Zum Inhalt springen
Eine lächelnde Frau steht in einem Lagerraum neben gestapelten Produktkartons und einer Auszeichnung.
© Neuner‘s

Neuner's – Eine Frage der Mischung

Über 1,5 Mio. Menschen behandelte ihr Großvater mit Harn-Diagnosen. Heute führt seine Enkelin in Kirchbichl seine Rezepturen weiter.

Lesedauer: 6 Minuten

18.09.2026

In einem Kastl im Verkaufsraum in Kirchbichl stehen zwanzig Dosen mit den überlieferten Kräutermischungen. Offene Tees, Originalschnitt. „Jeder Betriebsökonom würde sagen: Lass die drei wichtigsten und streich den Rest“, sagt Stephanie Neuner. Sie streicht nichts. Die Traditionslinie ist für sie die Wurzel des Unternehmens – und die Bio-Kräutertees, die gut schmecken und sich gut verkaufen, sind die Grundlage. „Bei uns arbeiten die gut schmeckenden Produkte dafür, dass es die wirklich wirkungsvollen weiterhin gibt.“ Der Lebertee schmeckt nicht gut. Der Magentee auch nicht. Sie tun gut und darum werden sie verkauft, seit fünf Generationen.

Der Bauerndoktor und der Eisenbahner

Die Geschichte beginnt 1884 im Zillertal. Der Bauernsohn Alois Neuner, vulgo „Kiendla“, behandelt kranke Tiere mit Naturheilmitteln. Bald kommen Menschen, später auch von weit her. Seine Tochter Maria arbeitet 17 Jahre an seiner Seite und gibt das Wissen an ihren Sohn weiter: Hans Neuner, geboren 1917. Er will Medizin studieren, das Geld fehlt. Nach dem Krieg und der Gefangenschaft arbeitet er bei den Bundesbahnen, bis ihn der grüne Star den Job kostet. Er behandelt sich selbst mit pflanzlichen Mitteln, die Augenkrankheit verschwindet, es spricht sich herum. Aus dem Eisenbahner wird der Naturheiler von Kirchbichl.

Mehr als 35 Jahre praktiziert Hans Neuner. Seine Diagnosen zieht er aus dem Harn, behandelt wird mit Kräutertees, Tinkturen und Homöopathie. Ansteckende Krankheiten und chirurgische Fälle lehnt er ab, seine Grenzen kennt er. Die Republik Österreich verleiht ihm das Goldene Verdienstzeichen, das Land Tirol ein Verdienstzeichen, der Vatikan den päpstlichen Sanitätsorden. Dabei ist der Heilpraktiker in Österreich bis heute kein zugelassener Beruf. „Mein Opa hat einen verbotenen Beruf gehabt“, sagt die Enkelin – drei Tage habe er deswegen einmal im Gefängnis gesessen. Die Straße, in der das Unternehmen heute sitzt, trägt seinen Namen.

Was von 35 Jahren Praxis übrig blieb

Die Homöopathie war jedes Mal auf den Moment abgestimmt und ließ sich nicht standardisieren. Die Kräuterteemischungen schon. Über Jahrzehnte hat Hans Neuner sie an seinen Patient:innen nachjustiert – so lange, bis sie „harmonisch“ waren, wie Stephanie Neuner das nennt. Heißt konkret: In einer Mischung stecken auch Kräuter, die auf den ersten Blick nichts mit dem Thema zu tun haben, aber die Nebenwirkungen der anderen abfedern.  „Kräuter sind nicht immer nur gut und gesund“, sagt sie. Wer eine Standardmischung aus sieben leberaktiven Kräutern trinkt, sollte nach zwei, drei Wochen aufhören. Ihre Tees sind darauf ausgelegt, dass man sie lange trinken kann. Genau deshalb rührt sie nichts an: nicht das Kraut, nicht die Schnittgröße, nicht die Arzneibuchqualität. „Sobald ich einen Parameter ändere, ändere ich die Mischung.“

1975 gründete Doris Neuner, Drogistin und Tochter des Heilers, das Unternehmen Neuner‘s, um genau diese Mischungen über die Ordination hinaus verfügbar zu machen. 2009 übernahm Stephanie Neuner mit 24 Jahren die Geschäftsführung – in einer wirtschaftlich engen Phase. „Wir haben uns jede Broschüre zweimal überlegt. Das war eine gute Schule.“

Historisches Schwarz-Weiß-Foto in einer Drogerie mit einem bärtigen Mann und mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zwischen Regalen mit Naturprodukten.
© Neuner‘s Ein Blick in frühere Zeiten: Das historische Foto zeigt den Tiroler Naturheilkundigen Hans Neuner (Mitte) mit dem Team der Drogerie Lackinger – umgeben von Teemischungen, Naturprodukten und seinem Buch „Gesundheit aus der Natur“.

Ein Papier, das sieben Jahre brauchte

Ihre eigene Handschrift ist die Nachhaltigkeit, und die hat ein konkretes Gesicht: den Tee-beutel. Feinschnitt im Aufgussbeutel hat viel Oberfläche, ätherische Öle verdampfen und oxidieren. Deshalb steckten die Beutel lange in einem siebenschichtigen, aluminiumbedampften Papier. „Ein totaler Wahnsinn“, sagt Neuner. Als kleiner Hersteller – 500.000 bis 600.000 Packungen im Jahr, während der Produktions-partner 1,8 Millionen Teebeutel am Tag macht – konnte sie nichts selbst entwickeln. Sie drängte Partner, wartete auf die Industrie, suchte jahrelang. 2018 fand sie ein Hochbarriere-Papier, das ätherische Öle drinnen und Mineralöle draußen hält und sich auf den Maschinen siegeln lässt. Es gibt bis heute nur einen Hersteller dafür. Seither wurde das Material um 70 Prozent dünner, die Nachhaltigkeitsstrategie steht versioniert online, und 2022 lag ein Kuvert im Postkasten: Nominierung zum Green Brands Award. Bewerben kann man sich dafür nicht, man wird vorgeschlagen und dann unabhängig geprüft. Seither wird Neuner‘s laufend revalidiert.

Qualität vor Herkunft

Die Kräuter kommen aus bis zu 80 Ländern.  Kamille oft aus Ägypten, der Großteil der Bio-Ware aus Osteuropa, Rotklee aus Franken – außer in jenen Jahren, in denen die Bauern die Bio-Laborwerte nicht schafften. Neuner kauft nach Wirksamkeit ein. Die Herkunft kommt danach. Ein Naturprodukt, das immer gleich schmecken und gleich wirken soll, lässt sich nicht aus einer kleinen Region wie Österreich beschaffen. „Regionaler kann es nicht sein, weil es über fünf Generationen regional war. Aber die Kräuter können wir nicht nur aus Österreich beziehen, sonst gäbe es unsere Produkte die halbe Zeit nicht.“ Gibt es ein Kraut nicht in der nötigen Qualität, wird das Produkt ausgesetzt. Rezepturen wurden noch nie angepasst. Als Baldrian fehlte, wartete sie. Als Arnika im Ein-kauf explodierte, gab es das Produkt eine Zeit lang nicht.

Woran man Qualität erkennt? „Am Geschmack“, sagt Neuner. Wer eine Tasse aufgießt, schmeckt sofort, ob gute Qualität im Beutel steckt oder der Staub, der am Ende aus dem Filter rieselt. Bei den Traditionskräutern setzt sie bis heute auf Arzneibuchqualität – jenen Standard, den sonst nur die Apotheke verlangt, nicht das Teeregal im Supermarkt. Tiroler Traditionsunternehmen, fünf Generationen, Bio, Nachhaltigkeit: Die Schlagworte stimmen alle, und jedes einzelne ist belegbar. Aber der Grund, warum es Neuner‘s nach 50 Jahren noch gibt, ist keines davon. Es ist die Kompromiss-losigkeit beim Einkauf. Nur die besten Kräuter kommen in die Mischung, und das schmeckt man ab dem ersten Schluck – intensiv, statt nach nichts.

Start-up im Traditionsbetrieb

Im Jubiläumsjahr, nach 50 Jahren, kam die Nachricht des Abfüllpartners, mit dem man über 40 Jahre zusammengearbeitet hatte: Die Traditionskräuter macht er nicht mehr. Andere Produzenten hätten sie übernommen, aber ohne Laborkontrollen. „So kann ich und will ich nicht arbeiten.“ Also holte Neuner die Produktion ins Haus. Eine handbetriebene Mischmaschine vom Schmied, ohne Strom, Kräuter im Grobschnitt, rund 30 Handgriffe bis zur fertigen Packung. Arnika und Kräuter für Öle erntet das Team oft noch selbst am Berg. Parallel baut sie das B2B-Geschäft aus: Tee als Alternative zum Kaffee am Arbeitsplatz, Mitarbeitergeschenke ab unter zehn Euro, heuer drei neue Produkte. Bald steht auch der Tiroler Adler auf den Packungen, das Zeichen des Landes für Traditionsbetriebe. Ihr Maßstab ist seit der Geburt ihres Kindes derselbe geblieben: Würde ich es meinem Kind geben? Wenn nicht, wird es nicht gemacht. Der Großvater schrieb in sein Buch, der liebe Gott werde ihn schützen, solange er ihn brauche. Die Enkelin verlässt sich daneben lieber auf perfekte Laborwerte. Und auf den Geschmack.

Weitere Infos: www.neuners.com