Knoten für Knoten zur Unternehmerin
Aus Corona-Quarantäne wurde Unternehmertum: Heute verkauft Christina Pali handgeknüpften Schmuck und engagiert sich für Tirols Kunsthandwerk.
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Das Knüpfbrett liegt auf dem Tisch in der Wirtschaftskammer. Christina Pali hat es mitgebracht, wie sie es überallhin mitbringt, an den Marktstand, in den Urlaub. „Es gibt keinen Urlaub, wo ich es nicht dabei habe“, sagt sie. Daneben ein paar ihrer neuesten Stücke: Ammoniten, versteinerte Kopffüßer, gefasst in feine Knoten. Ein Geologe in Deutschland hat sie ausgegraben, gereinigt und aufbereitet, Pali hat ihn auf einer Messe kennengelernt. Solche Geschichten erzählt sie gern. Sie sind der Kern dessen, was sie macht.
Angefangen hat alles in der Coronazeit, in Quarantäne. Christina Pali, damals Lehramtsstudentin für Deutsch und Geschichte und schon im Unterricht, saß zehn Tage daheim, ohne Plan. Also griff sie zum Garn. „Ich war immer schon ein kreativer Mensch“, sagt sie. Gehäkelt, gestrickt, Mosaike geklebt. Nur zeichnen, das kann sie nicht, „da bin ich absolut talentbefreit“. Ihr erstes Makramee-Stück, eine Tasche aus dickem Baumwollgarn, geriet zu klein. „Ein absoluter Fail.“ Dann kam sie, eher durch Zufall, auf den Schmuck. Und blieb.
Im schlimmsten Fall melden wir es wieder ab
Dass sie damit einmal in der Wirtschaftskammer sitzen würde, hätte sie sich nicht gedacht. Im Kollegium, im Freundeskreis fragten Leute, wo man ihre Sachen kaufen könne. Also meldete sie am 1. Juni 2022 ihr Gewerbe an. „Im schlimmsten Fall melden wir es wieder ab mit Ende des Jahres“, sagte sie sich. Ernst wurde es mit dem Fachl in der Innsbrucker Altstadt, jenem Geschäft, in dem regionale Produzent:innen ihre Ware in gemieteten Fächern verkaufen. Pali war zuerst als Kundin dort, sprach die Mitarbeiterinnen an. Im Jänner 2023, ein gutes halbes Jahr nach der Gewerbeanmeldung, bewarb sie sich um einen Platz. Für Schmuck gibt es eine lange Warteliste, im März bekam sie ihren Platz. „Auch das war am Anfang zach“, sagt sie. Umsätze kamen nicht über Nacht. Aber ein paar Wochen später wusste sie: Das ist mehr als ein Hobby.
Was nicht auf den Arbeitstisch kommt
Nebenbei, sagt sie, sei sie Lehrerin. Das „nebenbei“ ist Understatement, sie unterrichtet nach wie vor. Trotzdem hat der Schmuck seine eigene Ernsthaftigkeit, und die beginnt beim Material. Ihr Garn wird in Italien produziert. Das klassische Makrameegarn aus Brasilien verwendet sie noch, aber lieber das europäische. Die Ohrhaken bezieht sie von einer Händlerin in Deutschland, die auf recycelte Komponenten achtet und mit der Pali persönlich in Kontakt steht. Ein französischer Onlineshop weist bei jedem Produkt aus, woher es stammt. So billig wie möglich aus Asien bestellen? „Das kommt mir nicht auf den Arbeitstisch.“ Was niemand sieht: die Stunden daheim, in denen sie recherchiert, woher ein einzelnes Element kommt. Wer ein Stück von ihr kauft, bekommt dazu ein Versprechen. Geht etwas kaputt, repariert sie es.
Am Markt stößt diese Konsequenz zuerst manchmal auf Skepsis. Kund:innen kommen mit Vorurteilen, erzählt Pali, und sind dann froh um die Aufklärung. Denn genau das unterscheide Handgemachtes vom Klick im Onlineshop: „Du bekommst nicht die Geschichte, die Emotion damit.“ Ihre Geschichten sind konkret. Ein Armband fällt am Lieblingsstrand auf Kreta in den Sand, ein paar Körner bleiben zwischen den Knoten hängen. Sie putzt sie nicht weg. Das Stück hat jetzt seine Geschichte, und wer es kauft, bekommt sie mit.
Nur jammern und nichts tun geht nicht
Warum sich jemand neben Schule, Gewerbe und Marktständen auch noch eine Funktion in der Wirtschaftskammer aufhalst? Pali antwortet als das, was sie auch ist: Lehrerin für Geschichte und Politische Bildung. „Ich finde, politische Partizipation ist einfach mega wichtig. Nur jammern und nichts tun geht für mich einfach nicht.“ Den Anstoß gab Bernadette Fritsch, Chefin des Fachls und Innungsmeister-Stellvertreterin. Sie sprach Pali am Marktstand an, ob sie sich nicht aufstellen lassen wolle. Zeit zum Überlegen bekam sie, brauchte sie aber nicht. Seit der Wirtschaftskammerwahl 2025 sitzt Pali für die Grüne Wirtschaft im Ausschuss der Landesinnung der Kunsthandwerke Tirol. Die Fraktion, sagt sie, spiele nach der Wahl kaum noch eine Rolle: „Bei uns in der Innung ist es ein feines Miteinander, wo es ums Arbeiten geht und weniger um die Parteifarbe.“
Was die Kolleg:innen am häufigsten zu ihr tragen, ist die Preisfrage. Wer am Markt steht, mit Stücken, in denen Wochenenden und Herzblut stecken, hört ihn immer wieder, diesen einen Satz: Schaut nett aus, aber im Internet krieg ich das billiger. „Das tut wahnsinnig weh“, sagt Pali. Die Stärkung des regionalen Handels ist das Thema, das die Innung derzeit am meisten beschäftigt. Eine Antwort ist in Arbeit: eine Initiative, die regionales, qualitätsvolles Kunsthandwerk sichtbar machen und in der breiten Masse Bewusstsein schaffen soll. Details sind noch offen. Dass Zölle auf asiatische Ware auch die eigene Branche treffen könnten, sieht sie gelassen. Wer Kunsthandwerk verkauft und Fairness ernst nimmt, kann nicht mit Material aus unfairen Bedingungen arbeiten. Regulierung sei da nicht das Schlechteste.
Wir sind so viel mehr als Bastler
Bis zum Ende ihrer Funktionsperiode hat Pali ein Ziel, das in einen Satz passt: „Ich möchte, dass das Kunsthandwerk in Tirol sichtbarer wird.“ Sichtbarer und aufgewertet, weg von der Vorstellung, dass gerade von Frauen ausgeübtes Kunsthandwerk bloßes Hobby oder nebenbei betriebenes Basteln ist. Den Begriff mag sie ohnehin nicht. „Wir sind so viel mehr als Bastler.“ Zur Innung zählen Gold- und Silberschmied:innen, Uhrmacher:innen, Buchbinder:innen, Instrumentenbauer:innen, dazu die Erzeuger:innen kunstgewerblicher Gegenstände. Was sie eint, ist die Vielfalt. Am Kunsthandwerksmarkt am Sparkassenplatz, den die Innung veranstaltet, stehen mittlerweile 20 Stände, und selbst zwei Stände mit Makramee-Schmuck sehen nicht gleich aus.
Das Kleinreden, sagt Pali, beginne oft bei einem selbst. Auch sie habe sich schwergetan, sich hinzustellen und zu sagen: Ich bin Unternehmerin. „Ich darf sagen, dass ich Unternehmerin bin. Ich muss mich selber nicht kleinreden.“ Genau dazu will sie andere ermutigen. Und zum Netzwerken, quer durch die Branchen, weil ein Kunsthandwerksmarkt auch von Kinderbekleidung oder Mode lebt. Konkurrenz ist ein Wort, das sie meidet. „Ich kaufe auch gerne bei der Konkurrenz ein.“
Trau dich. Und zwar jetzt.
Ihr eigenes Unternehmen baut sie gerade um: neues Logo, neue Corporate Identity, womöglich ein neuer Name. Alles darf gehen, sagt sie, bis auf eines: „Was bleiben muss, bin ich.“ Denn im Kunsthandwerk lasse sich vieles kopieren. „Du kannst alles nachmachen, was ich mache. Aber was du nicht nachmachen kannst, bin ich.“
Und den jungen Kunsthandwerker:innen, die überlegen, ob sie es wagen sollen, empfiehlt sie: „Trau dich. Und trau dich jetzt. Warte nicht auf morgen, sondern probier es aus. Weil vielleicht wird es richtig gut.“ Ein Gewerbe, sagt sie, sei so schnell wieder abgemeldet wie angemeldet. Ihres läuft seit vier Jahren. Am 5. September steht sie am Herbstmarkt am Innsbrucker Marktplatz, am 12. September am Kunsthandwerksmarkt am Sparkassenplatz. Das Knüpfbrett hat sie dabei. Wie immer.