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Karl Rose
© Foltin Jindrich/WirtschaftsBlatt/picturedesk.com

"Europa zahlt den Großteil der Klimawende"

Energiemarktexperte Karl Rose über hohe Benzinpreise, die Kosten der Klimawende und Bedrohungen durch chinesische Komponenten in E-Autos und PV-Anlagen.

Lesedauer: 5 Minuten

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Aktualisiert am 08.06.2026


Die Inflation ist zuletzt auf 3,7 Prozent gestiegen. Getrieben wird diese Entwicklung auch über die hohen Energiepreise durch die Situation im Nahen Osten. Sehen Sie diesbezüglich eine Per­spektive für eine Lösung? 

Das ist nicht etwas, was man akkurat vorhersagen kann. Es kann sich durchaus noch ein paar Wochen hinziehen, aber ich erwarte, dass die Situation nicht komplett entgleiten wird und sich spätestens bis September klärt. Wenn es länger dauern sollte, wäre es für die Weltwirtschaft ein Problem.

Warum?

Produkte wie Flugtreibstoffe sind bis ungefähr Juli, August preislich abgesichert. Danach wird es teurer. Die wirklichen Auswirkungen spürt man daher weniger bei Diesel und Benzin, sondern beim Flugbenzin, das Europa in hohem Maße importieren muss. 

An den Tankstellen spürt es aber auch jeder Autofahrer.

Ich verstehe nicht, warum sich die Leute bei dieser Benzinpreiserhöhung so aufregen. Ja, Tanken ist teurer geworden, aber für einen Großteil der Autofahrer ist das auszuhalten – vielleicht nicht, wenn Sie Frächter sind und 100.000 Liter pro Monat tanken. Da sehe ich ein, dass das schwierig ist. Oder wenn Sie täglich 100 Kilometer zur Arbeit fahren müssen.

Die Bundesregierung hat jedenfalls mit einer Spritpreisbremse reagiert.

Das hätte ich in dieser Form nicht gemacht. Aufwand und Effekt stehen in keiner vernünftigen Relation. Mit Markteingriffen muss man immer sehr vorsichtig sein.

Parallel klagt auch die Wirtschaft über hohe Energiepreise. Hätten Sie auch kein Industriestrompaket geschnürt?

Die hohen Energiepreise in Europa sind strukturell begründet und durch die aktuelle Krise nicht verursacht. Wir haben uns in Europa bewusst gegen fossile Energien und für den großflächigen Übergang zu Erneuerbaren entschieden. Damit geht auch eine CO2-Bepreisung einher, um durch Preissignale zielgerichtet zu entkarbonisieren. Das europäische Emissionshandelssystem führt aber auch dazu, dass 80 Prozent der weltweiten CO2 Kosten in Europa anfallen. In Kombination mit anderen ungünstigen Standortfaktoren führt es dazu, dass wir strukturell einen viel höheren Energiepreis als Amerika und China haben – teilweise bis zum Dreifachen. Die CO2-Preise sind in Europa schon bei 110 Euro pro Tonne gelegen, rangieren jetzt wieder bei 60, liegen in den USA und China aber bei 10 bis 20 Euro pro Tonne. Das kann man durch einen Industriestrompreis zwar abmildern, wird man aber nie ganz aufheben können. Für die energieintensiven Sektoren der Wirtschaft, die im internationalen Wettbewerb stehen, wird man daher um einen Industriestrompreis nicht herumkommen.

Heißt das, wir können uns die Klimawende eigentlich nicht leisten?

Nein, aber es ist eine Frage der Ausgestaltung der Rahmenbedingungen.  Was bisher in Europa gefehlt hat, ist eine ausgewogene Balance zwischen Klimaschutz, Energiesicherheit und Energiepreisen, also der Leistbarkeit der Energie. Da hat man sich in den letzten Jahren zu sehr auf den Klimaschutz fokussiert, Stichwort „Green Deal“,  und die Absicherung unserer Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Konkurrenten wie China und USA vernachlässigt. Ohne starke Wertschöpfung in Europa können wir unseren sozialen Wohlstand nicht erhalten, darum ist der Interessensausgleich zwischen den drei Eckpunkten der Energieversorgung auch so wichtig. 

Geld braucht es auch für den notwendigen Ausbau der Netzinfrastruktur. Kann Energie demnach überhaupt jemals wieder billiger werden, ohne dass der Staat irgendwie interventiert? 

Ja, Energie wird schlussendlich wieder billiger werden, wenn der Aufbau der neuen Infrastruktur abgeschlossen ist und wir einen Überschuss an Erzeugungs- und Speicherkapazität im System haben werden. Wir sind jetzt in einer Übergangsphase, in der wir eine Infrastruktur nutzen, die unsere Großeltern nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut haben und von der wir jetzt noch profitieren. Jetzt ist es an uns, für unsere Nachkommen das Gleiche zu tun, da haben wir Pech gehabt. Das ist teuer. Da haben wir Pech gehabt.

Man sollte sich seinen Jahrgang besser aussuchen.

In 30 Jahren sind auch diese neuen Investitionen abgeschrieben. Aber in einer Übergangsphase, wo alternative Energien, die anfangs teurer sind als fossile, ins System integriert werden müssen, kann es – wenn man die Gesamtkosten des Systems betrachtet, keinen billigen Strom geben. Das geht einfach nicht. Oder der Staat übernimmt die Kosten, wobei dafür am Ende ja wieder der Steuerzahler aufkommen würde.

Österreich strebt bis 2030 bilanzmäßig eine Selbstversorgung mit erneuerbaren Energien an. Geht sich das aus?

Das könnte durchaus möglich sein. Wenn wir wie heuer 30 Prozent weniger Wasserführung in den Flüssen für unsere Kraftwerke haben, wird es aber schwieriger. Auch müssten wir mehr in Windenergie investieren. Da liegen wir planmäßig zurück. Im Gegensatz zu Solarenergie. Da werden wir die Ziele wahrscheinlich sogar übererfüllen. Die Einspeisung von PV-Anlagen auf Privathäusern  wird für die Netze dadurch bereits zunehmend zum Problem. Hier wird es weiterhin große Anstrengungen im Netzausbau und der gezielten Steuerung der Nachfrage geben müssen. Eigentlich müsste es schon ein Verbot für PV-Anlagen auf Privathäusern geben – außer die Besitzer verbrauchen diese Energie selbst.

Die EU hat Förderprogramme für PV-Anlagen eingestellt, in denen Wechselrichter aus China eingebaut sind. Schrauben wir uns da eine neue Bedrohung aufs Dach?

Man hat in einigen Komponenten aus China – auch in Autos und Bauteilen für die Industrie – anscheinend teilweise undokumentierte Kommunikationsmittel gefunden. Das verursacht Unsicherheit, da man Teile der kritischen Infrastruktur, wie zum Beispiel Stromnetze, keinen potenziellen Eingriffen durch Dritte aussetzen sollte.  Cyberattacken und Ähnliches sind eine Art der Kriegsführung, die es ja bereits gibt. Wenn die Leute glauben, eine Bedrohung geht nur von Panzern aus, dann irren sie sich. Darum ist Vorsicht in diesem Bereich immer besser als Nachsicht und die Europäische Union ergreift darum Schritte, um unsere Infrastruktur in Europa gegen jegliche Attacken von außen zu schützen.