Der Wirtschaftsmotor steht vor der Wahl
In Graz konzentriert sich die ökonomische Kraft der Steiermark. Die Gemeinderatswahl in der Landeshauptstadt ist damit standortrelevant.
Lesedauer: 5 Minuten
Graz entscheidet am 28. Juni über seine (politische) Zukunft. Bei der Gemeinderatswahl geht es aber um mehr als nur um die Machtverteilung unter dem Uhrturm. Die zweitgrößte Stadt Österreichs und den gesamten Ballungsraum mit seinen 520.000 Einwohnern prägt sie durch ihre zentralörtliche wirtschaftliche, wissenschaftliche und administrative Funktion.
So werden im Großraum 46 Prozent der steirischen Wertschöpfung erwirtschaftet. Mit rund 60.000 Studierenden zählt die Stadt zu den wichtigsten Hochschulstandorten Österreichs, mit 92.000 Berufseinpendlern entwickelt sie auch ausreichend Anziehungskraft am Arbeitsmarkt.
Allein die Zufriedenheit der Wirtschaftstreibenden ist getrübt, wie eine Umfrage unter rund 700 Unternehmen zeigt (siehe Grafik unten). Tatsächlich steht die Stadt durch ihr prognostiziertes Bevölkerungswachstum, den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel, den zunehmenden internationalen Wettbewerbsdruck und „hausgemachte“ bürokratische Vorgaben vor enormen strukturellen Herausforderungen.
Unternehmensvertretungen wie die Wirtschaftskammer oder die Industriellenvereinigung (IV) sehen in wesentlichen Bereichen dringenden Adaptions- und Aktionsbedarf. Es brauche „umfassende strategische Weitsicht“, heißt es in einem zehn Bereiche umfassenden Katalog von Handlungsempfehlungen, den das Institut für Wirtschafts- und Standortentwicklung (IWS) der WK Steiermark im Vorfeld des Urnengangs ausgearbeitet hat.
Nachhaltige Lösungen
Mobilität dürfe demnach nicht einseitig gedacht werden. „Neben dem Ausbau des öffentlichen Verkehrs, der Fuß- und Radwege sowie intelligenter Mobilitätslösungen muss vor allem auch die wirtschaftliche Erreichbarkeit der Innenstadt gewährleistet bleiben“, so die Studienautoren. Man dürfe das Zentrum nicht nur als Einkaufsort, sondern als multifunktionalen Wirtschafts- und Lebensraum verstehen.
Mit Verweis auf eine signifikant rückläufige Besucherfrequenz im handelsdominierten Zentrum der Stadt, die parallel wachsende Pendlerproblematik aus dem Umland und die demografischen Prognosen (siehe weiter unten, Anm.) sei es bis dato aber nicht gelungen, nachhaltge Verkehrslösungen für eine Verkehrswende umzusetzen.
Auch im ebenfalls kürzlich vorgelegten Aktionsplan „Graz, mach was!“ der IV werden Erweiterungs- und Entwicklungsperspektiven eingemahnt. „Die künftige Grazer Stadtregierung muss die notwendige Weiterentwicklung des Industriestandorts Graz mit seinen über 30.000 Arbeitsplätzen zur international sichtbaren Innovationsmetropole gezielt unterstützen.“ Für die Zukunft von Produktion im urbanen Raum brauche es etwa den Schutz von Flächen für Industrie und Gewerbe, um Unternehmensansiedlungen und Betriebserweiterungen zu ermöglichen. Die Unternehmensvertretungen fordern zudem die proaktive Entschärfung von Nutzungskonflikten sowie eine bessere Infrastrukturanbindung unter Berücksichtigung von Warenströmen, Logistik und Schwerverkehr. Ein umfassendes Standortmanagement sollte Ansiedelungen forcieren und bei Verfahren zwischen den verschiedenen Behörden und Abteilungen koordinierend unterstützen, so die IV. „Genehmigungs- und Verwaltungsverfahren sollten vereinfacht, beschleunigt und digitalisiert werden, um Gründungen und Betriebserweiterungen zu erleichtern, und zusammen mit Unternehmen und Bildungseinrichtungen Strategien zur Fachkräftesicherung entwickelt werden“, gibt die WK der neuen Stadtregierung mit auf den Weg.
Graz als politische „Wundertüte“
Graz ist bei Wahlen immer für eine Überraschung gut – und hatte in den vergangenen Jahren schon (fast) jede Form der Partei-Kooperation. Aktuell regiert in der Landeshauptstadt eine KPÖ-Grüne-SPÖ-Koalition, während im Land eine Mitte-Rechts-Regierung aus FPÖ und ÖVP am Ruder ist. Wie die Kräfteverhältnisse in den kommenden fünf Jahren aussehen, entscheiden am 28. Juni rund 225.000 Wahlberechtigte – der Großteil sind Österreicher, ein kleiner Teil EU-Bürger. Denn stimmberechtigt sind auch Staatsangehörige eines Mitgliedsstaates der EU mit Hauptwohnsitz in Graz (Stichtag: 17. April 2026).
Die Stadt wächst, die Wirtschaft nicht
Zwischen 2010 und 2025 wuchs Graz um rund 20 Prozent – und damit deutlich über dem Landesdurchschnitt von 5,5 Prozent – auf 305.314 Einwohner. Dieser Trend wird sich bis 2040 deutlich abschwächen, gleichzeitig wird sich das Bevölkerungswachstum in Graz-Umgebung dagegen weniger einbremsen. Auffallend ist der für Ballungsräume typische, verhältnismäßig höhere Internationalisierungsgrad: So wohnen knapp 50 Prozent der in der Steiermark lebenden nicht-österreichischen Staatsbürger in Graz. Auch der Zuzug nach Graz passiert mehrheitlich aus dem Ausland, während das Bevölkerungsplus in Graz-Umgebung das Ergebnis innerösterreichischer Wanderbewegungen ist.
Beim Wirtschaftswachstum liegt Graz im Vergleich zu anderen steirischen Regionen über dem Durchschnitt, während die Stadt beim Bruttoregionalprodukt pro Kopf den schlechtesten Wert aller Regionen aufweist. Was die Betriebsdynamik angeht, stieg zwar die Zahl der Gewerbetreibenden auf zuletzt 25.645, der Handel im 1. Bezirk schrumpfte aber um 16 Prozent.
Leere Budgettöpfe lähmen die Stadt
Die Schuldensituation in Graz ist seit Längerem prekär. Seit 2018 ist ein massiver Anstieg zu beobachten – ein Trend, der sich bis 2024 fast ungebrochen fortschreibt. Im Jahr 2002 lagen die Finanzschulden der Stadt noch bei 0,5 Milliarden Euro. Bis 2017 gab es moderate Zuwächse, 2018 einen sprunghaften Anstieg auf eine Milliarde Euro. 2024 lag er schließlich schon bei 1,9 Milliarden Euro. Mit dem Gesamtschuldenstand kletterte auch die Pro-Kopf-Verschuldung. Lag sie 2020 noch bei knapp über 5.000 Euro, betrug sie 2024 bereits 6.352 Euro – die höchste unter den Landeshauptstädten. Damit ist der Investitionsspielraum der Stadt massiv eingeschmolzen.