Wachstum bei Meistern, Minus bei Lehrstellen
Die Lehre spürt den demografischen Wandel und die angespannte konjunkturelle Lage: Die Lehrlingszahlen gehen zurück. Umgekehrt gibt es bei den Meister- und Befähigungsprüfungen einen historischen Höchststand.
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Licht und Schatten prägen die aktuelle Lage am steirischen Berufsausbildungsmarkt. So hat die Zahl der erfolgreich abgeschlossenen Meister- und Befähigungsprüfungen im vergangenen Jahr einen historischen Höchststand erreicht: Noch nie seit Einführung des modularen Prüfungssystems wurden so viele Meisterbriefe (232 Männer, 68 Frauen) und Befähigungsurkunden (389 Männer, 163 Frauen) verliehen wie für 2025 (siehe Grafik unten). Insgesamt haben damit 852 Kandidatinnen und Kandidaten im letzten Jahr ihre Berufsausbildung erfolgreich abgeschlossen, davon mit 462 traditionell die meisten im Gewerbe und Handwerk, der größten Sparte in der Wirtschaftskammer.
Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem kräftigen Zuwachs von 32 Prozent. Der Boom ist nicht zuletzt auf die Übernahme der Prüfungsgebühren für den Erst- und Zweitantritt bei Modulprüfungen sowie für die Unternehmerprüfung durch die öffentliche Hand zurückzuführen. Zudem ist die Meister- und Befähigungsprüfung seit 2018 einem Bachelorstudium gleichgestellt.
Am Beginn der Berufsausbildung hat sich die angespannte Lage dagegen prolongiert: So wurden mit Ende Dezember in der Steiermark 14.442 Lehrlinge ausgebildet – um 3,3 Prozent weniger als im Jahr davor. „Dieser Rückgang ist aber kein mangelndes Bekenntnis zur beruflichen Ausbildung“, relativiert WKO-Steiermark-Präsident Josef Herk. Vielmehr sieht er die unerfreuliche Entwicklung als Folge der herausfordernden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
In wirtschaftlich schwierigen Zeiten kann die berufliche Qualifikation ein entscheidender Faktor sein.
Christian Kolbl
WKO Steiermark
Lehrlinge immer älter
Besonders deutlich zeigt sich der aktuelle Trend bei den Neueintritten, die 2025 ingesamt um 5,3 Prozent auf 4.292 zurückgingen: Davon begannen 4.004 Jugendliche eine betriebliche Lehre – um 5,5 Prozent weniger als 2024. In der überbetrieblichen Lehrausbildung sank die Zahl der Lehranfänger von 299 auf 288 (minus 3,7 Prozent) ebenfalls.
Veränderungen gibt es auch in der Altersstruktur. So lag der Anteil der 15-jährigen Steirerinnen und Steirer, die sich für eine Lehre entschieden, 2025 bei 37 Prozent. Schon in den letzten Jahren ist das Durchschnittsalter der Lehrlinge im ersten Lehrjahr kontinuierlich angestiegen und lag zuletzt bei 16,8 Jahren. Vor diesem Hintergrund warnt Herk: „Wenn wir die Lehre jetzt nicht konsequent forcieren, wird – verschärft durch die demografische Entwicklung – der Mangel an Fachkräften zum Flaschenhals.“ Christian Kolbl, Leiter der Lehrlings- und Meisterprüfungsstelle in der WKO Steiermark, führt den Trend unter anderem auch auf die zunehmende Bedeutung der Lehre im zweiten Bildungsweg oder nach der Matura zurück. Rund 2.000 steirische Jugendliche nutzten 2025 das kostenlose Angebot, während beziehungsweise im Anschluss an die Lehre (der maximal mögliche Zeitraum beträgt fünf Jahre) die Berufsmatura-Vorbereitungskurse zu besuchen.
Zur besseren Sichtbarmachung der Ausbildungsmöglichkeiten hat die Sparte Industrie der WKO Steiermark gemeinsam mit der IV-Steiermark eine Online-Plattform installiert, auf der offene Lehrstellen gesammelt und übersichtlich dargestellt werden. „Die Lehre ist ein zentraler Erfolgsfaktor für unsere Wettbewerbsfähigkeit“, betont Markus Ritter, Vorsitzender der „Plattform Industrie“-Initiative und WK-Spartenobmann, und verweist auf die aktuell 1.140 offenen Lehrstellen in steirischen Industriebetrieben.
Insgesamt ist die Auswahl an verschiedenen Lehrberufen jedenfalls so groß wie nie. So wurden allein in der Steiermark im Vorjahr Lehrlinge in rund 170 Berufen ausgebildet. Metalltechnik und Einzelhandelskauffrau sind dabei nach wie vor die Top-Lehrberufe in der Steiermark (siehe Grafiken weiter unten).
In 54 Berufen steht am Ende der Ausbildung im besten Fall die Verleihung des Meisterbriefs beziehungsweise der Befähigungsurkunde. „Sie sind Zeugnisse für überdurchschnittlichen Einsatz und den Willen, anzupacken“, streicht Spartenobmann Johann Reisenhofer die Bedeutung dieses Karriereschritts Richtung Selbständigkeit heraus. „Fachliche Top-Qualifikation ist die richtige Antwort auf die aktuellen Herausforderungen“, betont auch Herk: „Wer auf eine Lehre mit anschließender Meister- oder Befähigungsprüfung setzt, hat bereits in jungen Jahren die Weichen für den späteren beruflichen Erfolg gestellt.“