Kunst gehört unter die Leute
Lebens-Mittel. Für Birgit Fraisl ist Kunst kein Luxus, sondern ein Mittel zum Leben. Ein Lebensmittel im wörtlichen Sinn, das unter die Leute gehört. Seit 2008 führt die Innsbrucker Galeristin ein Haus, das genau diesen Satz zum Programm gemacht hat, und tut es bis heute mit Lust am Wagnis.
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In der Riesengasse 8, mitten in der Innsbrucker Altstadt, liegt eine Galerie, die anders funktioniert als die meisten. Wer hereinkommt, steht nicht vor einem Tresen, sondern vor einem Glastisch, hinter dem Birgit Fraisl sitzt, sichtbar und ansprechbar. Seit über zwei Jahrzehnten holt sie zeitgenössische Kunst in diese Stadt.
Den Anfang machte 2004 eine Premiere in einer damals ganz neuen Eishalle: 800 Gäste, ein Konzept namens Kunstvermietung, das in der Region niemand kannte. „Vollkommen verrückt“, sagt sie zum Event heute.
Vom Kunstverleih in die eigene Galerie
Aus „Art2Rent“ wurde nach vier Jahren zusätzlich das artdepot. Eröffnung: 2008, Maximilianstraße, mitten in die Finanzkrise hinein. Wer in dieser Lage eine internationale Galerie aufmacht, „muss eigentlich ganz einen schönen Vogel haben“. Den Satz lässt Fraisl ohne Pathos stehen, und er beschreibt es ziemlich genau.
Krisen sind in ihrer Biografie nämlich auffällig oft Startpunkte. 2020, mitten im ersten Corona-Lockdown, übersiedelte sie ins heutige Gewölbe in der Riesengasse. Bekannte baten sie damals, „bitte nicht mehr umzuziehen“, denn jeder Standortwechsel falle bei ihr mit einer Krise zusammen.
Dass sie das Gewölbe in der Riesengasse überhaupt auf dem Radar hatte, verdankt sich einer früheren Etappe: dem Film-Location-Scouting. Wer einmal mit professionellem Blick nach Räumen sucht, übersieht solche Adressen nicht mehr.
Das Gewölbe hat sich gerechnet. Zwei Schaufenster, viel Laufkundschaft, ein Raum, der nach dem Umbau Skulpturen, Fotografien und Bilder gleichermaßen trägt. Was in der Altstadt schwer zu finden ist, hat Fraisl jetzt: Menschen, die einfach hereinkommen. Ein Schaufenster zeigt häufig kleinere Design-Objekte, das andere die laufende Ausstellung, gerade die Werkschau des Fotografen Laurin Strele, die noch bis 20. Juni läuft.
Glastische statt Bollwerke
Der Glastisch ist kein Designspleen, sondern Methode. Wo andere Galerien hinter einem wuchtigen weißen Block residieren, wollte Fraisl von Anfang an keine Mauer zwischen sich und den Besucher:innen. Die Schwellenangst sei das größte Hindernis für junge Sammler:innen, also baut sie diese Schwelle ab, wo sie kann.
„Kunst ist ein Lebensmittel, das unter die Leute gehört.“
Diese Haltung trägt sich auch durch das Programm. Welche Künstler:in eine Einzelausstellung bekommt, entscheidet bei Fraisl nicht der Markt, sondern ein körperlicher Reflex. „Wenn es im Bauch grummelt, dann ist es richtig.“
Mindestens eine Ausstellung pro Jahr widmet das artdepot zudem einem Thema, das im Galeriebetrieb sonst keinen Platz hat, zuletzt den Kindergräbern von Moria in Kooperation mit Bischof Hermann Glettler. Verkäuflich seien solche Projekte fast nie, gibt Fraisl offen zu. Es gehe auch nicht darum.
Förderung statt Handel
Der entscheidende Unterschied zwischen Kunsthandel und Galerienarbeit liege, so Fraisl, in der Förderung junger Künstler:innen. „Das ist das Beste an der Galerie.“
Atelierbesuche, Kunsttransporte, Versicherungen, Begleittexte, Einladungen an Sammler:innen, Kuratoren und Presse: Jede Ausstellung ist ein Projekt für sich. Verlässlichen Monatsumsatz gibt es nicht, „permanentes Einkommen“ sei in der Branche ein Fremdwort.
Trotzdem denkt Fraisl nach 17 Jahren nicht ans Aufhören. Ihr Sohn arbeitet inzwischen mit, eine Übernahme ist im Gespräch.
Gerichtssaal und Gremium
Seit rund sieben Jahren ist Fraisl gerichtlich zertifizierte Sachverständige für Kunst nach 1945, eine Qualifikation, die nur über eine Prüfung durch einen anderen Gutachter zu erlangen ist.
Bei Nachlassfragen sitzt sie über Werken, die ihr im Galeriealltag nie begegnen würden, recherchiert, ordnet ein und bewertet. „Wahnsinnig interessant“, sagt sie.
Diese Bereitschaft, über den eigenen Betrieb hinauszudenken, prägt auch ihre zweite Rolle. Im Ausschuss des Landesgremiums des Juwelen-, Uhren-, Kunst-, Antiquitäten- und Briefmarkenhandels in der Wirtschaftskammer Tirol ist Fraisl die Stimme der Galerien.
Eine kleine Stimme in einer eigenwilligen Branche: Hier sitzen Juweliere neben Uhrmachern, Antiquitätenhändler neben Briefmarkensammlern und mittendrin die Handvoll Galerien. Was sie verbindet, ist der Handel mit Dingen, deren Wert sich nicht über Stückzahlen erklärt. Genau deshalb brauche es jemanden, der erklärt, wie eine Galerie tickt, sagt Fraisl.
Denn Galerien funktionieren nicht wie Geschäfte mit Tagesumsatz. Sie haben Wochen ohne einen einzigen Verkauf, dafür Abende voller Vernissagen und Wochenenden voller Messevorbereitung. Wer das nicht erklärt, dem glaubt es niemand.
Im Einsatz für die Branche
Funktionärsarbeit heißt für sie vor allem: mitreden, wo Entscheidungen fallen, bei Budgets, Förderungen und gemeinsamen Auftritten.
Für eine frühere Einzelkämpferin, die ihren Betrieb zwei Jahrzehnte allein aufgebaut hat, ist das ein neues und ein gewonnenes Terrain. Sie wirbt dafür, dass die Branche enger zusammenrückt, und ärgert sich, wenn gute Angebote ungenutzt verfallen.
Das Landesgremium fördert etwa Vernissagen seiner Mitglieder mit bis zu 300 Euro. Im vergangenen Jahr habe ausgerechnet sie als Einzige eine solche Eventförderung beantragt.
„Diese Services sind super. Man muss sie nur kennen.“
Wie viel sich bewegen lässt, wenn man mitredet, zeigt das Gallery Week_End Tirol. Was 2023 als Premiere begann, findet 2026 zum vierten Mal statt und ist heute eines der sichtbarsten Kulturereignisse in Tirol. Tirols Galerien öffnen am selben Wochenende ihre Türen, dazu kommen geführte Rundgänge und Ausstellungen in den Bezirksstellen.
Gemeinsam mit Landesgremiums-Geschäftsführerin Karolina Holaus und auf Initiative eines Wiener Kollegen hat Fraisl das Format mitaufgebaut.
„Von nichts kommt nichts“, sagt sie über den Aufwand.
Den Anstoß, Kultur und Wirtschaft enger zu verzahnen, sieht sie als roten Faden ihrer Gremiumsarbeit. Eingeladen dazu wurde sie von WK-Präsidentin Barbara Thaler, eine Einladung, die Fraisl als Ehre versteht. Aus jahrzehntelanger Praxis könne sie erzählen, wie der Kunstbereich wirklich funktioniert.
Kontakte und Vertrauen
Ob am Glastisch oder im Gremium, am Ende läuft beides auf dasselbe hinaus: zuhören, vermitteln, Vertrauen aufbauen. „Kontakte und Vertrauen sind das Wichtigste“, sagt Fraisl, und das gilt für die Künstler:innen gegenüber wie für die Kolleg:innen im Ausschuss.
Den verbreiteten Glauben, ein heute gekauftes Werk sei morgen 100.000 Euro wert, räumt sie mit der Geduld einer langjährigen Marktkennerin aus. Was sie stattdessen verspricht, ist die Auseinandersetzung mit dem Werk. Und vielleicht ein Glas Wein am Glastisch.