisation die aktuell wirtschaftlich schwierige Zeit?
Nora Tödtling-Musenbichler: Wir bemerken, dass in den letzten 12 bis 14 Monaten die Not gestiegen oder anders geworden ist. Sie ist in der Mittelschicht angekommen. Sie trifft Menschen, die es vorher noch nie getroffen hat.
Wirkt sich das auch auf die Spendenfreudigkeit aus?
Es gibt weiterhin große Solidarität. Wir registrieren sogar mehr Spenderinnen und Spender, aber die Spendensummen werden kleiner. Das merken wir verstärkt seit Herbst. Die Leute sind vorsichtiger geworden. Bei vielen sinkt jetzt der Wohlstand, bei manchen vergrößert sich die Armut.
Aber Österreich ist eines der reichsten Länder der Welt. Wenn sich jetzt Armut ausbreitet: Wird die Gesellschaft ihrer Verantwortung nicht gerecht?
Papst Franziskus hat zuletzt gesagt: „Die Armen habt ihr immer bei Euch.“ Da muss man gut hinschauen und sich fragen, welche Maßnahmen gesetzt werden können, um Menschen aus einer ganz extremen Armut herauszuholen. Es geht nicht darum, Wohlstand zu vermehren, sondern darum, wie man soziale Lücken in unserem System schließen kann, um wirksam vor Armut zu schützen.
Wie würden Sie das Verhältnis zwischen der Caritas und der Unternehmerschaft beschreiben?
Unternehmen sind gerade wenn es um die Themen Arbeitsmarkt und Integration geht, unsere wichtigsten Partner. Ein Schulterschluss kann da mehr Echo bei der Politik erzeugen. Unsere Anliegen liegen ja nicht weit auseinander. Wir brauchen eine gute und stabile Wirtschaft, weil Wirtschaftswachstum und Wohlstand Armut verhindern, Arbeitsplätze sichern und Infrastruktur fördern. Wir haben ja nicht nur einen massiven Fachkräftemangel, sondern einen allgemeinen Arbeitskräftemangel – da können wir gemeinsam Lösungen finden, um dieses Problem zumindest zu verringern. Wir arbeiten da nicht gegeneinander, sondern haben das gleiche Ziel – nämlich die Gesellschaft zu gestalten.
Wie sehr fühlen Sie sich selbst als CEO?
Wir haben in der Caritas Steiermark 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Als ehrenamtliche Präsidentin für ganz Österreich darf ich für 17.000 Kolleginnen und Kollegen Sprachrohr sein. Dazu kommen noch einmal 40.000 Freiwillige. Natürlich hat man da wie bei einem „normalen“ Unternehmen eine wirtschaftliche Verantwortung. Gleichzeitig haben wir den Auftrag für einen verantwortungsvollen Umgang mit den Spenden und sind gemeinnützig, wodurch wir einen großen „Sinn-Bonus“ in der täglichen Arbeit haben. Deshalb kann man die Tätigkeit mit einer Geschäftsführung in der freien Wirtschaft nur bedingt vergleichen.
Aber vor den allgemeinen Teuerungen bleibt auch die Caritas nicht verschont.
Natürlich nicht. Auch wir sind gerade in den Kollektivvertragsverhandlungen und haben Teuerungen bei Strom und Energie zu stemmen. Im Gegensatz zu anderen Unternehmen können wir die Teuerungen aber nicht auf unsere Preise aufschlagen. Wir können in einer Notschlafstelle nicht mehr Geld verlangen beziehungsweise im „Marienstüberl“ nicht plötzlich deutlich mehr für das Essen verlangen, wir dürfen auch in einem Pflegewohnhaus die Kosten für einen Pflegeplatz nicht erhöhen. Wenn dann parallel die Förderungen nicht entsprechend angehoben werden, müssen wir mit diesem Delta leben und ständig evaluieren, welche Projekte wir noch finanzieren können.
Soziales und wirtschaftliches Denken sind also kein Widerspruch?
Nein, ganz im Gegenteil. Man hat eine wirtschaftliche Verantwortung, wenn man sozial handeln will, und muss beim sozialen Handeln eine wirtschaftliche Komponente im Hintergrund mitbedenken.
Allen zu helfen, geht sich nicht aus?
Zumindest kann man nicht allen so helfen, dass alle glücklich sind, weil wir nicht allen das geben können, was sie sich wünschen. Wir können nur dabei unterstützen, dass sie wieder selbstwirksam und selbstbestimmt leben können, aber wir wollen sie nicht von uns abhängig machen.
Wie reagiert man als Caritas auf Differenzierungen zwischen qualifizierter Zuwanderung und Migration?
Wenn man qualifizierten Zuzug haben will, braucht es eine gewisse Form von Willkommenskultur. Es heißt nicht, dass jeder, der zu uns kommt, machen kann, was er will. Aber wenn jemand zu uns kommt, geht es darum, wie Integration am besten und schnellsten gelingen kann.
Wie?
Durch Spracherwerb und durch Arbeit. Bei beidem haben wir Aufholbedarf. Wir brauchen eine andere Kultur des Miteinanders. Derzeit bekommen wir von Betroffenen immer wieder zu hören, dass man sie nicht als Menschen, sondern nur als Arbeitskraft haben möchte. Da könnten wir als Gesellschaft insgesamt ansetzen.
Zur Person
Nora Tödtling-Musenbichler ist seit Juli 2022 Direktorin der Caritas Steiermark. Die 40-jährige gebürtige Knittelfelderin wird ab Februar Präsidentin der Caritas Österreich.