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Pressegespräch Bauwirtschaft
© Andreas Kraus

NÖ Bauwirtschaft drängt auf zusätzliche Impulse

Flicker und Lehner für faire Preisgestaltung bei Ausschreibungen, volles Ausschöpfen der Wohnbaumilliarde und weniger Bürokratie

Lesedauer: 5 Minuten

Aktualisiert am 30.07.2026

Niederösterreichs Bauwirtschaft steht unter Druck. Die Auftragslage, insbesondere im Neubau, entwickelt sich schleppend, die Produktion im Hochbau sinkt, die Rohstoffpreise steigen. „Unsere Bauwirtschaft benötigt dringend Impulse, um nicht weiter in eine Abwärtsspirale zu geraten – eine Abwärtsspirale, die aufgrund der engen Vernetzungen mit anderen Branchen weitere Verwerfungen über den eigentlichen Bau hinaus mit sich bringen würde“, warnt Niederösterreichs Bau-Landesinnungsmeister Günther Lehner. Jochen Flicker, der Obmann der Sparte Gewerbe und Handwerk der Wirtschaftskammer Niederösterreich (WKNÖ), unterstreicht in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Bauwirtschaft für den gesamten Wirtschaftsstandort. „Die Bauwirtschaft hat da mit ihrer starken Vernetzung und ihrer branchenübergreifenden Wirkung eine besonders entscheidende Rolle. Sie ist eine Triebfeder für unsere Konjunktur.“ Gemeinsam drängen Flicker und Lehner daher auf Maßnahmen wie Reduktionen und Vereinfachungen bei der Bürokratie, eine Zweckwidmung der Wohnbauförderung, ein volles Ausnutzen bzw. eine Verlängerung der Mittel aus der Wohnbaumilliarde und veränderliche Preise statt Festpreisen bei öffentlichen Ausschreibungen.

„Volatile Preissituation bei Rohstoffen und Energie macht es für Betriebe immer schwieriger, mit Festpreisen zu kalkulieren“

Konkret sollen demnach bei Ausschreibungen von Bau- und Lieferaufträgen sowie Dienstleistungen durch alle öffentlichen Auftraggeber und auch von allen gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften nur mehr veränderliche Preise zum Tragen kommen. Vorgaben einer fairen Preisgestaltung in Form von veränderlichen Preisen sollten in diversen Förderungsbestimmungen der öffentlichen Hand, wie etwa im Bereich der Wohnbauförderung, verankert werden. „Die volatile Preissituation bei Rohstoffen und Energie macht es für unsere Betriebe immer schwieriger, mit Festpreisen zu kalkulieren“, argumentiert Bau-Landesinnungsmeister Lehner. Gerade angesichts der Langfristigkeit von Bauaufträgen dürfe das Risiko nicht allein auf die Unternehmen abgewälzt werden. Allfällige Preisanpassungen können auf Basis des Baukostenindex (ähnlich dem VPI bei Verbrauchergeschäften) erfolgen. Gesetzlich sind Ausschreibungen mit veränderlichen Preisen nicht nur möglich, sondern in der derzeitigen Situation eigentlich sogar verpflichtend.

Wohnbaumilliarde am besten unter allen Bundesländern genutzt

Weiters drängt Niederösterreichs Bauwirtschaft auf eine komplette Nutzung der Mittel aus der von der Bundesregierung für die Jahre 2024 bis 2026 zur Verfügung gestellten Wohnbau-Milliarde. Niederösterreich habe deren Mittel von allen Bundesländern am besten genutzt und damit einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung geleistet, so Spartenobmann Jochen Flicker, der auch Obmann der ARGE der Baugewerbe in der Wirtschaftskammer Niederösterreich (WKNÖ) ist. Trotzdem stehen in NÖ noch rund 63 Millionen Euro für den Neubau, 26 Millionen Euro für Sanierungsmaßnahmen und 94 Millionen Euro für Zinszuschüsse zur Verfügung. „Diese Mittel müssen unbedingt genutzt werden“, drängt Flicker. „Und da wohl davon auszugehen ist, dass dieses Geld 2026 nicht mehr vollständig genutzt werden kann, halten wir es für unbedingt angebracht, dass noch vorhandene Restmittel im Jahr 2027 verbraucht werden dürfen und nicht im Budget versickern.“

Zahlen, Daten, Fakten

Die Faktenlage zur Situation der Bauwirtschaft liefert folgendes Bild:

  •  Rund 53.300 Personen im niederösterreichischen Bausektor erwirtschaften eine Bruttowertschöpfung von 5,4 Milliarden Euro.
  •  Nach einer Stagnationsphase ist zuletzt wieder ein deutlicher Anstieg bei den Baukosten zu verzeichnen – insbesondere getrieben durch die Energiekosten. Besonders davon betroffen ist der Hochbau.
  •  In neuen Gebäuden wurden in Niederösterreich 2025 um 70% weniger neue Wohnungen bewilligt als 2021 – in bestehenden Gebäuden um 29%. Insgesamt sind das um rund 10.300 weniger als 2021.
  •  Die Produktion im Hochbau hat sich im Vergleich zu 2021 um 32 Prozent verringert. Beschäftigte wurden hingegen nicht in diesem Ausmaß freigesetzt. Hier beträgt der Rückgang deutlich geringere 13,9 Prozent.
  •  Der Bedarf an neuen Wohnungen steigt bis 2040 in allen Regionen Niederösterreichs – mit Ausnahme des Waldviertels.
  •  Der Bedarf an Wohnfläche steigt bis 2040 ausnahmslos in ganz Niederösterreich - am stärksten Im Wiener Umland/Nordteil (+15,2 %), im Weinviertel (+13,1 %) und im Wiener Umland/Südteil (+12,3 %).

„Gerade der Bau ist in besonderer Weise von der allgemeinen Wirtschaftslage abhängig“, resümiert Christoph M. Schneider, der Geschäftsführer des Economica-Instituts, die Situation der Bauwirtschaft. „Dem vorhandenen Baubedarf steht eine zunehmend schwierigere Kostensituation für Auftraggeber im privaten und gewerblichen Bereich ebenso wie für Auftragnehmer gegenüber. Die Steigerungen bei den Vorleistungspreisen werden nicht so rasch wieder verschwinden und müssen sich geradezu in den Baupreisen spiegeln.“    

„Ohne Trendumkehr bei den Aufträgen sind die Beschäftigtenstände auf Dauer nicht zu halten.“

Niederösterreichs Bau-Landesinnungsmeister Günther Lehner streicht besonders hervor, dass die Unternehmen im Hochbau unter stark rückläufiger Produktion leiden, die Beschäftigtenrückgänge aber deutlich geringer ausfallen als bei der Produktion. „Das zeigt deutlich, dass unsere Unternehmen wirklich alles tun, um ihre Beschäftigten zu halten – weil sie auf ihre Beschäftigten setzen, weil sie bewährte Arbeitskräfte nicht verlieren wollen“, so Lehner. „Niemand will Beschäftigte, wie uns mancherorts unterstellt wird, beim AMS ‚parken‘. Aber unsere Betriebe sind am Limit. Ohne eine Trendumkehr bei den Aufträgen sind die Beschäftigtenstände auf Dauer nicht zu halten.“

Über Viertel aller Lehrlinge in NÖ im Umfeld der Bauwirtschaft

Die starke Vernetzung und die Breite der Verflechtungen der Bauwirtschaft spiegelt sich auch in der ARGE der Baugewerbe NÖ in der WKNÖ, in der insgesamt 14 baurelevante Landesinnungen zusammengefasst sind:

  • Bau
  • Bauhilfsgewerbe
  • Chemische Gewerbe und Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereiniger
  • Dachdecker, Glaser und Spengler
  • Elektro-, Gebäude-, Alarm- und Kommunikationstechniker
  • Gärtner und Floristen
  • Hafner, Platten- und Fliesenleger und Keramiker
  • Holzbau
  • Maler und Tapezierer
  • Mechatroniker
  • Metalltechniker
  • Rauchfangkehrer
  • Sanitär-, Heizungs- und Lüftungstechniker
  • Tischler

„Zugleich leistet Niederösterreichs Bauwirtschaft einen ganz wesentlichen Beitrag zur Lehrlingsausbildung“, unterstreicht Flicker. Insgesamt werden aktuell fast 4.500 Lehrlinge – und damit mehr als ein Viertel aller Lehrlinge in Niederösterreich – in den 14 in der ARGE der Baugewerbe vereinten Landesinnungen ausgebildet. „Sie erhalten hier eine hochqualifizierte Ausbildung, die durch regelmäßige Anpassungen stets auf der Höhe der Zeit ist.“

Pressegespräch Bauwirtschaft
© Andreas Kraus Niederösterreichs Bauwirtschaft braucht zusätzliche Impulse (v.l.): Jochen Flicker (Spartenobmann Gewerbe und Handwerk NÖ und Obmann der ARGE der Baugewerbe NÖ), Günther Lehner (Landesinnungsmeister Bau NÖ) und Christoph M. Schneider (Economica-Geschäftsführer)