Zum Inhalt springen
Portrait Markus Fallenböck
© Joel Kernasenko

„KI ist eine große Chance für Europa“

Markus Fallenböck, Vizerektor der Uni Graz und Spezialist für die rechtliche und wirtschaftliche Umsetzung der digitalen Transformation, über DSGVO, KI & Co.

Lesedauer: 4 Minuten

Einen Moment bitte. Ladevorgang läuft ...
0:00
Audio konnte nicht geladen werden. Erneut versuchen
0:00
0:00
Aktualisiert am 21.05.2026

Vor genau acht Jahren wurde die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) in der EU eingeführt. Unternehmer klagen bis heute, sie sei aufwendig, umständlich und teuer, bringe aber sehr wenig. Stimmen Sie dem zu?

Die DSGVO war sicher gut gemeint, ist am Ende aber über das Ziel hinausgeschossen. Sie schert alle Unternehmen über einen Kamm. Ein KMU hat im Wesentlichen dieselben Verpflichtungen wie ein Weltkonzern. Es gibt zwar große Unterschiede bei den Strafen, da sie sich am Jahresumsatz bemessen. Ansonsten hat man in keinster Weise eine Differenzierung gemacht. Die wäre aber notwendig gewesen. Das Thema Datenschutz hat in einem internationalen Konzern eine andere Dimension als in einem Tischlereibetrieb aus der Südsteiermark.

Inzwischen kamen unter anderem der AI Act und das Lieferkettengesetz dazu.

Diesbezüglich muss man der EU attestieren, zumindest in Teilen gelernt zu haben, indem sie im AI Act Risikostufen eingeführt hat. Auch beim Lieferkettengesetz gab es ein Umdenken. Es war ja auch ein hochidealistischer Ansatz, zu glauben, von Europa aus alle Lieferketten kontrollieren zu können. Das ist sicher gut gemeint – aber eine Selbstüberschätzung.

Portrait Markus Fallenböck Zur Person
Markus Fallenböck hat an der Universität Graz und der Yale Law School Rechtswissenschaften studiert, ist Universitätsprofessor für Technologie- und Innovationsrecht, war Medien-Manager und ist aktuell Vizerektor für Personal und Digitalisierung an der Karl-Franzens-Universität.

Wie nehmen Sie grundsätzlich den Umgang mit Künstlicher Intelligenz wahr?

Wir erleben eine typische Hype-Kurve, auf der wir gerade Richtung Tal der Ernüchterung unterwegs sind. 2022, 2023 gab es eine Phase, in der alle geglaubt haben, mit KI könne man alle Probleme lösen. Jetzt passiert etwas, was immer wieder passiert: Wir überschätzen die kurzfristigen Auswirkungen und wir unterschätzen die langfristigen Folgen.

An was machen Sie das fest?

Viele haben ihre Chatbots ausgerollt und es wird auch intensiv diskutiert, wo denn jetzt der Produktivitätsgewinn liegt. Es gibt Studien, die sagen, bis zu 20 Prozent sind machbar, in speziellen Anwendungsfällen auch mehr, beispielsweise in den Bereichen Softwareprogrammierung, Kundenbeziehungen und Marketingsteuerung. Das darf man nicht unterschätzen. Aber wenn man darüber hinaus mit Unternehmern und Organisationen spricht, sagen die meisten: Überschaubar. Tatsächlich tun sich sehr viele schwer, den KI-Einsatz wirklich in steigende Produktivität umzumünzen. 

Auch aus Angst, der eigene Arbeitsplatz werde wegrationalisiert, wenn eine KI-Umsetzung funktioniert?

Das ist sicher ein Thema. Und es ist der typische europäische Geist: Wir diskutieren einmal ganz intensiv über Risiken und Gefahren und kommen vielleicht und erst ganz am Schluss zu den Chancen. Das hat auch damit zu tun, dass wir mit KI noch sehr stark über Chatbots arbeiten und da die gewaltigen Möglichkeiten sehen – beispielsweise wenn ein Industriebetrieb für eine Marktstudie nicht mehr drei Wochen braucht, sondern nur noch zwei Tage. Aber man ist damit noch nicht im Kernprozess eines Unternehmens. Dieser Schritt ist aber entscheidend, weil er den wirklichen Mehrwert bringt. An diesem Punkt liegt die große Chance von Europa.

Warum?

Weil wir im globalen Vergleich immer noch relativ am meisten Ahnung haben von industriellen Fertigungsprozessen, zum Beispiel im pharmazeutischen und Automotive-Bereich, im Maschinenbau. Ziel muss es daher sein, die KI dort in die Kernprozesse zu bekommen und sich so Wettbewerbsvorteile zu holen. Und es wäre auch eine Chance, eine strategische Schwäche von Europa auszugleichen.

Nämlich?

Die KI ist eine Riesenchance, auch die Bürokratie wieder handelbar zu machen. Viele bürokratische Prozesse wie das Ausfüllen von Formularen kann die KI auch. So könnten Wettbewerbsnachteile von Europa ausgeglichen und im Optimalfall in einen Vorteil verwandelt werden.

Was, wenn etwas passiert? Braucht es ein eigenes KI-Haftungsrecht?

Ich bin diesbezüglich sehr vorsichtig. Man muss aufpassen, dass man die – ohnehin schon sehr zersplitterte – Rechtsordnung nicht noch weiter zersplittert. Tatsächlich wird bei Künstlicher Intelligenz aber diskutiert, ob wir nicht einmal in eine Situation kommen, in der es eine Art Haftpflichtrechtslogik braucht.

Wie im Kfz-Bereich?

Angesichts der Geschwindigkeit und Tiefe, mit der sich KI-Technologien verbreiten, kommen wir an einen Punkt, an dem man sagen kann, dass es vergleichbar ist: Jeder nutzt es, es spielt eine extreme Rolle im Wirtschaftsleben, aber es gibt Risiken. Wie lösen wird das? Wenn man eine KI-Anwendung kommerziell betreibt, wäre eine Lösung tatsächlich ein Modell, das über eine Art Haftpflichtversicherung das Risiko sozialisiert, für den Fall, dass durch die KI irgendwelche Schäden produziert werden.