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Präsidentin Barbara Thaler
© Thomas Schrott

Mut zur Lücke

„Nicht alles, was sich theoretisch regeln lässt, muss auch geregelt werden.“

Lesedauer: 1 Minute

Aktualisiert am 27.10.2026

Wir regeln heute fast alles. Und zwar möglichst bis ins letzte Detail. Für jeden denkbaren Sonderfall gibt es eine Bestimmung, eine Ausnahme oder noch eine zusätzliche Vorgabe. Das ist gut gemeint – nur hat diese Gründlichkeit eine Nebenwirkung: Je komplizierter unsere Regelwerke werden, desto mehr Verwaltung braucht es, um sie zu vollziehen. Das kostet Zeit und Geld – und produziert gleichzeitig immer mehr bürokratische Arbeit für unsere Betriebe.

Man kann nicht jeden Fall vorwegnehmen. Im Gegenteil: Je dichter der Regelungsdschungel wird, desto häufiger entstehen Widersprüche, Abgrenzungsfragen oder Belastungen, an die vorher niemand gedacht hat.

Je komplizierter unsere Regelwerke werden, desto mehr Verwaltung braucht es, um sie zu vollziehen.

Wo Regelungen systematisch Probleme verursachen und viele Unternehmen betreffen, setzen wir mit unserem Musterprozessfonds an und klären offene Fragen. Das löscht das eine oder 
andere Feuer – viel klüger wäre es aber, es gar nicht anzuzünden und auf Regelungen zu verzichten, die solche Folgen auslösen. Dafür brauchen wir schlankere, praxistaugliche Gesetze. Das gelingt, wenn stärker auf jene gehört wird, die Regeln jeden Tag anwenden müssen. Und etwas Mut zur Lücke würde auch nicht schaden. Denn nicht alles, was sich theoretisch regeln lässt, muss auch geregelt werden.

Dahinter steckt auch eine Frage der Haltung. Unsere Betriebe sind es gewohnt, selbst Verantwortung zu übernehmen. Doch in Teilen der Gesellschaft – und auch der Politik – scheint ihnen genau das nicht zugetraut zu werden. Dagegen hilft nicht allein eine Gesetzesänderung. Es braucht Bewusstseinsbildung. Mit unserer Kampagne „Wertschätzung für Wertschöpfung“ zeigen wir, was Tirols Betriebe tagtäglich leisten – und was ohne sie fehlen würde. In der aktuellen Phase stellen wir konkrete Unternehmen vor – und zeigen, welche Hürden sie überwinden müssen, damit sie ihre Leistungen überhaupt erbringen können (siehe folgende Seite). 

Wertschätzung ist das Puzzleteil, das im Umgang mit unseren Betrieben noch allzu oft fehlt. Denn sie bedeutet mehr als Anerkennung für erbrachte Leistungen. Sie bedeutet auch, den Unternehmen etwas zuzutrauen. Dann muss nicht jeder Schritt kontrolliert, jede Entscheidung mit Auflagen abgesichert und immer eine neue Berichtspflicht verlangt werden. Wer dieses Korsett lockert, schafft Raum für das, was den Standort beflügelt: Initiative, Investitionen und neue Ideen.

Unsere Betriebe brauchen keinen Misstrauensvorschuss. Sie brauchen Spielräume, um ihre Verantwortung wahrzunehmen. Denn gute Gesetzgebung erkennt man nicht an der Zahl ihrer Paragrafen. Sondern daran, wie gut sie in der Praxis funktioniert – und wie viel Eigenverantwortung sie zulässt.