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Barbara Thaler und Martha Schultz
© Fotografie Fettinger

„Die Betriebe brauchen Luft zum Atmen“

WKÖ-Präsidentin Martha Schultz und WK-Tirol-Präsidentin Barbara Thaler sprechen über die Anliegen der Unternehmen, konkrete Unterstützung und die Reform.

Lesedauer: 5 Minuten

Aktualisiert am 28.10.2026

Die heimischen Betriebe stehen stark unter Druck. Welche Unterstützung können sie von der Wirtschaftskammer erwarten?

Barbara Thaler: Unsere drei Kernaufgaben sind Interessenvertretung, Service und Bildung. Im Moment geht es vor allem darum, den Betrieben mehr Luft zum Atmen zu verschaffen: mit weniger Bürokratie, besseren Investitionsbedingungen und leichteren Betriebsübergaben.

Martha Schultz: WKÖ und Länderkammern ziehen dabei an einem Strang. Als Unternehmerin weiß ich, wie wichtig verlässliche Rahmenbedingungen und genügend Freiraum sind. Und was wir von der Politik und Verwaltung verlangen, muss auch für uns selbst gelten. Das treibt die Kammerreform voran.

Bürokratie steht bei den Unternehmen ganz oben auf der Liste der Belastungen. Ist es wirklich so schlimm?

Schultz: Ja. Kleine und mittlere Unternehmen verbringen im Schnitt 13 Stunden pro Woche mit Bürokratie. Das fehlt bei Kunden, Gästen, Innovationen und Investitionen. Ein aktuelles Beispiel: Ein Unternehmer durfte erst einen Tag später aufsperren, weil die Halterung für den Feuerlöscher fehlte. Der Feuerlöscher selbst war da! Da fühlt man sich doch gepiesackt.

Thaler: Genau dieses Gefühl mangelnder Wertschätzung war ein Grund für unsere Initiative „Wertschätzung für Wertschöpfung“, die wir im Jänner gestartet haben. Betriebe zeigen dort, wo es hakt: Ein Installationsbetrieb wartet seit drei Jahren auf eine Umwidmung, um erweitern zu können. Ein Transporteur kämpft gegen das schlechte Image der Lkw, obwohl sie Waren liefern, die wir alle brauchen. Und ein Entsorger muss Tierkadaver rasch abholen, darf aber sonntags nicht fahren. Das sind drei Beispiele von vielen.

Schultz: Wir fordern einen Stopp unnötiger Berichtspflichten. Warum muss ein Hotel beispielsweise jedes Jahr die Bettenzahl melden, obwohl sich nichts geändert hat? 

Martha Schultz
© Fotografie FettingerMartha Schultz, Präsidentin der Wirtschaftskammer Österreich, betont: „Was wir von der Politik und Verwaltung verlangen, muss auch für uns selbst gelten. Das treibt die Kammerreform voran.“

Gibt es beim Bürokratieabbau auch konkrete Lichtblicke?

Thaler: Wie ernst es der Politik mit dem Bürokratieabbau ist, wird sich beim Tiroler Baurechts-Deregulierungsgesetz zeigen, das gerade in Begutachtung ist. Wir prüfen genau, ob damit wirklich Vorschriften vereinfacht werden. Bei der Erarbeitung waren wir leider nicht so eingebunden, wie wir es uns gewünscht hätten. Wer Regeln entrümpeln will, muss Praktiker an den Tisch holen. Wir bringen uns jetzt intensiv ein. Ich bin überzeugt: Bürokratieabbau ist das beste Konjunkturpaket.

Schultz: Nordrhein-Westfalen plant ab 2027, dass die Verwaltung begründen muss, wofür sie Daten braucht. Das wäre auch für Österreich ein Ansatz. Nicht die Unternehmen müssen begründen, warum eine Berichtspflicht weggehört. Der Staat muss begründen, warum sie weiterhin notwendig ist.

Wir fordern einen Stopp unnötiger Berichtspflichten.

Ein großer Schwerpunkt ist die Betriebsnachfolge. Wie unterstützt die Kammer bei Übergaben?

Thaler: In Tirol stehen in den nächsten Jahren rund 5.700 Betriebsübergaben an. Übergaben brauchen oft Jahre der Vorbereitung. Deshalb setzen wir einen Beratungsschwerpunkt und bieten mit der Notariatskammer Übergabe-Sprechtage in allen Bezirken an. Mein Appell: Kommen Sie frühzeitig zu uns!

Schultz: Österreichweit stehen bis 2035 rund 56.600 Betriebe mit fast 780.000 Arbeitsplätzen zur Übergabe an. Wir müssen Unternehmertum für die nächste Generation attraktiv halten. Bei einer Übergabe wird weit mehr weitergegeben als ein Schlüssel: Arbeitsplätze, Know-how und Verantwortung. Dafür braucht es weniger bürokratische und steuerliche Hürden sowie bessere Finanzierungsmöglichkeiten für Nachfolgerinnen und Nachfolger.

Wie steht es derzeit um die Investitionsbereitschaft der Tiroler Betriebe?

Thaler: Die Zahlen unseres TOP-Tirol-Konjunkturbarometers sind alarmierend: Nur 13 % der befragten Leitbetriebe wollen mehr investieren, 40 % weniger. Das ist ein Negativrekord. Die Geopolitik können wir nicht ändern, unsere Standortbedingungen schon. Deshalb drängen wir auf Entlastung.

Schultz: Unsere Betriebe müssen hohe Lohnstück- und Energiekosten stemmen. Das schwächt unsere Wettbewerbsfähigkeit und verringert den Spielraum für Innovationen. Deshalb brauchen wir verlässliche Rahmenbedingungen, schnellere Genehmigungsverfahren und konkrete Investitionsanreize. Der erhöhte Investitionsfreibetrag sollte über Ende 2026 hinaus verlängert werden. Wer Wachstum bestellt, muss Investitionen ermöglichen.

Barbara Thaler
© Fotografie FettingerBarbara Thaler, Präsidentin der Wirtschaftskammer Tirol, unterstreicht: „Wir haben einen umfassenden Kundenzentrierungsprozess begonnen, Leistungen überprüft und Abläufe vereinfacht. Entscheidend ist immer der Kundennutzen für unsere Mitgliedsbetriebe.“

Kommen wir zur Kammerreform. Wie weit sind die Arbeiten fortgeschritten?

Schultz: Wir machen die Wirtschaftskammer gemeinsam mit den Landeskammern sparsamer, schlanker und stärker. Wir vereinfachen Strukturen, bündeln Leistungen und überprüfen unsere Serviceangebote auf ihren Nutzen für die Mitglieder. Organisationsweit haben wir die Gehaltsvalorisierung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter neu geregelt und einheitliche, strengere Compliance-Regeln beschlossen. In der WKÖ haben wir das Generalsekretariat von vier auf zwei Personen halbiert, führen Abteilungen zusammen und reduzieren den Personalstand um rund 200 Vollzeitäquivalente. Unser Anspruch ist klar: effizientere, digitalere Strukturen und noch mehr Schlagkraft für unsere Betriebe.

Thaler: Auch in Tirol setzen wir unsere Mittel gezielt ein. In den vergangenen eineinhalb Jahren haben wir 19 Vollzeitäquivalente abgebaut, ohne das Service einzuschränken. Ein Kündigungsprogramm ist nicht geplant. Ich habe im Sommer zudem mit den Fachgruppenobleuten und ihren Stellvertretern gesprochen. Es gibt ein klares Ziel, die Rücklagen zu senken. 

Ich bin überzeugt: Bürokratieabbau ist das beste Konjunkturpaket.

Was sollen die Unternehmen von der Reform konkret spüren?

Schultz: Entlastung und bessere Leistungen. Wir wollen die Kammerumlage 2 schrittweise ab 2028 senken und die Unternehmen ab 2030 österreichweit nachhaltig um 100 Millionen Euro jährlich entlasten. 34 Millionen dieser jährlichen Entlastung kommen von der Wirtschaftskammer Österreich. Das ist unser Beitrag zur Senkung der Lohnnebenkosten.

Thaler: In Tirol sind es ab 2030 jährlich rund 6,2 Millionen Euro. Aber Reform ist mehr als Sparen. Wir haben einen umfassenden Kundenzentrierungsprozess begonnen, Leistungen überprüft und Abläufe vereinfacht. Entscheidend ist immer der Kundennutzen für unsere Mitgliedsbetriebe. Diese Arbeit begann lange vor der aktuellen Reformdiskussion.

Im Zuge der Reform wurde auch über eine Abschaffung der Länderkammern und Bezirksstellen diskutiert. Was sagen Sie dazu?

Schultz: Unsere Betriebe brauchen eine effiziente, leistungsstarke Wirtschaftskammer. Ich weiß als Unternehmerin in Osttirol, wie wesentlich etwa die Anlaufstelle in Lienz ist. Wir müssen sparen, aber an den richtigen Stellen – nicht beim Service. Eine Abschaffung von Länderkammern oder aller Bezirksstellen kommt daher für mich nicht in Frage. Wir müssen Aufgaben stärker bündeln und Doppelgleisigkeiten abbauen. 

Thaler: Für viele ist die Bezirksstelle der erste Kontakt. Dort kennt man die Betriebe und ihre Anliegen persönlich. Unser Anspruch ist, dass jedes Mitglied rasch die passende Unterstützung bekommt und nicht von einer Stelle zur nächsten geschickt wird. Effizienz und regionale Nähe gehören zusammen.