Warum sich Arbeiten in der Pension doppelt lohnt
Trotz Ruhestand arbeiten? Für 80 Prozent denkbar. Was den Reiz für viele Steirer ausmacht und was ab 2027 anders wird.
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Ans Aufhören denkt Franz Kickenweiz noch lange nicht – und das, obwohl der 67-jährige Südoststeirer schon längst das Regelpensionsalter erreicht hat. In der Tischlerei Knaus ist er schon seit 52 Jahren beschäftigt. Mittlerweile kommt er an einem Tag in der Woche in den Betrieb. Seine langjährige Erfahrung wird unter Kollegen geschätzt. „Im Betrieb ist er der Mann für die genauen Arbeiten“, erzählt Kollegin Annelies Knaus. Und auch sie kann es nicht lassen: Ins Unternehmen ihres Mannes ist Knaus 1984 eingestiegen. Mittlerweile sind sowohl sie als auch ihr Mann Josef im Ruhestand – arbeiten in der Tischlerei aber weiterhin stundenweise weiter. „Unser Sohn hat den Betrieb zwar schon vor Jahren übernommen, aber wir sind weiterhin mit dabei. Wir arbeiten einfach gerne“, erzählt Annelies Knaus.
Mit ihrem Einsatz sind die drei Pensionisten nicht allein. 150.000 Personen arbeiten in Österreich über das gesetzliche Pensionsalter hinaus. Die Gründe dafür sind vielfältig. Laut Statistik Austria sei aber für fast die Hälfte die Freude an der Arbeit ausschlaggebend. Fest steht: Die Gesellschaft wird älter. Das vorhandene Arbeitskräftepotenzial möchte nun auch die Regierung besser nutzen und setzt auf finanzielle Anreize. Konnten Pensionisten bisher nur bis zur Geringfügigkeitsgrenze sozialversicherungsfrei dazuverdienen, soll sich das ab 2027 mit der „Aktivpension“ ändern. Ab Jänner sind jährliche Zuverdienste von bis zu 15.000 Euro steuerfrei möglich (mehr dazu siehe weiter unten). Laut Schätzungen der Regierung könnten so rund 30.000 zusätzliche Pensionisten zum Weiterarbeiten motiviert werden.
Vonseiten der Betriebe gibt es jedenfalls Bedarf – so auch in der Region Schladming-Dachstein. Um dem Arbeitskräftemangel etwas entgegenzusetzen, startete der hiesige Tourismusverband 2024 das Projekt „Senior Talents“. Das Ziel: Unternehmen und Senioren unkompliziert zusammenbringen und über rechtliche Rahmenbedingungen einer Zusammenarbeit aufklären. Damit traf man einen Nerv: „Wir haben heute rund 30 Partnerbetriebe, die Senioren einstellen. Vor einem Jahr waren es noch 13. Zunächst lag unser Schwerpunkt auf Gastro- und Hotelbetrieben, aber mittlerweile beteiligen sich auch Arztpraxen an unserem Projekt“, erzählt Koordinatorin Barbara Kirnbauer.
Viele Senioren sind fit und wollen weiterhin stundenweise arbeiten. Betriebe profitieren von erfahrenen Fachkräften, die flexibel sind.

Barbara Kirnbauer
Senior Talents
Vorteile gebe es jedenfalls für Arbeitgeber und -nehmer: „Für viele Senioren ist der soziale Aspekt entscheidend. Sie wollen nicht nur arbeiten, sondern auch unter Leute kommen. Die Betriebe wiederum profitieren von erfahrenen und flexiblen Fachkräften.“
Von Stunde eins an im Projekt mit dabei ist auch Waltraud Bliem. Im Familienhotel Bliem in Haus im Ennstal beschäftigt sie aktuell zwei Pensionistinnen. Eine von ihnen ist Manuela Stocker. Früher im Service tätig, wechselte sie mit dem Eintritt in den Ruhestand vor drei Jahren in die Hotelküche und arbeitet nun stundenweise als Frühstücksköchin. „Neben dem Gefühl, gebraucht zu werden, gibt die Arbeit meinem Alltag Struktur, ich bewahre mir meine mentale Fitness, bin unter Leuten und habe natürlich auch finanzielle Sicherheit in Zeiten steigender Lebenshaltungskosten“, erzählt Stocker.
Über das Regelpensionsalter hinaus wird aber auch im rund acht Kilometer entfernten Schladming gearbeitet. Während Pensionistin Evi Plut im Bauernladen „Heimatgold“ geringfügig angestellt ist, verstärkt Carmen Kapun das Verkaufsteam während der Sommer- und Wintersaison. Für Chefin Maria Fanninger sind beide Mitarbeiterinnen ein Glücksfall: „Im Handel ist Seniorität extrem gefragt. Die älteren Mitarbeiter sind teuer – ja, aber ihre Erfahrung und Kompetenz ist unbezahlbar.“ Was Fanninger von der angekündigten Aktivpension hält? „Das ist ein tolles Gesetz. Sowohl Evi als auch Carmen könnten sich vorstellen, ihre Arbeitszeit aufzustocken.“
Zurück in der Südoststeiermark, in der Tischlerei Knaus, freut man sich ebenso über die neue Möglichkeit. „Ich bin jetzt 64 Jahre alt und hatte vor, mich langsam aus dem Geschäft zurückzuziehen. Mit der Aktivpension kann ich mir aber durchaus vorstellen, noch länger zu arbeiten“, erzählt Annelies Knaus.
Beim südoststeirischen Förderprojekt „Senior Jobs 60+“ nachgefragt, welches in der Oststeiermark eine Job-Plattform für Senioren betreibt, zeigt man sich ebenso optimistisch. Das Interesse der Pensionisten sei da, doch eine Zusammenarbeit sei oftmals aufgrund der hohen Abgaben nicht zustandegekommen.
Auch Barbara Kirnbauer von Senior Talents ist positiv gestimmt: „Bei unseren Beratungen haben wir gemerkt, dass die Steuern für viele eine Hürde sind. Das wird sich nun wahrscheinlich ändern.“
Mehr verdienen in der „Aktivpension“
Arbeiten in der Pension wird ab 2027 attraktiver. Arbeitnehmer und Selbständige profitieren.
Die Gesellschaft wird älter. Das vorhandene Arbeitskräftepotenzial möchte die Regierung besser nutzen, indem sie mit der „Aktivpension“ finanzielle Anreize fürs längere Arbeiten schafft. Die Regelung: Ab 2027 können Pensionisten 15.000 Euro pro Jahr steuerfrei dazuverdienen. Voraussetzung für den Freibetrag sind 40 Versicherungsjahre bei Männern und 34 bei Frauen. Und wer über das Regelpensionsalter hinaus arbeitet, soll ab kommendem Jahr keine Arbeitnehmerbeiträge zur Pensionsversicherung zahlen. Die Regelungen gelten sowohl für Arbeitnehmer als auch für Selbständige. Insgesamt sind für die Maßnahmen rund 470 Millionen Euro jährlich vorgesehen und im Budget fix verankert.