Digitale Gebäude Tirol 2030: GIA-Umsetzung verlangt Schulterschluss
Mit dem europäischen Gigabit Infrastructure Act (GIA) steht die Bau- und Immobilienwirtschaft vor einem tiefgreifenden Wandel.
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Das Interesse an den neuen Rahmenbedingungen ist groß. Das zeigte ein bis auf den letzten Platz gefüllter Veranstaltungssaal sowie zahlreiche Teilnehmer:innen im Livestream bei der Veranstaltung "Digitale Gebäude Tirol 2030" in der Wirtschaftskammer Tirol.
Die Ansprüche an moderne Gebäude haben sich grundlegend gewandelt. Längst sind stabiles Highspeed-Internet, smarte Gebäudesteuerung und nahtlose Konnektivität keine netten Extras mehr, sondern essenzielle Grundvoraussetzungen – vergleichbar mit Wasser- und Stromanschlüssen. Um diesen Bedarf europaweit zu decken, hat die Europäische Union den Gigabit Infrastructure Act (GIA) beschlossen. Das Gesetz bringt ambitionierte neue Rahmenbedingungen für die digitale Infrastruktur in Gebäuden mit sich.
Doch die Theorie wirft in der Praxis zahlreiche Fragen auf: Wie lassen sich teure Nachrüstungen und unzumutbare finanzielle Mehrbelastungen für Bauträger und Eigentümer vermeiden? Wie gelingt die Umsetzung, ohne dass es an den Schnittstellen zu Reibungsverlusten kommt? Die Antwort der Wirtschaftskammer Tirol ist eindeutig: Nur durch einen Schulterschluss aller beteiligten Gewerke und Disziplinen.
Eine Allianz der starken Partner
Die Veranstaltung „Digitale Gebäude Tirol 2030“ widmete sich der zentralen Frage, wie Wohn- und Gewerbegebäude fit für die Anforderungen des Gigabit-Zeitalters gemacht werden können. Im Mittelpunkt standen die technischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen für den Glasfaserausbau sowie dessen praxisgerechte Umsetzung in Neubau- und Bestandsprojekten.
Dass der Aufbau einer zukunftsfähigen digitalen Infrastruktur nur im Zusammenspiel aller Beteiligten gelingen kann, spiegelte sich auch in der breiten organisatorischen Trägerschaft der Veranstaltung wider. Die Wirtschaftskammer Tirol vereinte dazu jene Branchen, die entlang des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes eine Schlüsselrolle einnehmen – von der Planung über die Errichtung bis hin zur langfristigen Bewirtschaftung. Vertreten waren Mitglieder der Landesinnung Bau, die die baulichen Voraussetzungen für moderne Netzinfrastrukturen schafft, die Elektrotechniker:innen als Spezialist:innen für intelligente Gebäudeverkabelung sowie die Ingenieurbüros als Planer komplexer technischer Gesamtlösungen. Ergänzt wurde diese Expertise durch die Telekommunikations- und Rundfunkunternehmungen als Betreiber und Ausbaupartner der Netze sowie durch die Immobilien- und Vermögenstreuhänder, die als Bauträger, Entwickler und Hausverwalter Gebäude langfristig begleiten und bewirtschaften.
Gemeinsames Ziel war es, die Anforderungen des europäischen Gigabit Infrastructure Act (GIA) aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, praktische Lösungsansätze aufzuzeigen und die Grundlage für einheitliche Qualitätsstandards bei der digitalen Gebäudeinfrastruktur in Tirol zu schaffen. Dabei wurde deutlich: Nur durch frühzeitige Abstimmung, klare Schnittstellen und gemeinsames Handeln kann der Weg zu zukunftssicheren, glasfaserfähigen Gebäuden erfolgreich gestaltet werden.
Wie digitale Gebäude Realität werden
Den Auftakt machten Thomas Stotter und Marco Eder mit der Perspektive der Netzbetreiber. Sie erläuterten die unterschiedlichen Netzmodelle im Glasfaserausbau und stellten den sogenannten „Tiroler Weg“ vor. Im Fokus stand dabei das Open-Access-Prinzip, bei dem die passive Infrastruktur im öffentlichen Eigentum bleibt und mehreren Anbietern diskriminierungsfrei zur Verfügung steht. Die Referenten zeigten auf, dass Tirol mit zahlreichen kommunalen Glasfasernetzen und einem überdurchschnittlichen FTTH-Versorgungsgrad österreichweit eine Vorreiterrolle einnimmt. Gleichzeitig machten sie deutlich, dass die Qualität digitaler Gebäude nicht erst beim Hausanschluss beginnt, sondern vor allem von einer durchdachten Inhouse-Verkabelung, klar definierten Übergabepunkten und einer frühzeitigen Abstimmung aller Beteiligten abhängt. Ihr zentrales Anliegen: Infrastruktur soll möglichst gemeinsam genutzt werden, damit Mehrfacherschließungen vermieden werden und Nutzer:innen dennoch volle Wahlfreiheit bei den Diensten behalten.
Digitale Infrastruktur beginnt nicht erst beim Hausanschluss. Wer frühzeitig mit den Netzbetreibern plant, vermeidet Doppelgleisigkeiten, spart Kosten und schafft die Grundlage für echte Wahlfreiheit der Nutzerinnen und Nutzer.

Marco Eder
Vorsitzender der Fachvertretung Telekommunikations- und Rundfunkunternehmungen in der Wirtschaftskammer Tirol
Aus Sicht der Bauträger und Projektentwickler beleuchtete Mag. (FH) Anton Ruech die Auswirkungen der Gigabit-Infrastruktur auf Neubau- und Sanierungsprojekte. Dabei machte er deutlich, dass die Anforderungen an digitale Gebäude längst zu einem wirtschaftlichen Faktor geworden sind und bereits in der frühen Projektentwicklung berücksichtigt werden müssen. Glasfaserfähige Gebäude erfordern eine durchgängige Planung vom Gebäudeeintritt über Technikräume und Steigzonen bis hin zum Netzabschlusspunkt in jeder Wohnung oder Nutzungseinheit. Ruech betonte die Vorteile einer frühzeitigen Integration, darunter geringere Lebenszykluskosten, weniger spätere Eingriffe in die Bausubstanz, höhere Zukunftssicherheit und eine größere Freiheit bei der Wahl des Netzbetreibers. Gleichzeitig zeigte er auf, dass Bauträger zusätzliche Verantwortung übernehmen müssen, etwa bei der Koordination von Schnittstellen, der Dokumentation und der Abstimmung mit Netzbetreibern. Besonders bei Sanierungen seien Bestandsaufnahmen, Eigentumsfragen, Bewohnerkoordination und Kostenrisiken entscheidende Herausforderungen. Sein Fazit: Der Erfolg hängt wesentlich von einer frühzeitigen Planung, klar definierten Zuständigkeiten und einer lückenlosen Dokumentation ab.
Die technische Umsetzung stand anschließend im Mittelpunkt des Vortrags von Stephan Hörl, Geschäftsführer der SATEC Beratung & Vertrieb GmbH. Er zeigte auf, dass trotz wachsender Streaming-Angebote klassisches Fernsehen weiterhin eine bedeutende Rolle spielt und deshalb bei der Planung digitaler Gebäude berücksichtigt werden sollte. Hörl präsentierte moderne FTTH-Multiproviderlösungen, bei denen Internet, SAT-TV, Kabel-TV und DVB-T über eine gemeinsame glasfaserbasierte Infrastruktur geführt werden können. Sein Ansatz verbindet unterschiedliche Medien und Dienste auf einem einzigen Netz und ermöglicht gleichzeitig die freie Wahl des gewünschten Anbieters. Besonders hob er die Vorteile solcher Systeme für die Wohnungswirtschaft hervor: geringe Betriebskosten, Energieeffizienz, Krisensicherheit und langfristige Zukunftstauglichkeit. Anhand von Referenzprojekten und Praxisbeispielen veranschaulichte er, wie Glasfaserlösungen sowohl in Neubauten als auch in Bestandsobjekten wirtschaftlich umgesetzt werden können. Dabei unterstrich er die Bedeutung einer intelligenten Nutzung vorhandener Infrastruktur sowie einer frühzeitigen technischen Planung.
Den rechtlichen Abschluss übernahm Mag. Carlos Kammerlander von CHG Czernich Rechtsanwälte. Er ordnete die Anforderungen des Gigabit Infrastructure Act (GIA) in das österreichische Wohnungseigentumsrecht ein und erläuterte, welche rechtlichen Fragen bei der Glasfasererschließung von Gebäuden zu beachten sind. Dabei ging er insbesondere auf die Nutzung von Allgemeinflächen, die Rolle der Eigentümergemeinschaften und Hausverwaltungen sowie die unterschiedlichen Entscheidungsmechanismen im Wohnungseigentum ein. Kammerlander zeigte auf, wann Maßnahmen der ordentlichen oder außerordentlichen Verwaltung vorliegen und welche Rechte einzelne Wohnungseigentümer:innen bei der Nachrüstung von Glasfaseranschlüssen besitzen. Besondere Aufmerksamkeit widmete er den neuen Vorgaben für Neubauten und umfassende Sanierungen, die künftig glasfaserfähige Gebäudeinfrastruktur und entsprechende Zugangspunkte vorsehen. Sein praxisnaher Leitfaden machte deutlich, dass vor jeder Glasfaserverlegung sowohl technische als auch eigentumsrechtliche Fragen sorgfältig geprüft werden müssen.
Der Gigabit Infrastructure Act ist nicht nur eine technische Herausforderung, sondern vor allem eine Frage der Zusammenarbeit. Deshalb bringen wir alle relevanten Branchen an einen Tisch und schaffen den Raum für gemeinsame Lösungen.

Ellen Moll
Fachgruppenobfrau der Immobilien- und Vermögenstreuhänder in der Wirtschaftskammer Tirol
Fazit und Ausblick: Der Tiroler Weg
Die Veranstaltung machte deutlich, dass der Ausbau digitaler Gebäudeinfrastrukturen weit mehr ist als eine technische Frage. Der Gigabit Infrastructure Act stellt neue Anforderungen an Planung, Errichtung und Bewirtschaftung von Gebäuden und macht die Zusammenarbeit aller Beteiligten zur Voraussetzung für erfolgreiche Projekte. Der vielfach zitierte „Tiroler Weg“ steht dabei für genau diesen Ansatz: offene Kommunikation, frühzeitige Abstimmung und gemeinsame Standards entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Gleichzeitig basiert Tirols hohe digitale Versorgungsqualität nicht nur auf erfolgreichen Fördermodellen, sondern auch auf den erheblichen Eigenleistungen zahlreicher Unternehmen und dem Engagement vieler Gemeinden, die in den vergangenen Jahren maßgeblich zum Ausbau moderner Glasfaserinfrastrukturen beigetragen haben. Die Wirtschaftskammer Tirol wird diesen branchenübergreifenden Dialog auch künftig aktiv begleiten. Ziel ist es, Tirols Vorreiterrolle beim Ausbau moderner, glasfaserfähiger Gebäude weiter zu stärken und gemeinsame Qualitätsstandards für die digitale Infrastruktur von morgen zu etablieren.