„Jugend fit machen für Veränderung“
„Bindung zu einem Unternehmen entsteht, wo Verantwortung übernommen werden darf“, sagt Ali Mahlodji, Gründer der Berufsorientierungsplattform „whatchado“.
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Jungen Menschen wird heute vielfach fehlende Leistungsbereitschaft vorgeworfen. Haben sie tatsächlich weniger Lust, zu arbeiten?
Ali Mahlodji: Sie haben weniger Lust auf Arbeit, deren Sinn sie nicht verstehen. Wir müssen daher genauer hinschauen: Junge Menschen fragen heute viel stärker: Wofür mache ich das? Was lerne ich dabei? Mit wem arbeite ich? Und kann ich mich dabei selbst entwickeln? Das ist keine Generation, die nicht arbeiten will. Es ist eine Generation, die sehr früh gelernt hat, Fragen zu stellen. Genau das sollten wir nicht als Problem sehen, sondern als Chance. Die Arbeitswelt verändert sich ohnehin. Wer heute junge Menschen gewinnen und halten will, muss deshalb nicht weniger verlangen, sondern anders führen: mit Sinn, Vertrauen, Entwicklungsmöglichkeiten und echter Verantwortung.
Unternehmen wünschen sich selbständige junge Mitarbeiter. Das Bildungssystem, in dem sie sozialisiert werden, fördert aber eher richtige Antworten als eigene Entscheidungen. Ist es da fair, beim Berufseinstieg Selbstverantwortung zu verlangen?
Nein. Selbstverantwortung kann man nicht einfach auf ein Namensschild schreiben und erwarten, dass sie plötzlich da ist. Führung bedeutet deshalb, Räume zu schaffen, in denen Menschen Verantwortung übernehmen können.
Zur Person
Welche Fähigkeiten müssen Berufseinsteiger demnach selbst mitbringen?
Natürlich braucht es fachliche Kompetenz. Aber mindestens genauso wichtig sind Fähigkeiten, die wir oft als „Soft Skills“ abtun, obwohl sie überlebenswichtig sind: Kommunikation, Eigenverantwortung, Neugier, Teamfähigkeit, Umgang mit Fehlern, digitale Kompetenz, kritisches Denken und vor allem die Fähigkeit, weiterlernen zu wollen. Denn niemand kann heute seriös sagen, welche konkreten Fähigkeiten ein junger Mensch in zwanzig Jahren brauchen wird. Deshalb müssen wir junge Menschen nicht für einen einzigen Beruf fit machen. Wir müssen sie fit machen für Veränderung.
Was müsste sich dafür in der Schule und Berufsausbildung ändern?
Wir müssen aufhören, Schule nur als Ort zu betrachten, an dem Wissen vermittelt wird. Wissen ist heute überall verfügbar. Die entscheidende Frage ist: Was mache ich daraus? Junge Menschen müssen lernen, Fragen zu stellen, Probleme zu lösen, mit Unsicherheit umzugehen und Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen. Und sie müssen die echte Welt erleben in Unternehmen, sozialen Einrichtungen, Start-ups, in der Kreativwirtschaft oder Technologie. Bildung darf nicht nur auf die Prüfung vorbereiten, sie muss auf das Leben vorbereiten.
Was muss ein Unternehmen heute bieten, damit eine Ausbildung attraktiv ist?
Eine Lehrstelle darf nicht einfach ein günstiger Einstieg in den Arbeitsmarkt sein. Sie muss ein echter Entwicklungsraum sein. Junge Menschen wollen wissen: Was kann ich hier lernen? Wer begleitet mich? Welche Verantwortung darf ich übernehmen? Und welche Perspektive habe ich danach? Und es kommt etwas sehr Einfaches dazu: Sie wollen als Mensch gesehen werden. Warum manche Unternehmen von Bewerbungen überrannt werden und andere kaum Nachwuchs finden, hat deshalb nicht nur mit Gehalt oder Branche zu tun. Es geht um die Erfahrung, die ein junger Mensch mit diesem Unternehmen verbindet. Wie wird kommuniziert? Wie werden Lehrlinge behandelt? Dürfen sie Fragen stellen? Werden Fehler als Lernchance gesehen? Gibt es echte Entwicklung? Wenn ein Unternehmen jungen Menschen das Gefühl gibt: „Du bist bei uns nicht nur eine Nummer, sondern jemand, der Zukunft mitgestalten kann“, dann wird aus einer freien Lehrstelle plötzlich eine echte Chance. Und genau darum geht’s mir: Wir müssen jungen Menschen nicht erklären, dass sie unsere Zukunft sind. Wir müssen ihnen Räume geben, in denen sie ihre Zukunft selbst gestalten können.
Haben wir diesbezüglich ein Vermittlungs- und Orientierungsproblem?
Wir haben definitiv ein Arbeitskräfteproblem – und gleichzeitig ein Orientierungsproblem. Auf der einen Seite suchen Unternehmen dringend Menschen, auf der anderen Seite wissen junge Menschen oft überhaupt nicht, welche Möglichkeiten ihnen offenstehen. Das Verrückte ist: Wir reden viel zu oft darüber, dass Jugendliche „nicht wissen, was sie wollen“. Vielleicht müssten wir stattdessen fragen, ob wir ihnen überhaupt genug Möglichkeiten geben, herauszufinden, was sie können. Wir müssen die Brücke zwischen jungen Menschen und Unternehmen viel früher und viel besser bauen.
Das Aufstiegsversprechen an Jugendliche – gute Ausbildung, sicherer Arbeitsplatz, gesichertes Leben – gilt nicht mehr. Was tritt an dessen Stelle?
Heute können wir diese Linearität tatsächlich nicht mehr garantieren. Die größte Sicherheit der Zukunft ist nicht ein Arbeitsplatz, der für immer gleich bleibt. Es ist die Fähigkeit, sich immer wieder neu orientieren und weiterentwickeln zu können, und genau dabei müssen Unternehmen junge Menschen unterstützen.