„77 Hochschulen braucht das Land nicht“
„Wir haben ein Komplementärangebot zu Universitäten“, wirbt Kristina Edlinger-Ploder. Die Rektorin der Fachhochschule Campus 02 drängt auf Kooperationen.
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Vor 30 Jahren wurde die Fachhochschule Campus 02 unter anderem mit dem Anspruch gegründet, eine „FH für die Wirtschaft“ zu sein. Ist das gelungen?
Wir können mit unserem Entwicklungsportfolio der steirischen Wirtschaft sehr gut direkt zuarbeiten – nicht nur den großen, sondern ganz besonders auch den kleineren und mittleren Unternehmen, wo es gelingt, mit Informationschecks oder Projekten sehr konkrete Entwicklungsschritte gemeinsam mit ihnen zu machen, die am Ende zu einem Prototypen oder auch dazu führen, dass wir für eine Branche oder ein Segment Leitfäden oder Programme entwickeln können, die dann auch andere Unternehmen nutzen können. Mit diesem Ansatz für Forschung und Entwicklung können wir im Jahr etwa 150 bis 200 Unternehmen unterstützen.
Seit Jahren hört man aus Unternehmen den Ruf nach mehr technischen Fachleuten. Können Sie liefern?
Wir haben insgesamt knapp 1.600 Studienplätze – die können wir gut besetzen. Die Nachfrage ist in den technischen Studien aber tatsächlich etwas geringer als in den wirtschaftlichen. In den letzten zehn Jahren haben wir aber 19 Prozent mehr Studierende in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Technik, Anm.) gewinnen können. Die Bewerberinnen und Bewerber dafür zu finden, wird jedoch schwerer.
Woran liegt das?
Grundsätzlich ist es in Österreich so, dass alle MINT-Studierende wollen und auch viele neue Studienplätze in diesem Bereich eingerichtet wurden. Sie werden aber nicht alle in Anspruch genommen. Das liegt vor allem auch an einer demografischen Talsohle: Wir haben nicht mehr junge Leute dazubekommen. So gibt es in Österreich seit zehn Jahren eine Lücke an besetzten Studienplätzen.
Spiegelt sich die aktuell angespannte Konjunktur in den Studierendenzahlen wider, weil Unternehmen wie auch Arbeitnehmer bei der Weiterbildung sparen?
Wenn die Wirtschaft der Welt geschwächelt hat, gab es bei uns bisher immer verstärkte Nachfrage. Warum? Unternehmen haben ihren Beschäftigten zwar die Stunden reduziert, ihnen aber eine Weiterbildung oder ein Studium ermöglicht. Im aktuellen Setting, wo die Rezession und der fehlende Optimismus schon zu lange dauern, merken wir erstmals, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auch zurückhaltend sind. Das heißt, die Angst um den Job lässt wahrscheinlich auch die Weiterbildung etwas ins Stocken geraten. Das gleiche ist bei den Unternehmern bemerkbar: Sie reden zwar nach wie vor – und es stimmt statistisch gesehen ja auch – vom Fachkräftemangel. Aber aktuell sind andere Fragen wie Energiekosten, Auftragslagen etc. dringlicher als die Personalentwicklung.
Werben Sie auch im Ausland um Studierende? Beziehungsweise was bietet man vor Ort in Sachen Internationalisierung?
Wir haben vor fünf Jahren einen englischsprachigen Bachelorstudiengang – Smart Automation – hochgezogen. Da gelingt es uns erstmals auch, den ehemaligen Alpe-Adria-Raum, also Südosteuropa, sehr gut zu integrieren. Das, was man schon vor 30 Jahren wollte – die alten Motive –, ist also immer noch aktuell. Sie müssen nur neu formuliert und neu gedacht werden.
Apropos neu denken: In Österreich gibt es 77 Hochschulen. Im Rahmen des Reformprozesses für die Hochschulstrategie 2040 hört man, das seien zu viele. Stimmt das?
77 Hochschulen braucht dieses Land nicht. Auch bei neun Hochschulen in der Steiermark könnte man fragen: Würden fünf nicht reichen? Aber ich glaube nicht, dass die Politik irgendeine Zwangszusammenlegung will. Im besten Fall ist sie aber gut beraten, die eine oder andere Kooperation zu fördern. Das sieht man an unserem Tun. Wir pflegen mit allen Hochschulen in der Steiermark und darüberhinaus Kooperationen, weil wir etwas einbringen, was andere nicht haben. Aber ich mache auch nicht das, was andere Universitäten gut können. Wir haben ein Komplementärangebot und kein Parallelangebot. Wir kaufen bei der TU sozusagen Grundlagenlehre ein und setzen dann unsere Bereiche drauf. Aber wir müssen auch aufpassen: Fachhochschulen und Universitäten sollten Originale bleiben. Es macht Sinn, beide Profile zu erhalten.
Sind sich Universitäten und Fachhochschulen zu ähnlich geworden?
Man hat sich in letzter Zeit vielleicht ein bisschen zu sehr angenähert. Es wäre also jetzt eher der Zeitpunkt, zu schauen, was grenzt mich ab, was sind meine Stärken und was sind meine Schwächen. Es fehlt vielfach an Profilbildung, Schwerpunktsetzung und Leuchttürmen. Und wo es Leuchttürme und Exzellenzzentren gibt, muss es ihnen ermöglicht werden, Kooperationen auch zu leben. Das Organisatorische soll ein Werkzeug zur Beförderung und Verbesserung sein. Da muss man eine Balance finden. Organisation ist kein Selbstzweck.
Zur Person
FH-Konferenz zum Jubiläum
Die Fachhochschule Campus 02 zieht positive Bilanz und feiert ihr 30- Jahr-Jubiläum im Rahmen eines FH-Gipfeltreffens.
Was 1996 mit zwei berufsbegleitenden Fachhochschul-Studiengängen am WIFI Steiermark begann, ist zu einer Säule der akademischen Aus- und Weiterbildung in der Steiermark gewachsen: 30 Jahre nach ihrer Gründung bietet die FH Campus 02 aktuell 14 Studiengänge und kann auf mittlerweile 7.500 Studienabschlüsse verweisen. „Wir haben in den Studiengängen Abschlussquoten zwischen 75 und 90 Prozent“, zieht das Geschäftsführungsduo Kristina Edlinger-Ploder und Erich Brugger zusammen mit WKO-Direktor Karl-Heinz Dernoscheg eine erfreuliche Bilanz. Gefestigt hat sich im Laufe der Zeit die Nähe zur Wirtschaft: Viele Drittmittel für die Forschung kommen aus Unternehmenskooperationen, 75 Prozent der Studierenden sind berufstätig „und können das, was sie bei uns am Wochenende lernen, am Montag in ihren Unternehmen umsetzen“, so Brugger. Das 30-Jahr-Jubiläum feiert man am 15. und 16. April im Rahmen des diesjährigen Forschungsforums der Fachhochschulen in Graz. 85 Vorträge kreisen dabei rund um das Tagungsthema „Smart Science, better Business“.