Hinter der Stabilität lauern neue Gefahren
Die Tiroler Wirtschaft hält ihr Niveau – es sind jedoch deutliche Warnzeichen erkennbar. Steigende Risiken, höhere Beschaffungskosten und schwache Erträge.
Lesedauer: 3 Minuten
Die gute Nachricht zuerst: Tirols Wirtschaft hält sich weiterhin stabil. Das aktuelle Top Tirol Konjunkturbarometer zeigt, dass der Geschäftsklimawert mit rund 18 Punkten auf dem Niveau des vergangenen Sommers liegt. Doch stabile Zahlen bedeuten noch keine Entwarnung. Hinter der Gesamtentwicklung braut sich eine Entwicklung zusammen, die den Betrieben zusetzt. „Die Tiroler Wirtschaft hält sich weiterhin stabil, aber der Druck auf die Betriebe wächst. Wir dürfen Stabilität nicht mit Entwarnung verwechseln“, betont WK-Präsidentin Barbara Thaler.
Deutlich zeigt sich dieser Druck bei den Beschaffungskosten. 63 % der Betriebe berichten von steigenden Kosten. Gegenüber dem Vorjahr hat sich dieser Anteil nahezu verdoppelt. Das betrifft etwa Waren, Materialien, Vorleistungen oder Energie. Für viele Unternehmen heißt das: Sie müssen mehr zahlen, können diese Kosten aber nicht vollständig weitergeben. Dadurch wird die Ertragslage schwächer. Nur 17 % beurteilen sie als gut, 31 % als schlecht. „Die Betriebe haben Arbeit, aber immer weniger Luft zum Atmen. Der steigende Kostendruck wirkt sich unmittelbar auf die Ertragslage aus“, erklärt Thaler. Doch gesunde Erträge sind die Grundlage dafür, dass Betriebe investieren, Lehrlinge ausbilden, Arbeitsplätze sichern und neue Chancen nutzen können.
Das Risiko steigt
Besonders aufschlussreich ist bei einer Konjunkturerhebung der Blick auf die Erwartungen der Betriebe. 51 % der Unternehmen rechnen in den kommenden Monaten mit einem steigenden Geschäftsrisiko. Das sind 15 Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr. Erstmals seit Sommer 2022 sieht damit wieder eine Mehrheit der Betriebe zunehmende Risiken. Für die Wirtschaft ist das ein wichtiges Warnsignal: Wer mehr Risiko sieht, agiert zurückhaltender.
Genau das zeigt sich bei den Investitionen. Nur rund 13 % der Unternehmen wollen in den kommenden sechs Monaten mehr investieren. Auch die Struktur der Investitionen ist vorsichtig: 58 % entfallen auf Ersatzinvestitionen, 26,3 % auf Rationalisierung und nur 15,7 % auf Erweiterungen. Es wird also vor allem repariert, erneuert und effizienter gemacht. Neue Anlagen, zusätzliche Kapazitäten oder größere Wachstumsschritte bleiben die Ausnahme. Ein Standort, der zu wenig erneuert, verliert Schritt für Schritt an Stärke. „Investitionen von heute sind Wertschöpfung und Arbeitsplätze von morgen. Wenn die Sicht nach vorne trüber wird, sichern Betriebe zuerst das Bestehende ab, bevor sie Neues wagen“, betont die WK-Präsidentin. Damit wird deutlich, warum die Konjunkturumfrage mehr ist als eine Momentaufnahme: Sie zeigt, was heute in den Betrieben passiert – und was morgen am Standort fehlen wird.
Politik muss gegensteuern
Aus Sicht der Wirtschaftskammer braucht es deshalb jetzt klare Schritte, die im Alltag der Betriebe spürbar werden. Investitionen müssen wieder attraktiver werden – etwa durch bessere Abschreibungsmöglichkeiten, planbare Rahmenbedingungen und schnellere Genehmigungsverfahren. Wer investieren will, braucht rasch Klarheit und verlässliche Entscheidungen.
Ebenso wichtig ist ein echter Abbau von Bürokratie. Viele Betriebe erleben nicht eine einzelne große Hürde, sondern viele kleine Belastungen: Formulare, Nachweise, Dokumentationspflichten, Verfahren und laufend neue Vorgaben. Jede einzelne Verpflichtung mag erklärbar sein. In Summe kosten sie aber Zeit, Geld und Energie, die dann für Kund:innen, Mitarbeiter:innen und Investitionen fehlen. Bürokratieabbau muss daher endlich in den Betrieben ankommen.
Mehr Augenmaß braucht es auch bei der Umsetzung europäischer Vorgaben. Es hilft niemandem, wenn Regeln in Österreich früher, strenger oder komplizierter umgesetzt werden als notwendig. „Ich bin überzeugte Europäerin. Aber Europa ernst zu nehmen, heißt nicht, jede Regel als Erste, strenger und bürokratischer umzusetzen als notwendig. Wir müssen auch den Mut haben, die Stopp-Taste zu drücken“, sagt Thaler.
Die Botschaft der aktuellen Konjunkturumfrage ist damit klar: Tirols Wirtschaft ist stabil, aber die Basis für künftiges Wachstum wird schmäler. Damit aus Stabilität wieder Aufschwung werden kann, brauchen die Betriebe mehr Planungssicherheit, weniger bürokratische Belastung und bessere Bedingungen für Investitionen. Davon profitieren nicht nur Unternehmen, sondern alle: durch sichere Arbeitsplätze, regionale Wertschöpfung und einen starken Standort Tirol.