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Langfristige Kooperationen im Fokus: Georg Willeit, Geschäftsführers der Lebenshilfe Tirol mit Roseline K Njogu, Pricipal Secretary, State Department for Diaspora Affairs, Ministry of Foreign and Diaspora.
© Lebenshilfe

Pflegefachkräfte aus Kenia: Chancenreiches Lebenshilfe-Projekt

Die Lebenshilfe Österreich setzt auf gut ausgebildete Fachkräfte aus Kenia, um dem Pflegefachkräftemangel langfristig entgegenzuwirken.

Lesedauer: 10 Minuten

14.10.2026

Kenia ist, was die Fachkräftesuche in Österreich betrifft, ein ideales Partnerland“, sagt Georg Willeit. Was der Vizepräsident der Lebenshilfe Österreich und Geschäftsführer der Lebenshilfe Tirol da feststellt, wirkt im ersten Moment durchaus überraschend. Im zweiten Moment ist es das gar nicht mehr. Dann, wenn der potenziell distanzierte und - auch ohne Absicht - zur Verallgemeinerung neigende Tiroler Blick auf Afrika differenzierter wird, den 54 Staaten des zweitgrößten Kontinents der Erde ihre Eigenheiten sowie Besonderheiten zugestanden werden, den rund 1,4 Milliarden Menschen ihre Individualität und wenn Georg Willeit erklärt: „Kenia ist aufgrund seiner Geschichte sehr europa-affin und die Hauptstadt Nairobi ist hocheuropäisch. Die Amtssprache Kenias ist Englisch, ist mit einem Altersdurchschnitt von unter 20 Jahren sehr jung und die jungen Menschen werden an den Hochschulen des Landes sensationell gut ausgebildet.“

Es gibt einen guten Grund, warum Georg Willeit das und noch viel mehr Positives über Kenia zu berichten weiß. Als die Lebenshilfe Österreich vor rund vier Jahren erkannte, dass die Lösung des Pflegefachkräftemangels im Behindertenbereich nur ein marginales Thema für das öffentliche Österreich ist, wurde der Beschluss gefasst, sich selbst darum zu kümmern. „Aufgrund meiner internationalen Erfahrungen von früher ist das Projekt zu mir gekommen“, erklärt Willeit, der sich daraufhin auf die Suche nach einem Land machte, dessen Grundvoraussetzungen eine Integration von Fachkräften beziehungsweise ein Onboarding in Österreich erleichtern. Eine FactFinding-Mission führte ihn im Frühjahr 2023 nach Kenia und dort blieb er gewissermaßen hängen, „weil sich das Land überraschend offen für Fachkräftemigration zeigte und auch deshalb, weil das medizinische Ausbildungsniveau dort extrem hoch ist.“

Hochqualifiziert

Weil die kenianischen Hochschulen und Colleges sich am europäischen System orientieren, sind die Bachelorabschlüsse von Fachkräften, also auch Pflegefachkräften unkompliziert vergleichbar und an den so genannten ECTS-Punkten – dem europaweit einheitlichen System zur Messung und Anrechnung des studentischen Arbeitsaufwands – messbar. „Sie sind wirklich super gut ausgebildet. Den Kandidat:innen mit Bachelor-Abschluss, auf die wir zugegangen sind, fehlen im Vergleich zu den österreichischen Abschlüssen nur 3,5 ECTS-Punkte und die betreffen keine Kernpflegethemen, sondern betreffen das Recht im österreichischen Gesundheitssystem“, erklärt Willeit den Hintergrund für die unkomplizierte Möglichkeit, die kenianischen Bildungsabschlüsse über die Fachhochschulen Gesundheit nostrifizieren, also offiziell anerkennen zu lassen.

Befeuert wird die Kooperation zwischen Österreich und Kenia auch durch das vor zwei Jahren unterzeichnete Memorandum of Unterstanding (MOU) zum Thema Arbeitsmigration, der begeisterten Unterstützung dieser Arbeitsmigration durch die kenianischen Behörden und den Umstand, dass die Sprachbarrieren gering, die Bereitschaft der jungen Menschen, Deutsch zu lernen aber umso höher ist.

Seit dem Projektstart Pflegefachkräfte aus Kenia im Jahr 2023 wurden nicht nur Kooperationsvereinbarungen mit neun Universitäten getroffen, sondern auch 24 Pflegefachkräfte für Österreich gewonnen. Fünf Kandidatinnen arbeiten bei der Lebenshilfe Tirol. „Ich kann nur Gutes über sie berichten“, stellt Georg Willeit fest und er weiß, dass sich die Wege, die in den vergangenen Jahren für Pflegekraftkräfte geebnet wurden, auch für Fachkräfte aus anderen Branchen eignen: „Die meisten Unis haben angeschlossene Colleges für Hospitality und ebenso oft technische Trainingscenter für Facharbeiter:innen.“ Um die Kontakte lebendig zu halten, das Netzwerk zu erweitern und die Arbeitsmigrationswilligen bestmöglich vor Ort zu unterstützen, arbeiten die Lebenshilfe Österreich und das Personalberatungsunternehmen Pendl & Piswanger eng und erfolgreich mit einer lokalen Projektleiterin in Nairobi zusammen (www.tye-pathways.com). Georg Willeit: „Die Qualität der Ausbildung, der Mut, die Arbeitsund auch Migrationsbereitschaft der jungen Menschen und die Unterstützung durch das offizielle Kenia sind entscheidend dafür, dass das so gut funktioniert.“

Hinweis
Rot-Weiß-Rot-Karte

Die Rot-Weiß-Rot-Karte ermöglicht Fachkräften aus Drittstaaten die Beschäftigung in Österreich. Voraussetzung ist eine abgeschlossene Ausbildung in einem jährlich definierten Mangelberuf und ein entsprechendes Jobangebot. Zusätzlich müssen mindestens 55 von 90 Punkten in Kategorien wie Qualifikation, Berufserfahrung, Sprachkenntnisse und Alter erreicht werden. Ausgebildeten Fachkräften wird durch die Mangelberufsliste ein einfacherer Arbeitsmarktzugang ermöglicht. Die Mangelberufe werden jährlich in der Fachkräfteverordnung kundgemacht. Die bundesweite Mangelberufsliste umfasst aktuell 64 Berufe, darunter Diplomingenieur:innen für Starkstromtechnik, Techniker:innen für Maschinenbau und Diplomierte Gesundheits- und Krankenpfleger:innen. 

Für das Jahr 2026 gelten folgende Berufe als regionale Mangelberufe in Tirol:
 Platten-, FliesenlegerInnen; Sozial-, Wirtschaftswissenschafter:innen, wissenschaftliche Statistiker:innen; Maurer:innen; BäckerInnen; Friseure/Friseurinnen, Maskenbildner:innen; Zuckerbäcker:innen; WarenhausverkäuferInnen; Maler:nnen, Anstreicher:innen; Techniker:innen mit höherer Ausbildung (Ing.) für Schwachstromund Nachrichtentechnik; Techniker:innen für Datenverarbeitung; Masseure/Masseurinnen; Händler:innen, Verkäufer:innen von Parfümerien, Wasch-, Haushaltsartikeln, Farben, Lacken; Glaser:innen; Technische Zeichner:innen; Kosmetiker:innen, Hand-, Fußpfleger:innen; Fleischer:innen; Isolierer:innen; Möbeltischler:innen; Einkäufer:innen; TechnikerInnen mit höherer Ausbildung (Ing.) für Wirtschaftswesen; Wirtschafter:innen, andere Hotel-, Gaststättenfachleute, Heimverwalter:innen; Stukkateur:innen; Händler:innen und Verkäufer:innen von Textil- und Bekleidungswaren; Reise-, Fremdenverkehrsfachleute.

Fachkräfte aus Kenia: So viel Potenzial

Internationale Fachkräftemigration kann neue Perspektiven eröffnen. Angelika Kiessling-Kranzelmayer erklärt, warum Kenia dabei besonders interessant ist und Integration von Anfang an mitgedacht werden muss.
© Pendl & Piswanger Internationale Fachkräftemigration kann neue Perspektiven eröffnen. Angelika Kiessling-Kranzelmayer erklärt, warum Kenia dabei besonders interessant ist und Integration von Anfang an mitgedacht werden muss.

Es ist keine Frage, dass der Fachkräftemangel ein Schlüsselthema für die Gegenwart und die Zukunft des auch demografisch so stark herausgeforderten Wirtschaftsstandortes ist. Angelika Kiessling-Kranzelmayer ist Mitglied der Geschäftsleitung des Personalberatungsunternehmens Pendl Piswanger und leitet den Bereich International Recruiting & Integration. Sie erklärt im Interview mit der Tiroler Wirtschaft, warum Kenia ein vielversprechendes Land für Fachkräftemigration ist.

Tiroler Wirtschaft: In enger Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe und dem Geschäftsführer der Lebenshilfe Tirol, Georg Willeit, im Speziellen hat das Personalberatungsunternehmen Pendl Piswanger für das Fachkräfte suchende Österreich vielversprechende Tore nach Kenia geöffnet. Sie beschäftigen sich intensiv mit internationaler Fachkräftemigration. Warum Kenia? Wie kam’s?

Angelika Kiessling-Kranzelmayer: Ich bin vor drei Jahren zum ersten Mal in der Region gewesen. Da habe ich eine „Learning Journey“ zu Digitalisierungsthemen gemacht und bin ganz begeistert zurückgekommen. Da liegt so viel Potenzial vor unserer Haustür. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist beispielsweise, dass dieser Raum in derselben Zeitzone liegt, was den Kontakt zu den Menschen unkompliziert macht. In der internationalen Fachkräftemigration ist das aus meiner Erfahrung ein großer Vorteil – etwa für die Integrationsvorbereitung aber auch zum Kontakthalten mit der Familie im Heimatland.

TW: Der riesige afrikanische Kontinent – mit seinen 54 anerkannten Staaten und einer Größe von über 30 Millionen Quadratkilometern – und ist für Europäer:innen oftmals eine große Unbekannte. Was macht Kenia so besonders?

AK: Kenia ist ein Land mit 55 Millionen Einwohnern und einem Altersdurchschnitt von 19 Jahren, von dem wir in Europa insbesondere im Bereich der Digitalisierung viel lernen können.

TW: Das klingt nach einer demografischen Umkehr zu dem, was wir haben…

AK: …stimmt. Kenia hat wirklich eine sehr junge Bevölkerung. Die jungen Menschen haben ganz tolle universitäre Ausbildungsmöglichkeiten, aber keine entsprechenden Jobperspektiven. Darum wird es von der kenianischen Regierung gezielt unterstützt, dass gut ausgebildete Menschen mit unterschiedlicher Erfahrung auch international Jobs finden. Uns es geht vermehrt darum, diese Fachkäftemigration zu unterstützen und dafür Sorge zu tragen, dass das wirklich seriös und ethisch auf höchstem Standard passiert.

TW: Georg Willeit, der bereits erwähnte Geschäftsführer der Lebenshilfe Tirol, hat in Kenia erfolgreiche erste Schritte beim Recruiting von Pflegekräften gesetzt. Pflege ist im Zusammenhang mit den Fachkräftemangel ein ganz großes Thema. Für welche anderen „Mangel-Bereiche“ sind Fachkräfte aus Kenia ein Hoffnungsschimmer?

AK: Ja, Pflegekräfte sind ein sehr wichtiger Bereich, aber auch Technische Fachkräfte, Handwerk, Hospitality und IT. Ich habe mit Pendl Piswanger ein Geschäftsfeld aufgebaut, das sich damit beschäftigt. Und da passt einiges zusammen, weil es ja darum geht, die richtigen Menschen für die richtigen Organisationen zu finden – Menschen, die einerseits von der Qualifikation, aber auch vom Cultural Fit passen.

TW: Was bedeutet Cultural Fit?

AK: Recruiting gelingt, wenn neben der Qualifikation, auch die Persönlichkeit zum Unternehmen passt. Man braucht, wenn es ums internationale Fachkräfte-Recruiting geht, das Know How zur Identifikation passender Kandidat:innen und die Prozesskompetenz zur legalen Einwanderungswegen. Stichwort Rot-Weiß-Rot-Card, Visa-Verfahren, Nostrifikation und so weiter.

TW: Das ist, weil die bürokratischen Wege höchst verschlungen sein können, ziemlich anspruchsvoll. Ist die Integrationsbegleitung ebenso herausfordernd?

AK: Ja, das ist ein Thema, das mir besonders am Herzen liegt. Es geht nicht nur darum, zu sagen, wir finden Leute und schauen, dass der Prozess passt, sondern wir wollen, dass die Integration gelingt. Wichtig ist die Sprachkompetenz, bei der es unterschiedliche Anforderungen gibt. Die Menschen müssen sich aber auch kulturell auf das Leben und Arbeiten in Österreich einstellen und vorbereiten. Dafür haben wir ein eigenes Integrationsprogramm entwickelt.

TW: Welche Faktoren sind dabei wichtig?

AK: Es gilt, gut zu erklären, was auf die Menschen im Alltag in Österreich zukommt. Dabei geht es darum, Gemeinsamkeiten sichtbar zu machen – und da gibt es sehr viele-, aber auch Unterschiede im beruflichen und gesellschaftlichen Alltag offen anzusprechen. Wenn es ein Match zwischen der Fachkraft und einem Unternehmen gibt, beginnt die Vorbereitung auf das Leben und Arbeiten in Österreich. Und das, selbst wenn der Prozess noch einige Monate dauert. In dieser Zeit gibt es schon Kontakt nach Österreich. Wir begleiten das, wir bereiten vor.

TW: Sie sind also von Beginn an eingebunden bis die Kandidat:innen in Österreich ankommen. Auch danach?

AK: Ja, wir begleiten dann auch in den Monaten nach der Ankunft. Wir stehen als Ansprechpartner:nnen weiterhin zur Verfügung, kümmern uns persönlich, dass das klappt und schauen auch, dass es eine lokale Vernetzung am Arbeitsplatz gibt – aber auch außerhalb. Es gibt eine „Kenian Diaspora Community“ in Österreich und wir arbeiten mit der Kenianischen Botschaft in Österreich zusammen, die hohes Interesse hat, dass das Ankommen gelingt.

TW: Integrationsbegleitung ist demnach ein Schlüssel?

AK: Oh ja. Und wenn wir das gut machen, dann ist das eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Das bewegt mich, weil wir dabei unterstützen, einen dringenden Fachkräftemangel in Österreich zu decken und gleichzeitig schaffen wir Perspektiven für Menschen, die gut ausgebildet sind und diese Perspektiven in ihrem Herkunftsland - wie eben Kenia – nicht in diesem Ausmaß haben. Das ist es, wo ich einfach viel Potenzial sehe.

TW: Spannend ist die Dynamik, die in Kenia dem Thema gegenüber herrscht – etwa, dass die offiziellen Stellen in Kenia es nicht als Braindrain betrachten, wenn junge, gut ausgebildete Menschen das Land verlassen…

AK: … richtig, es wird als Chance verstanden, Perspektiven für die eigene Bevölkerung zu schaffen.

TW: Für einen jungen Menschen ist es ein Riesenschritt, die Heimat zu verlassen.

AK: Ja, das sind große Entscheidungen und wenn hier, also in Tirol oder Österreich, alles passt, dann werden sie auch hier bleiben. Selbst wenn sie nach fünf Jahren sagen, jetzt gehe ich wieder zurück nach Kenia, haben sie hoffentlich super Erfahrungen gemacht und machen Werbung für Österreich. Dann spricht man von Circular Migration. Wenn die Menschen in Österreich bleiben, ist das langfristig etwas, was beiden Ländern, Österreich und Kenia hilft.

TW: Ab welcher Betriebsgröße „rentiert“ sich bei der Suche nach Fachkräften der Blick nach Kenia?

AK: Für jede Unternehmensgröße, auch für kleine. Voraussetzung für die Erteilung einer Rot-Weiß-Rot-Karte ist ein Beruf, der auf der Mangelberuf-Liste steht oder eine Rolle als Schlüsselkraft. Das Briefing, also die Frage, wen suche ich und für welche Position, ist natürlich das Wichtigste, denn je genauer diese Rolle beschrieben ist, umso genauer können wir schauen, ob es jemanden gibt, der diese Anforderungen mitbringt. In der zweiten Phase beginnt die aktive Suche, die dadurch, dass wir jetzt schon sehr gute Kontakte aufgebaut haben, gemeinsam mit der Lebenshilfe ein Büro in Nairobi betreiben und es bereits Kooperationen mit Bildungseinrichtungen gibt, gut gelingt. Im Bereich der Pflege verfügen wir bereits über ein „Pool“ an Kandidat:innen, die interessiert und qualifiziert sind und bereits über ein Deutsch-Sprachniveau B1 verfügen. Dann beginnt ein normaler Bewerbungsprozess. Der findet ja auch in Österreich schon vielfach online statt. Es funktioniert sehr gut, die Kandidat:innen virtuell kennenzulernen. Gibt es eine Entscheidung und auch eine Einstellungszusage seitens der Arbeitgeber:innen, können die Behördenprozesse und die Integrationsvorbereitung starten.

TW: Welchen Stellenwert hat das Sprachniveau in dem ganzen Prozess?

AK: Das ist ein wichtiges Thema. Momentan merken wir auch in Kenia, dass die Sprachschulen für Deutsch stark wachsen. Wir sehen, dass das Deutschlernen gut funktioniert, und unterstützen im Rahmen der Integrationsvorbereitung mit Konversationsklassen mit Österreicher:innen.

TW: Sie sind da mit Herz und Seele dabei…

AK: …ja, weil das ein gesellschaftspolitisch hochrelevantes Thema ist. Es geht um die strukturierte Migration und Integration qualifizierter Fachkräfte und es gibt Möglichkeiten, diesen Prozess wirklich gut zu gestalten. Es ist ein Wettbewerbs-Thema für unsere Wirtschaft.