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Helmut Eichlseder<br />
© TU Graz/Lunghammer

„Es ist ein wirtschaftspolitisches Drama“

Motor-Experte Helmut Eichlseder über Stärken und Schwächen der europäischen Autoindustrie, alternative Treibstoffe und Chinas Wachstumsstrategie.

Lesedauer: 4 Minuten

Aktualisiert am 17.09.2026

Sie haben die Entwicklung des Mobilitätsstandorts Steiermark in den letzten Jahren wissenschaftlich begleitet. Wie besorgt sind Sie angesichts der aktuellen Entwicklungen?

Helmut Eichlseder: Schon sehr besorgt. Es ist insgesamt ein europäisches wirtschaftspolitisches Drama, das sich vor allem auch auf eine wichtige Säule – nämlich die Automobilindustrie – auswirkt. Diese ungünstigen Rahmenbedingungen sparen auch die für die Steiermark wichtige Zulieferindustrie nicht aus, da die großen europäischen Hersteller unter Druck sind und sich aktuell darauf konzentrieren, die eigene Belegschaft zu beschäftigen, bevor Aufträge nach außen vergeben werden. 

Ist die steirische Automotive-Branche konkurrenzfähig – oder zu verbrennerlastig?

Wir haben tolle Firmen wie – weiterhin – die AVL oder Magna, aber auch einige Hidden Champions. Die aktuelle Situation hat weniger mit Antriebstechnologien zu tun als mit den Rahmenbedingungen.

Reglementiert sich Europa in einen Wettbewerbsnachteil?

Tatsächlich laufen wir Gefahr, dass wir unsere Industrie selbst abschaffen. Ich will keine Planwirtschaft und auch nichts bewerten, aber nüchtern betrachtet ist die strategische Ausrichtung Chinas mit der „Roadmap 2030“ sehr erfolgreich. Sie wird als staatspolitisches Ziel umgesetzt. Dazu kommt ein umfassender Zugriff auf Rohstoffe und Lieferketten und das 9-9-6-Arbeitszeitmodell….

… arbeiten von 9 bis 21 Uhr, sechs Tage die Woche…

… das sich doch signifikant von dem bei uns unterscheidet.

Helmut Eichlseder
© KK Helmut Eichlseder war Leiter des Instituts für Thermodynamik und nachhaltige Antriebssysteme an der TU Graz. Am vergangenen Donnerstag hielt er zusammen mit Andreas Wimmer sein „Abschiedskolloquium“ in Form eines hochkarätigen Symposiums in Graz.

Hat die europäische Autoindustrie und Politik die Entwicklung unterschätzt?

Die dogmatische Festlegung auf eine einzige technologische Lösung – nämlich die batterieelektrische – noch dazu auf Basis der falschen Annahme, dass der dafür notwendige Strom mit null Emissionen angesetzt wurde, ist nicht aufgegangen. Da wurde viel Geld versenkt. Diese Festlegung war und ist auch mit Blick auf die Praxis nicht sinnvoll, weil nicht die eine Lösung für alle Anwendungen passen wird. Es kommt immer auf das individuelle Fahrprofil an. Was man den europäischen Herstellern aber vorwerfen kann, ist, dass sie Hybridlösungen nur als Zwischenschritt abgetan haben.

Die EU hat ihr Zulassungsverbot für Verbrenner gekippt. Ab dem Jahr 2035 soll statt 100 Prozent eine 90-prozentige Senkung des CO2-Ausstoßes für die Flottenziele verpflichtend werden. Wird der Klimaschutz auf den Parkplatz gestellt?

Was man übersieht, ist die Bestandsflotte von rund 1,3 Milliarden Fahrzeugen, die noch mindestens 15 Jahre unterwegs ist. Hier mit nachhaltigen Kraftstoffen anzusetzen, wäre der größte Hebel für das Klima.

Sind E-Fuels eine sinnvolle Brückentechnologie?

Ja, weil sie schnell in der Bestandsflotte wirksam würden. Solange sie aber nicht vom Gesetzgeber anerkannt und damit für die Anbieter zu einem Business-Case werden, wird es im industriellen Maßstab nicht schnell gehen. Ihr Wirkungsgrad relativiert sich allerdings, weil man die notwendigen Strommengen nicht nachhaltig in Europa produzieren kann und sie deshalb aus Regionen importieren müsste, in denen es doppelt so große Erntemengen für Sonnen- und Windenergie gibt.

Was ist aus der Zukunftshoffnung Wasserstoff geworden?

Er ist ein wichtiger und notwendiger Pfeiler für die gesamte Energiewirtschaft. Für Pkw fehlen aber Tankstellen, da baut man in Europa stattdessen die batterieelektrische Infrastruktur aus. Aber für Lkw auf der Langstrecke kann diese Technologie – weil CO2-frei und ohne tonnenschwerer Batterien – auch in Europa Fuß fassen.