Zum Inhalt springen
Menschenmenge
© yves | stock.adobe.com

Teilzeit und Alterung als Stresstest

Mehr Jobs, aber kürzere Arbeitszeiten: Dieser Trend stellt den Arbeitsmarkt vor eine Zerreißprobe. Unternehmen fordern Leistungsanreize. Auch das Pensionssystem wackelt.

Lesedauer: 5 Minuten

Einen Moment bitte. Ladevorgang läuft ...
0:00
Audio konnte nicht geladen werden. Erneut versuchen
0:00
0:00
Aktualisiert am 23.04.2026

Nicht nur kurzfristige geo­politische Krisen und die damit verbundenen Konjunkturdellen stellen Unternehmen zunehmend vor Herausforderungen. Es ist vor allem die langfristige demografische Entwicklung – Stichwort Überalterung – und der Trend zur Teilzeitbeschäftigung, der das „Gesamtsystem Arbeitsmarkt“ nachhaltig und massiv verändert.

Festmachen lässt sich der Wandel an Zahlen: So waren in der Steiermark 2025 im Jahresschnitt zwar 616.100 Personen erwerbstätig: gegenüber 2005 ein Plus von rund 70.000 Personen, aber auch  noch 30.000 Personen mehr als 2015. Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden ist in den letzten zehn Jahren allerdings um 1,2 Prozent auf 947,7 Millionen Stunden zurückgegangen.



Wesentlicher Grund für diese Entwicklung: der starke Anstieg der Teilzeitarbeit. Mittlerweile arbeiten bereits 53,8 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Teilzeitverhältnissen. Vor zehn Jahren lag diese Quote noch bei 49,5 Prozent. Bei den Männern war der Anstieg zwar ähnlich hoch, der Teilzeitanteil liegt aber immer noch bei nur 14 Prozent. „Wir haben heute zwar mehr Beschäftigte als je zuvor, aber das tatsächlich geleistete Arbeitsvolumen ist seit 2015 gesunken“, fasst der steirische WKO-Präsident Josef Herk die Entwicklung zusammen. Befeuert durch einen markanten Rückgang bei den Überstunden (minus 46 Prozent gegenüber 2015), liegt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit bei nur noch 29,5 Stunden – ein Minus von 1,3 Stunden binnen zehn Jahren. „Mehr Beschäftigte, weniger Stunden – das ist eine Rechnung, die für Unternehmen nicht aufgeht“, warnt Herk. Besonders hoch ist der Anteil der geringfügigen Beschäftigten demnach im Tourismus (14,5 Prozent) und im Handel (8,2 Prozent).    

Die Steiermark wird wegen der Demografie bis 2050 knapp zehn Prozent ihres Arbeitskräftepotenzials verlieren.

Leistungsanreize

„Rund 170.000 Teilzeitbeschäftigte in Österreich möchten ihre Arbeitszeit um durchschnittlich zwölf Stunden pro Woche ausweiten – dieses Potenzial gilt es besser zu nutzen“, ergänzt WIFO-Chef Gabriel Felbermayr. Dafür brauche es vor allem eine flächendeckende, leistbare Kinderbetreuung und einen Ausbau von Pflegeangeboten. Auch Herk fordert diesbezüglich bessere Rahmenbedingungen, fordert neben einem Bekenntnis zu qualifiziertem Zuzug aber auch (steuerliche) Leistungsanreize wie eine Steuerbegünstigung von Überstunden. 

Die Regierung hat zuletzt zumindest einen ab kommendem Jahr geltenden Steuerfreibetrag in der Höhe von 15.000 Euro im Jahr für Pensionisten beschlossen, die noch eine versicherungspflichtige Arbeit ausüben wollen (Seiten 18/19). „Dank“ Demografie ein Arbeitskräftemarkt mit Potenzial: So hat in den letzten 20 Jahren der Anteil der über 55-jährigen Arbeitnehmer in der Steiermark um 33 Prozent zugenommen.  

Fachkräftemangel

Zudem wurden die Zuverdienstmöglichkeiten von Arbeitslosen eingeschränkt. Arbeitssuchende dürfen seither nur noch in Ausnahmefällen geringfügig dazuverdienen. Ziel dieser Maßnahme ist eine stärkere Arbeitsmarktintegration. Tatsächlich sei damit die Zahl der geringfügig Beschäftigten „deutlich von 27.000 auf 9.000 Personen gesunken“, sagt Johannes Kopf, Chef des Arbeitsmarktservice (AMS). Aber auch Kopf warnt vor den Folgen des demografischen Wandels für den Arbeitsmarkt: „Das Thema wird zu wenig ernst genommen.“ Derzeit geht das AMS davon aus, dass 2050 rund 120.000 Erwerbspersonen fehlen werden. 

So wird sich allein in der Steiermark die Zahl der Personen in der für den Arbeitsmarkt relevanten Altersgruppe der 20- bis 64-Jährigen bis 2040 um über 70.000 und bis 2050 sogar um fast 85.000 verringern. Damit gehen knapp neun Prozent des aktuellen Erwerbstätigenpotenzials verloren.  

Diese Entwicklung wird auch für das Umlagesystem, mit dem die Pensionen bedient werden, zu einem Belastungstest: So kamen 1970 noch zwei Erwerbstätige auf einen Pensionisten, 2030 werden es nur noch 1,5 und 2050 1,3 Erwerbstätige sein.

Die Gründe für den Trend zur Teilzeitbeschäftigung

In Österreich arbeitet jede zweite Frau, aber nur jeder achte Mann Teilzeit. Bei Personen bis 30 Jahre ist die Ausbildung der wesentliche Grund, nicht Vollzeit zu arbeiten. In dieser Altersgruppe arbeiten 36,2 Prozent der Frauen und 18,8 Prozent der Männer Teilzeit. Aber bei den 30- bis 49-Jährigen wird der Unterschied deutlich größer: Mehr als jede zweite Frau, aber nur jeder zehnte Mann arbeitet nicht die volle Stundenanzahl. Hier ist die Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen der wesentlichste Grund für einen Teilzeitjob. Wobei nur 16,6 Prozent der Männer Betreuungspflichten als Argument anführen.



Bei Kindern unter 15 Jahren wird Teilzeit für Frauen fast zum Regelfall (79,5 Prozent), während die Teilzeitquote der Männer auf knapp acht Prozent sinkt. Sind die Kinder älter als 15 Jahre, verringert sich die Teilzeitquote bei den Frauen auf 60 Prozent, bei den Männern bleibt sie bei rund acht Prozent. 

Der Anteil der Frauen, die Betreuungspflichten als Grund für die Teilzeit angeben, ist in Österreich dreimal höher als im EU-27-Durchschnitt.