Durch Umwege aufs Dach
Vom Büro auf die Baustelle: Clemens Völlenklee lernt Spengler bei der IAT. Dank HAK verkürzt sich seine Lehre um ein Jahr.
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Es war ausgerechnet ein Pflichtpraktikum, das Clemens Völlenklee die Richtung wies – nur eben in die entgegengesetzte. Beim Magistrat saß der Handelsschüler den ganzen Tag am Computer, schrieb Mails, erledigte immer dieselben Abläufe. „Das war nichts für mich“, sagt der 19-Jährige heute. Dabei hatte lange alles auf eine Bürolaufbahn hingedeutet: Als Nachwuchs-Skispringer wählte er die Handelsschule, weil sie sich gut mit dem Sport vereinbaren ließ. Nach Abschluss und Grundwehrdienst stand der Entschluss dann rasch fest. Wenn schon arbeiten, dann mit den Händen, im Freien, jeden Tag anders. Familie und Freunde trugen die Entscheidung mit: „Sie haben mich immer unterstützt und mir gesagt, ich soll das machen, was mir am besten gefällt“, erzählt Clemens. Zweifel gab es anfangs trotzdem – sie verflogen schnell.
Den Weg in die Spenglerei ebnete ihm sein Bruder. Der 21-Jährige arbeitet als Zimmerer bei der IAT GmbH, dem Spezialisten für Abdichtung und Spenglerei im Porr-Konzern. Clemens ging mit, schaute zu – und merkte bald, dass ihm Holz weniger liegt als Blech. Rund 50 Blechsorten verarbeitet der Betrieb in Kematen, von Edelstahl bis Kupfer, zu Fassaden, Regenrinnen und Abdeckungen aller Art. Vier Spengler-Lehrlinge zählt der Betrieb derzeit. Was ihn am Beruf fasziniert? „Generell die Arbeit mit dem Blech“, sagt Clemens. Am liebsten oben, auf dem Dach.
Sieben Meter Blech, vier Hände
Sein Arbeitstag beginnt um sieben Uhr. In der Halle werden die Bleche an teils computergesteuerten Biegemaschinen millimetergenau vorgefertigt, dann geht es fixfertig aufgeladen auf die Baustelle – auch über die Landesgrenze nach Vorarlberg. Blechbahnen von bis zu sieben Metern Länge tragen die Spengler zu zweit aufs Dach, einer falzt, einer haftet an, dann wird getauscht. Ist oben noch etwas herzurichten, etwa ein Kamin einzufalzen, wird das Blech direkt am Dach angebogen und zugeschnitten. Tropfbleche zusammenlöten zählt zu Clemens’ Lieblingsarbeiten. Gefährlich ist dabei weniger das Gewicht des Materials als seine Schärfe: Ohne Stichschutzhandschuhe geht am Blechdach gar nichts, und an die Maschinen wird der Lehrling erst Schritt für Schritt herangeführt. Dazu kommt das Wetter. Im Sommer wirft das Blech die Hitze zurück, Schatten gibt es auf dem Dach keinen. „Bei der Hitzewelle vor kurzem war es schon brutal anstrengend“, erzählt Clemens. Dann helfen kurze Trinkpausen – und Durchbeißen. Getränke, Sonnencreme, Kühlbänder und Kopfbedeckung stellt der Betrieb. Nach Feierabend um 16.30 Uhr wartet meist noch das Fußballtraining im Verein.
Familie und Freunde haben mich immer unterstützt. Sie haben mir gesagt, ich soll das machen, was mir am besten gefällt.
Clemens Völlenklee
Das geschenkte Jahr
Sein Bildungsweg zahlt sich nun doppelt aus. Weil Clemens die Handelsschule abgeschlossen hat, verkürzt sich seine Lehrzeit von drei auf zwei Jahre. Und weil er die Lehre nach dem 18. Geburtstag begonnen hat, greift eine Besonderheit des Bau-Kollektivvertrags: Ihm gebührt von Anfang an das Lehrlingseinkommen des dritten Lehrjahres. Dazu kommt ein Arbeitszeitmodell mit langen und kurzen Wochen, jeder zweite Freitag ist frei. Ausgebildet wird nach einem Programm, das auf dem gesetzlichen Ausbildungsplan der Wirtschaftskammer aufbaut und vom Betrieb zu einem eigenen, detaillierten Plan weiterentwickelt wurde – inklusive halbjährlicher Bewertung, was der Lehrling schon beherrscht und was noch fehlt. Auch die Berufsschule verkürzt sich: Clemens steigt direkt in die zweite Klasse ein. Sorgen macht ihm das keine – und seinem Ausbilder ebenso wenig. Einen Spengler, der an der Schule gescheitert wäre, hat der noch nicht erlebt.
Ganz abgeschrieben hat Clemens seine kaufmännische Ausbildung dabei nicht. Für die tägliche Arbeit am Dach braucht er sie kaum, als Absicherung taugt sie trotzdem: Sollte es ihn später einmal in die Technik oder ins Büro ziehen, steht ihm dieser Weg offen — am Bau keine Seltenheit, viele Fachkräfte wechseln nach Jahren auf der Baustelle in Planung oder Bauleitung. Bis dahin zählt für ihn das Handwerk selbst: messen, anreißen, biegen, falzen. Millimeterarbeit, bei der handwerkliches Geschick ebenso gefragt ist wie Wetterfestigkeit. Denn wer beim Zuschnitt um Millimeter danebenliegt, liegt am First schnell um Meter daneben.
Mehr Erzieher als Ausbilder
Hinter dem Einzelfall steht eine Strategie. Franz Krammer, Lehrlingsbeauftragter der Porr für Tirol und Vorarlberg, hat die Lehrlingsinitiative vor acht Jahren mitaufgebaut – damals mit knapp 20 Lehrlingen in fünf Berufen. Heuer zählte er bereits über 140 Bewerbungen, im September dürfte der Konzern in Tirol rund 90 Lehrlinge in 14 Lehrberufen ausbilden. „Wir bilden selbst aus, weil wir unsere Facharbeiter:innen behalten wollen“, sagt Krammer. Über 60 Prozent bleiben nach dem Lehrabschluss im Unternehmen. Der Preis dafür ist Betreuungsarbeit, die weit über das Fachliche hinausgeht: „Wir sind teilweise mehr Erzieher, als wir Ausbilder sind.“ Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, ein Grüß Gott und ein Danke – was früher selbstverständlich war, muss heute oft erst vermittelt werden. Schulnoten interessieren Krammer dagegen wenig: „Baustelle muss passen, Interesse muss da sein.“ Wer Neugier zeigt, bekommt schneller anspruchsvolle Aufgaben. Titel spielen dabei keine Rolle: „Es zählt die Leistung und der Einsatz.“ Nach oben gibt es dabei keine Grenzen: Vom Partieführer über Vorarbeiter und Polier bis zur Meisterprüfung stehen alle Wege offen, viele wechseln später in Technik oder Bauleitung.
Clemens ist mit seinem Vorleben längst kein Einzelfall mehr. Maturant:innen, Umsteiger:innen aus dem Hotelfach, Lehrlinge jenseits der 40 – bei der Porr in Tirol beginnen Menschen mit den unterschiedlichsten Vorgeschichten eine Ausbildung, auch 14 junge Frauen wurden in technischen Berufen bereits ausgebildet. Entscheidend ist für Krammer weder Startpunkt noch Alter, entscheidend sind Wille und Engagement. Damit die Wahl von Anfang an passt, nimmt er Schnupperlehrlinge grundsätzlich für vier bis fünf Tage: Zwei Tage reichen ihm nicht, um einen Beruf wirklich kennenzulernen. Gesucht wird dabei weit über Tirol hinaus – viele Lehrlinge kommen aus Kärnten oder der Steiermark, oft ziehen Freunde und Verwandte nach.
Clemens lässt seine Zukunft bewusst offen, die Meisterprüfung „steht im Raum“. Unentschlossenen Jugendlichen rät er, Dinge einfach auszuprobieren – eine abgeschlossene Schule sei nie verloren, ein Wechsel in die Lehre kein Rückschritt. Seine Probezeit endet dieser Tage, das Gespräch mit dem Partieführer ist bereits vereinbart. Krammers Zwischenbilanz fällt knapp aus: immer pünktlich, nie krank, immer gut drauf. Mehr Bestätigung braucht ein Richtungswechsel nicht.