Zum Inhalt springen
Die Gründerinnen von Weiberwirtschaft, Heidi Sutterlüty-Kathan (l.) und Beatrix Rettenbacher führen ihr Unternehmen aus Leidenschaft und Überzeugung.
© Franz Oss

Weiberwirtschaft: Gestaltung mit Haltung

 Der Name ist Programm: Seit über 25 Jahren führen Heidi Sutterlüty-Kathan und Beatrix Rettenbacher ihr Designbüro Weiberwirtschaft in Innsbruck. In ihren Grafikdesigns und Textilien verbinden sie Markenstrategie mit Haltung – feministisch, regional und bewusst positioniert.

Lesedauer: 5 Minuten

Einen Moment bitte. Ladevorgang läuft ...
0:00
Audio konnte nicht geladen werden. Erneut versuchen
0:00
0:00
Aktualisiert am 14.04.2026

„Weiberwirtschaft“ klingt selbstbewusst, kalkulierte Provokation war das nie. „Wir haben uns aus einer Intuition heraus so genannt“, sagt Sutterlüty-Kathan. Hinter dem Namen steht kein eigenes Unternehmen, sondern eine Arbeitsgemeinschaft und diese war von Anfang an weiblich geprägt: Die beiden Einzelunternehmerinnen an der Spitze, freie Mitarbeiterinnen, Heidis Töchter mit Babysitterinnen im Umfeld – bei so vielen Frauen im Arbeitsalltag war „Weiberwirtschaft“ zunächst eine Beschreibung. Aus dem zunehmenden Engagement für Gleichstellungsthemen und dem regionalen Schwerpunkt entstand eine nachhaltige Unternehmensphilosophie.

atom*innen: Frauen sichtbar machen

Ein aktuelles Projekt bringt die inhaltliche Ausrichtung des Büros auf den Punkt. Für die Initiative atom*innen, die mehr Frauen für Quantenphysik gewinnen will, entwickelte Weiberwirtschaft gemeinsam mit Physikerin Francesca Ferlaino, Wissenschafterin des Jahres 2026, Logo und visuelles Erscheinungsbild.
„Was uns freut: Die Corporate Identity wird wirklich durchgehalten.“ Gestaltung ist hier kein Dekor, sondern Werkzeug, um ein gesellschaftliches Anliegen dauerhaft sichtbar zu machen.

Zu wenig Weiblichkeit, zu starre Hierarchien

Die Geschichte von Weiberwirtschaft begann in Wien bei der Werbeagentur Demner, Merlicek & Bergmann. Heidi Sutterlüty-Kathan arbeitete als Grafikerin, Beatrix Rettenbacher als Texterin. Dann trennten sich ihre Wege: Erstere ging nach Innsbruck, die andere nach Hamburg.

Beide arbeiteten in großen Agenturen mit internationalen Etats und strengen Hierarchien. Die Erfahrung war zwar fachlich prägend, aber auch strukturell ernüchternd. „Ich wollte niemanden mehr über mir haben, der entscheidet, was dem Kunden präsentiert wird“, erzählt Rettenbacher. Zu viel Marktforschung traf auf zu wenig Eigenverantwortung. Auch Sutterlüty-Kathan erlebte die Branche als männlich dominiert: „Ganz oben waren einfach wenig Frauen.“ 
Der Kontakt riss nie ab, erste gemeinsame Projekte entstanden auf Distanz. Schritt für Schritt verdichtete sich die Zusammenarbeit, bis Innsbruck zum gemeinsamen Standort wurde. Im Jahr 2000 gründeten sie ihr Büro, bewusst individueller und unabhängiger.

Für ihr gesellschaftliches Engagement und die professionelle Arbeitsweise hat Weiberwirtschaft bereits mehrfach Preise erhalten, darunter den Arthur-Zelger-Preis 2020.
© Franz Oss Für ihr gesellschaftliches Engagement und die professionelle Arbeitsweise hat Weiberwirtschaft bereits mehrfach Preise erhalten, darunter den Arthur-Zelger-Preis 2020.

Sichtbarkeit für starke Frauen

Besonders sichtbar wurde der Gleichstellungsanspruch beim Markenauftritt für die Bäckerei Therese Mölk. Namensgeberin ist die Gründerin von M-Preis, eine Unternehmerin, deren Rolle lange Zeit unter den Tisch gefallen ist. Frauen aus der Unternehmerfamilie wollten das ändern.
Weiberwirtschaft entwickelte für Therese Mölk Logo und Markenauftritt in einem mehrjährigen Prozess. „Wir haben gemerkt, was das intern auslöst“, erinnert sich das Unternehmerinnenduo. Noch vor der offiziellen Präsentation tauchte das neue Signet bereits als Bildschirmschoner im Unternehmen auf. Für das Büro ein klares Zeichen: Gute Gestaltung bietet den Mitarbeiter:innen eine ideale Möglichkeit, sich mit der eigenen Firma zu identifizieren. 

Seit 2003 betreuen sie zudem die Tiroler Edle im Bereich Packaging und Corporate Identity, ein Beispiel für kontinuierliche Markenarbeit mit regionaler Verankerung.
Die gestalterische Kontinuität blieb nicht unbeachtet. 2020 erhielt Weiberwirtschaft den ersten Arthur-Zelger-Preis für gute Gestaltung, eine renommierte Tiroler Auszeichnung für kontinuierliche Leistungen mit Landesbezug. Im selben Jahr folgten ein Binder Award sowie eine CCA-Nominierung.

Von Print bis Web. Von Logo bis Verpackungsdesign. Von Visitenkarte bis Firmenbroschüre.<br />
Weiberwirtschaft startet mit der Idee und erarbeitet für jede neue Aufgabe ein durchgängiges und vor allem passgenaues Konzept.
© Weiberwirtschaft Von Print bis Web. Von Logo bis Verpackungsdesign. Von Visitenkarte bis Firmenbroschüre.
Weiberwirtschaft startet mit der Idee und erarbeitet für jede neue Aufgabe ein durchgängiges und vor allem passgenaues Konzept.

In den Feminismus hineingewachsen

Der feministische Schwerpunkt war nicht von Anfang an strategisch geplant. Sie seien in den Namen hineingewachsen. Unternehmen traten zunehmend mit Projekten an die beiden heran, die Gleichstellung explizit thematisierten, so auch die Tiroler Versicherung mit der Kampagne „Frau Tiroler“.

Trotz solcher Projekte fällt ihr Blick auf die Tiroler Wirtschaft nüchtern aus: Sie berichten von einer Wir-Männer-wissen-wie-es-geht-Mentalität. Männerdominierte Entscheidungsstrukturen seien weiterhin Realität – Tirol sei da kein Sonderfall. In Innsbruck erlebten die beiden mehr Offenheit als im ländlichen Raum, wo traditionelle Rollenbilder stärker verankert seien.

Gleichzeitig betonen sie: Rollenbilder werden nicht nur von Männern stabilisiert. „Frauen spielen da oft selbst mit“, berichtet Sutterlüty-Kathan. Echte Gleichstellung bedeute, Strukturen auf beiden Seiten zu hinterfragen.
Feminismus definieren sie pragmatisch: gleiche Rechte, gleiche Möglichkeiten, gleiche Sichtbarkeit. Und Mut. Frauen sollten sich auch öfter trauen zu sagen: Ich kann das, auch wenn sie es zum ersten Mal machen, sind sich beide einig.
Gerade im kreativen Bereich sei das Sicherheitsdenken groß. „Viele haben Angst, nicht genug zu verdienen“, sagt Rettenbacher. Diese Vorsicht halte besonders Frauen häufig davon ab, kreative Berufe zu wählen.

Disruptiv: Fashion- und Kunstprojekte

Parallel zur Markenarbeit entwickelten die Unternehmerinnen ihre textile Linie für Frauen, Männer und Kinder weiter. Shirts und Unterwäsche werden mit pointierten, teils politischen Texten bedruckt oder bestickt – etwa mit „Stoppt Popo-lismus“ oder mit „good weibrations“. Seit 2013 arbeiten sie dabei mit geflüchteten Stickerinnen zusammen. Die Kooperation beschreiben sie als verlässlich und kreativ.

Kooperation ist für beide ein Prinzip. „Zu zweit ist besser als allein.“ Netzwerke, insbesondere Frauennetzwerke, spielen dabei eine zentrale Rolle. Die kreative Zusammenarbeit mit Frauen, die geflüchtet sind, bewährt sich seit Jahren. Außerdem ist Heidi Sutterlüty-Kathan im Vorstand des WEI SRAUM – Designforum Tirol aktiv. Aus Projekten und Engagement entstanden auch Events: keine klassischen Modenschauen, sondern Abende zwischen Performance, Design und Begegnung. Beim Projekt „Mütter&Töchter“ wurde Mode mit Pop-up-Shop und gemeinsamen Stick-Sessions verbunden – Gestaltung als Dialog.

Nach über 25 Jahren ist Weiberwirtschaft fixer Bestandteil der Tiroler Kreativszene. Der Name wirkt heute weniger provokant als selbstverständlich. Ihr Anspruch bleibt klar: Gestaltung mit Haltung, die Weiblichkeit in Betrieben und in der Gesellschaft stärkt.

Weitere Informationen unter: www.weiberwirtschaft.at

Weitere interessante Artikel
  • Zwei Menschen sitzen vor einem Computer-Bildschirm und sehen sich Bilder an
    Wie Apps aus dem MZK-Verlag helfen, Ernährung besser zu verstehen
    Weiterlesen
  • Zwei Erwachsene stehen vor einem großen Gehege mit mehreren Geiern, die auf Holzstämmen sitzen. Die Personen sind gepflegt gekleidet und lächeln in die Kamera. Im Hintergrund sind Felsen, Bäume und ein abgesperrter Naturbereich zu sehen.
    Alpenzoo: Wirtschaftsfaktor mit Fell und Federn
    Weiterlesen