Wertschöpfung verdient Wertschätzung
Die Tiroler Wirtschaft startet mit vorsichtigem Optimismus ins neue Jahr. Wirtschaftskammer-Präsidentin Barbara Thaler gibt Einblicke in die aktuelle Konjunkturlage, führt aus, wie die Erholung der Wirtschaft nachhaltig gelingen kann und erläutert die Bedeutung von Wertschöpfung für Einkommen und Wohlstand.
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Die Wirtschaftskammer hat gerade das Konjunkturbarometer veröffentlicht. Wie ist die aktuelle Lage der Betriebe?
Die Tiroler Wirtschaft erholt sich, aber sehr unterschiedlich je nach Branche. Der Pessimismus geht zurück, aber viele Unternehmen fahren weiterhin auf Sicht. Das heißt: Die Lage ist besser als zuletzt, aber noch nicht gut. Jetzt gilt es, diese Aufhellung durch gezielte Maßnahmen zu unterstützen.
Warum kommt die Erholung nur langsam voran?
Viele Betriebe stecken in einer Kosten-Zange. Hohe Arbeitskosten und massive Bürokratie belasten. Zwei Drittel der Unternehmen nennen die Bürokratie als großes Hemmnis. Deshalb braucht es einen radikalen Bürokratieabbau und eine spürbare Entlastung des Faktors Arbeit. Oder anders gesagt: Wir müssen die Wertschöpfung befreien. Erste Schritte wie der Investitionsfreibetrag zeigen, dass das gelingen kann.
Zwei Drittel der Unternehmen nennen die Bürokratie als großes Hemmnis. Deshalb braucht es einen radikalen Bürokratieabbau und eine spürbare Entlastung des Faktors Arbeit.
Sie haben den Bürokratieabbau angesprochen. Hat es hier in den letzten Monaten spürbare Fortschritte gegeben?
Am Verhandlungstisch ja. Aber bis die Betriebe konkrete Vereinfachungen spüren, wird es noch dauern. Auf Tiroler Ebene sorgt der „Tirol Konvent“ für Verbesserungen. Und auf Bundesebene ist das Entbürokratisierungspaket ein wichtiger Schritt. Besonders relevant sind der Grundsatz „Beraten statt Strafen“, schnellere Genehmigungsverfahren sowie die Anhebung der Buchführungsgrenzen. Jetzt kommt es auf die Umsetzung an, denn Tiroler Unternehmen verbringen derzeit bis zu 20 Stunden pro Woche mit Bürokratie – Zeit und Geld, die besser in Innovation, Investitionen und Arbeitsplätze fließen sollten.
Energiekosten sind nach wie vor für viele Betriebe eine Belastung. Wie bewerten Sie die jüngsten Strompreisentlastungen für die Industrie?
Die angekündigte Einführung eines Industriestrompreises ab 2027 sowie die Verlängerung der Strompreiskompensation bis 2029 sind aus Sicht der Industrie ein wichtiges Signal in herausfordernden Zeiten. Darüber hinaus wurde ja bereits im Dezember beschlossen, die Elektrizitätsabgabe für Unternehmen auf 0,82 Cent/kWh zu senken und den Ökostrombeitrag zu reduzieren.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die Gründe dafür, dass die Bauwirtschaft konjunkturell die größten Probleme hat?
Drei Jahre Rezession schlägt auch im Gewerbe durch. Einerseits fehlt die Breite an Investitionen in der Wirtschaft, zu denen auch Bauvorhaben zählen. Andererseits ist die KIM-Verordnung 2022 zur Unzeit gekommen und hat die Rezession in der Bauwirtschaft verstärkt. Umso wichtiger ist es jetzt, dass auch die Nachfolgeregelungen von KIM gelockert werden, die immer noch durch restriktive Kreditvergaben den Bau bremsen.
Wertschöpfung heißt, dass Arbeitsplätze entstehen, Löhne gezahlt werden und regionale Kreisläufe funktionieren.
Die schwache Konjunktur schlägt sich in sinkenden Lehrlingszahlen nieder. Ist die duale Ausbildung in Gefahr?
Der aktuelle Rückgang bei den Lehrlingszahlen um rund 4 % ist bedauerlich, aber angesichts der schwachen Konjunktur nachvollziehbar. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten reagieren Betriebe sensibel. Die Entwicklung unterscheidet sich stark nach Branchen – wer kann, bildet aus, wer unter Druck steht, muss zurückfahren. Positiv sind die steigende Zahl ausgezeichneter Lehrbetriebe und der Trend, dass sich mehr Maturant:innen für eine Lehre entscheiden. Das zeigt: Die duale Ausbildung ist nicht in Gefahr, sondern bleibt ein stabiler und zukunftsfähiger Weg.
Was ist aus Ihrer Sicht die Voraussetzung dafür, dass es ein wirtschaftlich erfolgreiches Jahr für Betriebe und Bevölkerung wird?
Wir müssen einem zentralen Begriff wieder jene Bedeutung geben, die er verdient: der Wertschöpfung. Sie wird oft unterschätzt oder falsch interpretiert. Viele sehen bei Unternehmerinnen und Unternehmern nur Bilanzzahlen. Das ist viel zu kurz gegriffen. Wertschöpfung heißt, dass Arbeitsplätze entstehen, Löhne gezahlt werden und regionale Kreisläufe funktionieren. Dass abends noch Licht in der Werkstatt brennt, dass ein Lkw Waren anliefert oder ein kleiner Betrieb Verantwortung für seine Mitarbeiter übernimmt – das ist die Basis unseres Wohlstands.
Wie will die Wirtschaftskammer diese Sichtweise stärken?
Indem wir klar und selbstbewusst sagen, was die Wirtschaft leistet. In Tirol zahlen die Betriebe jedes Jahr rund 21 Milliarden Euro an Löhnen und Gehältern aus – Einkommen für 265.000 Beschäftigte und ihre Familien. Dazu kommen Lehrlingsausbildung, Investitionen, regionale Aufträge und vieles mehr. Deshalb fordern wir Wertschätzung für Wertschöpfung. Mit unserer Kampagne „zusammen:mehr“ machen wir sichtbar: Wirtschaft ist kein abstraktes System, sondern etwas, das allen zugutekommt.
Was bewirkt eine veränderte Wahrnehmung?
Sehr viel, denn Wirtschaft ist auch Psychologie. Optimismus ist kein nettes Extra, sondern der Treibstoff jeder Wirtschaft. Ohne Zuversicht wird nicht investiert und keine neue Wertschöpfung geschaffen. Sinkt der Optimismus, schrumpft der wirtschaftliche Kuchen. Und wenn der Kuchen kleiner wird, beginnen Verteilungskämpfe. Dann geht es nicht mehr um Lösungen, sondern um Neiddebatten und Schuldzuweisungen – das bringt uns nicht weiter.
Was meinen Sie damit konkret?
Man sieht das bei den Diskussionen über planwirtschaftliche Eingriffe. Etwa bei den Treibstoffen – obwohl mehr als die Hälfte des Preises an den Staat fließt. Wer nur auf die Unternehmen zeigt, blendet diese Realität aus. Wenn wir ehrlich über Kosten, Abgaben und Zusammenhänge sprechen, entsteht Verständnis. Und Verständnis ist die Grundlage für sachliche Entscheidungen.
Nicht nur die Wirtschaft, auch die Staatsfinanzen sind unter Druck. Wie kann hier eine Verbesserung gelingen?
Die Abgabenquote ist zu hoch. Der Staat muss die Ausgabenbremse ziehen. Entlastet man die Wirtschaft, steigt die Wettbewerbsfähigkeit. Das führt zu Wachstum – und langfristig auch zu höheren Steuereinnahmen. Eine starke Wirtschaft ist die beste Grundlage für solide Staatsfinanzen.
Sie fordern nicht nur Reformen vom Staat, sondern haben in der WK einen klaren Reformkurs eingeschlagen. Was wird hier konkret passieren?
Wir stellen alles auf den Prüfstand – Struktur, Finanzierung und Dienstleistungen der Wirtschaftskammer. Und das mit einem klaren Ziel: weniger Komplexität, mehr Nutzen. Die Wirtschaftskammer muss eine spürbare Servicekammer sein, besonders für kleine und mittlere Betriebe. Die gesetzliche Mitgliedschaft ist dabei ein wichtiges Sicherheitsnetz. Ohne Kammer gäbe es keine Kollektivverträge, keine flächendeckende Beratung und kein vergleichbares Serviceangebot. Daher stärken wir alles, was den Betrieben echten Nutzen bringt, und rücken noch näher an die Betriebe und die Praxis vor Ort.