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Junger Mann steht mit Säge vor Baum.
© Lisa Unterleitner

Mit 18 schon sein eigener Chef im Wald

Mit 18 Jahren machte sich Alexander Unterleitner selbstständig. Heute führt er erfolgreich seinen eigenen Forstbetrieb.

Lesedauer: 7 Minuten

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Aktualisiert am 21.07.2026

Wer Alexander nach dem Anfang seiner Geschichte fragt, landet nicht im Klassenzimmer, sondern im Forst bei Jenbach. Mit acht Jahren stiefelte er dem Holzfreund Sepp Leitner hinterher, hörte irgendwo zwischen den Stämmen die Motorsäge und blieb einfach dran. Er legte die geschnittenen Stämme auf den Anhänger, durfte irgendwann selbst die Säge halten, machte die ersten eigenen Schnitte. Was als Bubenspiel begann, wurde zur Berufung: Die dreijährige Lehre zum Forstfacharbeiter bei den Österreichischen Bundesforsten – Schule in Rotholz, Praxis in Achenkirch – absolvierte er, weil Sepp ihm zeigte, wie der Wald wirklich tickt. Geraten hat ihm sein Mentor das nie, betont Alexander. Die Entscheidung kam von ihm selbst, und sie stand erstaunlich früh fest, lange bevor an eine eigene Firma überhaupt zu denken war.

Eine Woche nach der Prüfung

Die eigentliche Weichenstellung fiel zwei Wochen vor der Lehrabschlussprüfung, nachts, im Kopf. Die Bundesforste fragten, ob er bleiben wolle. Alexander sagte Nein – und musste sich sofort die nächste, viel größere Frage stellen: Was jetzt? Eine Anstellung anderswo wäre möglich gewesen. „Aber das wäre nicht meins gewesen“, sagt er. Sieben Tage nach der Prüfung stand die Firma. Mit seiner Mutter fuhr er zur WK-Bezirksstelle Schwaz, offiziell nur zur Information – tatsächlich, was er seiner Mutter nicht verraten hat, um gleich anzumelden. Erst an Ort und Stelle outete er sich: „Ich bin da, um das Unternehmen anzumelden.“ Am Abend war das Gewerbe angemeldet. Freunde und Bekannte rieten ab: sicherer Job, geregeltes Einkommen, weniger Risiko als in der Selbstständigkeit, die hohen Zahlungen, die da auf einen jungen Unternehmer zukommen. Genau das spornte ihn an. „Wenn mir jemand sagt, das geht nicht – dann will ich es erst recht machen“, sagt Alexander heute, und er lacht dabei.

Junger Mann sägt Baum.
© Lisa Unterleitner Bei der Baumfällung setzt Alexander Unterleitner auf Erfahrung, präzise Technik und höchste Konzentration. Gerade in schwierigem Gelände ist jeder Arbeitsschritt genau geplant.

Lehrgeld, das echtes Geld kostet

Was folgte, war Unternehmertum im Schnellverfahren. Rechnungen schreiben, Preise kalkulieren, Ausgaben einschätzen – Themen, die als Angestellter nie zur Sprache gekommen waren. Die ersten Kalkulationen passten von Anfang an nicht ganz perfekt: Bei manchen Aufträgen zahlte Alexander etwas mehr drauf, als er dafür verlangt hatte, weil er den Aufwand leicht unterschätzte. Kund:innen sagten ihm das auch direkt ins Gesicht, unverblümt, wie es im Forst eben üblich ist. Jeder Auftrag machte ihn ein Stück genauer. Nach einem Monat gab er die Buchhaltung an einen Steuerberater ab, weil zwischen einem ganzen Arbeitstag im Wald und der Steuerprüfung am Abend kaum noch Zeit blieb. Die Rechnung schreibt er bis heute selbst, weil nur, wer am Schlag dabei war, weiß, was wirklich draufgehört. Sein erstes Werkzeug: ein 40 Jahre alter Eicher Mammut mit einer Seilwinde für 5,5 Tonnen. Heute zieht eine 6,5-Tonnen-Winde und ein deutlich stärkerer New-Holland-Traktor das Holz aus dem Hang – der alte Eicher steht trotzdem noch in der Garage. „Der läuft heute noch besser als ein neuer“, sagt Alexander.

Wenn der Baum aufs Hausdach zielt

Im tiefen Wald ist ein Fehlschlag verzeihbar: Fällt ein Stamm in die falsche Richtung, landet er im schlimmsten Fall im Nachbarwald. Bei Privatkund:innen mit einem Problembaum im Garten gibt es diesen Puffer nicht. Da steht der Auftraggeber mit dem Handy direkt daneben und filmt, wie der Baum Meter für Meter über dem eigenen Dach verschwindet. Genau deshalb arbeitet Alexander bei solchen Einsätzen konsequent mit Seiltechnik, trägt Stämme in Etappen ab, sichert jeden Schritt doppelt. Ob Fichte, Lärche oder Ahorn – welche Baumart es ist, sagt er, sei dabei völlig egal. Entscheidend ist die Technik, nicht die Holzsorte.

Gefährlicher als der dicke Stamm

Forstarbeit zählt zu den gefährlichsten Tätigkeiten überhaupt, und Alexander widerspricht dabei der gängigen Vorstellung, wonach die großen Bäume die größte Gefahr seien. „Gefährlich sind oft nicht die großen Bäume. Da reicht eine Stange mit 15 Zentimetern Durchmesser, das ist wie ein Zahnstocher“, sagt er.

Käferbäume etwa hängen oft noch in den Ästen der Nachbarbäume und fallen nicht vorhersehbar. Deshalb gilt für ihn eine feste Regel: nie allein im Wald. Meistens ist Sepp Leitner dabei oder ein Bekannter aus der Branche, als zweites Paar Augen und als Sicherheitsnetz. Wenn mehr Hände gebraucht werden, rückt die Familie aus: Mutter, Schwester Anna undSchwester Lisa packen dann tatkräftig mit an. Alexander wohnt nach wie vor daheim, und man spürt im Gespräch schnell, wie stolz die Familie auf ihn ist und wie eng der Zusammenhalt ist – man schaut aufeinander. Einmal stand seine Schwester Anna mit Warnweste 300 Meter oben am Hang, um den Schlagbereich zu markieren, während Alexander unten mit der Seilwinde arbeitete. 

Auch beim ersten Eindruck hat es Alexander nicht leicht: Kommt er zu einem Kunden, der ihn noch nicht kennt, wird er anfangs kritisch beäugt. Ein junger Bursche, der jetzt den halben Wald ausdünnen soll? Im Forst ist man dabei nicht zimperlich, die Skepsis bekommt er deutlich zu spüren, seine schlanke Statur tut ihr Übriges, schließlich erwarten die meisten einen kräftigen, ausgewachsenen Holzfäller. „Die haben gefragt: Was, du willst mir den Wald schlagen?“ Dann ist er meist schneller fertig als angekündigt, alles aufgeräumt und sauber, und die Kund:innen loben seinen Fleiß, seine Arbeitseinstellung und sein Können. Das schlägt sich auch in seinen Bewertungen nieder: durchwegs die Höchstwertung, von jedem einzelnen Kunden.

Klein bleiben, frei bleiben

Heute deckt sein Betrieb die ganze Bandbreite der Waldarbeit ab: Durchforstung, Dickungspflege, Aufforstung, Problembaumfällungen, Brennholzverkauf. Genau diese Breite hält ihn auch bei schlechtem Wetter beschäftigt. Wenn der Traktor bei Regen am Steilhang zu viele Spuren im Boden hinterlassen würde, produziert er eben Brennholz, bis es wieder trocken genug ist. Wachsen will er trotzdem kaum, vielleicht irgendwann ein Mitarbeiter, eine große Firma sicher nicht. „Ich möchte nicht fremdbestimmt sein“, sagt er – und genau deshalb kauft er Maschinen erst, wenn er sie sich leisten kann, nie auf Kredit. Gerade hat er einen alten Kran gekauft, den er in den nächsten Monaten selbst zu einem Holzkran umbauen will. „Ich möchte nicht von der Maschine abhängig sein“, sagt er dazu. 

Was andere nie zu sehen bekommen

Was Alexander an seiner Arbeit am meisten begeistert, hat nichts mit Maschinen oder Aufträgen zu tun. Er wacht in der Früh auf und ist bis zum Abend draußen, jeden Tag, bei jedem Wetter. Vögel, die kaum jemand zu hören bekommt, Frösche und Schlangen am Wegrand, ein Rascheln, das eine ganze Geschichte erzählt – das nimmt er wahr, weil er hinschaut, wo andere einfach vorbeigehen. „Das glauben dir manche gar nicht, wie die Natur so ist“, sagt er.

Am deutlichsten wird das oben im Baum. Bei einer Problembaumfällung hängt er manchmal zehn Meter über dem Boden im Seil und schneidet Stück für Stück ab, während sich unter ihm das ganze Tal öffnet. „Der Blick ist immer toll. Da denk ich mir: Da unten sind jetzt sicher nicht viele auf der gleichen Höhe wie ich“, sagt Alexander. Es ist ein Moment, der ihm allein gehört – mitten in der Arbeit, mitten im Risiko, und trotzdem mit diesem kurzen Innehalten, das die wenigsten Berufe überhaupt kennen.

Fragt man Alexander nach Geschichten aus dem Wald, erwartet man vielleicht das große Drama: steile Hänge, plötzliche Wetterumschwünge, ein Ast, der gefährlich knapp neben ihm landet. Stattdessen erzählt er fasziniert von einer Schnecke. Bei der Mittagspause legte er sich eine halbe Stunde an den Wegrand, das Tier direkt daneben. Als er aufwachte, war die Schnecke gut 15 Meter weiter die Schotterstraße entlanggekrochen – für eine Schnecke eine respektable Strecke, und für ihn der eigentliche Beweis, wie viel man sieht, wenn man sich einfach Zeit nimmt, hinzuschauen. Noch heute wird in der Familie über die schnelle Schnecke gelacht.

Den Sonntagsfrust, den viele aus dem Angestelltenverhältnis kennen, hat Alexander seit der Gründung nicht mehr erlebt. „Ich freue mich richtig, wenn Montag ist“, sagt er. Für einen 18-Jährigen, der gerade erst seine Lehre beendet hat, ist das eine Bilanz, die mehr sagt als jede Geschäftszahl.

Weitere Infos: www.forstservice-unterleitner.at

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