Das Fenster zur Familiengeschichte
100 Jahre Fensterbau Nagl: Vom Wagnerbetrieb zur CNC-Technik – und die Erfolgsgeschichte in Axams geht weiter.
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Die Wurzeln des Betriebs reichen tiefer, als sich heute lückenlos belegen lässt – die Kriegs- und Nachkriegsjahre haben Spuren in den Unterlagen hinterlassen. Auf die runden hundert Jahre einigte man sich am Ende, weil sich dieser Zeitraum sauber dokumentieren lässt. Fest steht: Schon 1885 fertigte die Familie in Axams Leiterwagen, aus der Wagnerei wurde nach und nach eine Tischlerei. Der 1911 geborene Julius Nagl übernahm das Handwerk und richtete sich 1932 eine für
damalige Verhältnisse hochmoderne Werkstatt ein, im Bauernhaus gegenüber dem heutigen Standort. Sie stand dort über 70 Jahre – bis ein Feuer sie 2003 vollständig zerstörte. Der Tischler jener Zeit war mobil. Man kam mit dem Werkzeug ins Haus und fertigte vor Ort ganze Stuben und Schlafzimmer. Auch Särge gehörten dazu, samt Bestattung – wer den Sarg baute, begleitete damals oft auch den letzten Weg.
Im Alter von 27 übernahm dann Franz die Tischlerei und machte sie zur Dorftischlerei schlechthin: moderne Maschinen, volle Auftragsbücher – und Kundschaften, die genau wussten, wie es der Vater immer gemacht hatte.
Der Schnitt von 1977
Irgendwann wurde das zu viel. Franz wollte den Betrieb auf seine eigene Weise anpassen, und nach der Meisterprüfung stellte er 1977 gemeinsam mit seinem Bruder Karl komplett um: auf die Produktion von Fenstern und Türen. Der Spezialisierung folgte die Technik: 2005 bezog der Betrieb das stark vergrößerte Firmengebäude, seit 2016 läuft die Holz- und Holz-Aluminium-Fertigung auf neuester CNC-Anlage. Wer heute durch die Werkstatt geht, sieht hochpräzise Maschinen, wie sie vor hundert Jahren unvorstellbar waren – und einen Seniorchef, der noch immer genau wissen will, wie jede einzelne davon funktioniert. Halber Maschinentechniker und Informatiker müsse man heute schon sein, heißt es bei Nagl. Davor scheut sich hier niemand.
Jeder an seinem Platz
Seit 2024 führen die Geschwister Verena und
Gerhard Nagl das Unternehmen. Verena arbeitet seit 23 Jahren im Betrieb, Gerhard seit 20 Jahren und ihr Vater ist nach wie vor täglich da: Franz bedient die Maschinen, schneidet das Aluminium zu, fährt Stapler – und wartet die Anlagen, die er in- und auswendig kennt. Gerhard verantwortet die CNC-Fertigung und die Oberflächen. Verena selbst kümmert sich um Geschäftsführung und Kundenkontakt – und um alles, was heute sonst noch dazugehört, vom Beratungsgespräch bis zur Bürokratie. Zur Montage fährt das Team gemeinsam aus.
Im Hintergrund wirkt bis heute Hildegard Nagl mit, die das Unternehmen an der Seite ihres Mannes über Jahrzehnte geprägt und dafür ihre angestammte berufliche Tätigkeit aufgegeben hat.
Der Anspruch dahinter blieb über vier Generationen derselbe. Das Holz kommt aus der Nähe, das Aluminium aus Salzburg – eine Seltenheit in Zeiten, in denen der Import oft billiger ist. Auf das Partnernetzwerk ist Verlass.
Gewachsen ist der Kundenstamm fast ausschließlich über Mundpropaganda. Wer anfragt, wird eingeladen, beraten, ernst genommen – empfohlen wird, was passt, nicht was mehr kostet. Denn ein Fenster, davon ist Verena Nagl überzeugt, ist ein hochwertiges Möbelstück und keine Massenware.
Gewandelt haben sich freilich auch die Fenster selbst. Die Systeme sind komplexer geworden, bestehen aus mehr und komplizierteren Einzelteilen, dazu kommen Vorschriften, die zwingend einzuhalten sind, und Trends, die sich laufend verschieben.
Verena und Gerhard Nagl bleiben hier bewusst neugierig auf die neuesten Systeme und Ideen – als Mitglieder im Verein „Holzfenster – natürlich aus Tirol“ ohnehin nah dran am Stand der Dinge. Die Arbeitsweise dahinter ist einfach erklärt: so viel wie möglich in der Werkstatt vorbereiten, ohne unnötig zu lagern. Bestellt und gefertigt wird, was der Kunde tatsächlich wünscht, das Glas kommt fertig zum Einsetzen an. Was am Ende zählt, ist die Montage – millimetergenau.
Ein Fenster fürs Leben
Heute bewegt sich Fensterbau Nagl vorrangig in der Sanierung. Oft sind es ausgerechnet die Fenster, die bei einer Sanierung zum Problem werden. Nicht selten demontiert das Team dabei Ware von der Stange, die gerade einmal fünf Jahre alt ist – und komplett entsorgt werden muss, weil sich nichts mehr nachstellen, warten oder reparieren lässt. Für Verena Nagl ist das ein Argument, das viele unterschätzen: Wer regional kauft, bekommt Ansprechpartner:innen, die ihr Produkt bis zur letzten Schraube kennen. Reine Händler wissen viele Details schlicht nicht, verbaut wird zudem viel Kunststoff. Beim Fensterbauer aus der Region entsteht das Fenster dagegen wenige Kilometer vom Einbauort entfernt, gefertigt von Menschen, die später auch zur Wartung vorbeikommen. Das Geld bleibt im Land, die Wege bleiben kurz, die heimische Wirtschaft wird gestärkt. Ein Gespräch mehr vor dem Kauf, sagt man bei Nagl, erspart oft den Tausch nach fünf Jahren.
In Axams gilt das Gegenteil: Service ein Leben lang. Muss ein Fenster nachgestellt oder gewartet werden, kommt jemand vorbei. Auch das Vertrauen ist heute ein anderes. Wo früher der Hausherr bei der Montage über die Schulter schaute, wird heute oft einfach der Schlüssel dagelassen – aufgeräumt und geputzt wird selbstverständlich mit. Mit Aufträgen hat das Unternehmen ausgesorgt: Der Kalender ist durchgeplant, mit bewusst eingebautem Puffer für Stammkunden, die schnell etwas brauchen.
Ganz sorgenfrei ist der Blick nach vorn trotzdem nicht. Der Facharbeitermangel macht auch vor Axams nicht halt. Wer für größere Montagen zeitweise Verstärkung sucht und niemanden findet, der zum eigenen Anspruch passt, macht es bei Nagl im Zweifel lieber selbst. Auch die Lehre Tischlereitechnik zählt tirolweit überschaubar viele Lehrlinge.
Verena Nagls Antwort auf den Mangel: weiter in Technik investieren, um den Nachteil auszugleichen. Für die nächsten 40 Jahre wünscht sie sich, dass vieles so bleibt, wie es ist. Und dass der Betrieb im Dorf sichtbar bleibt als das, was er ist: ein Familienunternehmen, in dem zwei Geschwister mit Stolz in die Fußstapfen ihrer Ahnen treten. Gefeiert wird das jetzt auch. Hundert Jahre haben schließlich Zeit gebraucht.
Vorschaubild: (v.l.) Geschäftsführer Gerhard Nagl, Hildegard Nagl, Seniorchef Franz Nagl und Geschäftsführerin Verena Nagl führen die Geschichte von Fensterbau Nagl in Axams weiter.
Weitere Informationen unter: www.fensterbau-nag.at