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Fingerdruck statt Kneten, Philosophie statt Esoterik:  Klaus Alvarado-Dupuy, Berufsgruppensprecher der Shiatsu-Praktiker in der Wirtschaftskammer Tirol, in seiner Innsbrucker Praxis – wo fernöstliche Tradition und Unternehmertum seit über zwei Jahrzehnten zusammenfinden.
© WK Tirol

Shiatsu – Zwischen fundierter Praxis und falschem Image

Klaus Alvarado-Dupuy hätte diplomierter Elektrotechniker bleiben können. Ist er aber nicht. Stattdessen arbeitet er mit Methoden, die im Westen oft an der Sprache scheitern – und deshalb missverstanden werden. Seit über zwei Jahrzehnten begleitet er Menschen auf ihrem Weg zur eigenen Gesundheit. Was er tut, wirkt fremd – folgt aber einer Logik, die einem Ingenieur vertraut ist.

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Aktualisiert am 15.05.2026

Das Elektrotechnikstudium hat Klaus Alvarado-Dupuy nie losgelassen – aber es hat ihn auch nie ganz gefunden. Das Fach und die Arbeit interessierten ihn, das war nicht das Problem. Was fehlte, war der Mensch. Der direkte Kontakt, das Gegenüber, das Spürbare. „Man spricht heute von Jobs“, sagt er, „früher noch von Berufen. Mir geht es um eine Berufung.“ So begann er nebenher eine Shiatsu-Ausbildung zu machen. Was als Nebenspur startete, wurde zum Hauptweg – im wahrsten Sinne. Im Japanischen gibt es dafür den Begriff Dō-ka: der Weg, der zugleich das Zuhause ist. Für Alvarado-Dupuy trifft das zu.

Heute empfängt er seine Klient:innen in der Innsbrucker Gemeinschaftspraxis Bewusstseinsquelle in der Amraser Straße. Über 60 % seiner Kundschaft sind Stammgäste – manche kommen seit mehr als 20 Jahren. Das ist keine Marketingzahl. Das ist ein Vertrauensbeweis, den man sich in dieser Branche hart erarbeiten muss.

Was Shiatsu ist – und was eben nicht

Shiatsu (指圧) entstand vor rund 100 Jahren in Japan, als man dort begann, traditionelle Körpertherapien systematisch zu benennen und zu ordnen. Der Begriff bedeutet wörtlich „Fingerdruck“ – was aber das Bild verkürzt. Gearbeitet wird mit Daumen, Handflächen, manchmal Ellbogen oder Knien; nicht knetend, sondern mit gezieltem Körpergewichtsdruck entlang bestimmter Bahnen. Diese Bahnen heißen Meridiane – Energiebahnen, durch die nach fernöstlicher Gesundheitsphilosophie das Ki (気), die Lebensenergie, fließt. Ist dieser Fluss im Gleichgewicht, ist der Mensch gesund. So die Grundannahme. 

Genau hier, sagt Alvarado-Dupuy, liegt das Kommunikationsproblem. „Wenn ich von Ki, Yin & Yang oder Meridianen spreche, ist für viele im Westen sofort die Esoterik-Schublade offen.“ Als gelernter Naturwissenschaftler stört ihn das – nicht weil er die Skepsis für falsch hält, sondern weil sie auf einem Übersetzungsproblem beruht. Begriffe wie Ki, Yin & Yang oder Meridian haben im Deutschen keine gewachsene Entsprechung. Sie klingen abstrakt, weil sie es aus westlicher Sicht sind. Doch Abstraktion bedeutet nicht Beliebigkeit. In der fernöstlichen Medizintradition sind das präzise Kategorien – entwickelt über Jahrhunderte, klinisch beobachtet, systematisiert. Dass sie im Westen in die Esoterik-Ecke gestellt werden, liegt nicht an ihrem Inhalt. Es liegt daran, dass sie ohne Kontext ankommen. Und Kontext, das ist Alvarado-Dupuys eigentliche Arbeit: nicht nur mit den Händen, sondern auch mit Worten zu erklären, was er tut – und warum es funktioniert. 

Ohne Verklärung

Zum Beispiel: Im Deutschen sagen wir „Frühjahr“ und jeder weiß: die Zeit, in der nach dem Winter die Dinge erwachen und wachsen. Jetzt ist es Zeit zum raus in die Natur gehen. Im Japanischen wird dieselbe Jahreszeit übersetzt mit „Holz-Element“ oder mit dem „Leber und Gallenblasenmeridian“ beschrieben. Für die meisten Menschen im Westen ist das nicht gerade aussagekräftig – es braucht einen kulturellen Schlüssel, um wirklich verstehen zu können, was damit 
gemeint ist. Shiatsu-Konzepte brauchen denselben. Alvarado-Dupuy liefert ihn. Sachlich, seriös und ohne Verklärung.

Gesetzlich heilen darf Shiatsu nichts – das ist klar. Was es kann: Menschen in ihrer Eigenkraft stärken, Regeneration und Vitalität fördern, innere Ruhe unterstützen. Klient:innen kommen mit Problemen im Bewegungsapparat zu ihm, mit diffusen chronischen Beschwerden, bei denen ärztliche Diagnosen ins Leere laufen, mit Verdauungsproblemen, psychischen Belastungen – oder schlicht mit dem Wunsch nach Tiefenentspannung. Und die meisten kommen wieder.

Der Sensei und die zweite Ausbildung

Prägend waren für ihn nicht nur Bücher, sondern vor allem Begegnungen. Beide Ausbildungen – zum Shiatsu-Praktiker und zum Shiatsu-Lehrer – hat er jeweils zweimal absolviert. Den entscheidenden Impuls gab ihm sein Sensei (Lehrer oder Meister): Kazunori Sasaki, aus Yokohama. 
Sasaki studierte an der Nippon Shiatsu Schule in Tokio und arbeitete danach als enger Schüler und Mitarbeiter von Shizuto Masunaga – jenem Forscher, der das Meridiansystem eigens für die Shiatsu-Anwendung systematisiert und weiterentwickelt hat. Seit 1981 lehrt Sasaki in Europa; Österreich gehört zu seinen festen Stationen.

„Als ich meinen Sensei kennengelernt hatte, dachte ich: Jetzt wird es so richtig interessant.“ Was Sasaki vermittelt, ist mehr als Technik. Von Körper- und Atemübungen zur Selbstpflege –, Meditation, bis hin zu einem tiefen Verständnis von Yin & Yang sowie den Fünf Elementen. Alvarado-Dupuy hat sich als einer der wenigen Tiroler Shiatsu-Praktiker vollständig auf diese eine Methode spezialisiert. Kein Zusatzangebot, keine Methoden-Mischung. Die klare Entscheidung für Tiefe statt Breite. 

Funktionär mit klarem Appell

Die Lage der Shiatsu-Praktiker:innen in Tirol ist nicht ungetrübt. Alvarado-Dupuy beschreibt den Status der Berufsgruppe offen als stagnierend. Shiatsu-Behandlungen werden, wenn überhaupt, nur von wenigen Zusatzversicherungen anteilig übernommen. Die Menschen sparen – und auch beim Thema Gesundheit wird der Rotstift angesetzt. Das spüre man direkt in der Praxis. Dazu kommt ein strukturelles Problem: Die Zahl der Shiatsu-Schüler:innen geht zurück. Die Ausbildung wurde vor rund 20 Jahren rechtlich anerkannt und dabei von ursprünglich fünf auf drei Jahre verkürzt – ein zweischneidiges Schwert, wie er sagt. Die Qualitätssicherung durch die Anerkennung war wichtig. Der Verlust an 
Ausbildungstiefe aber schmerzt. 

In der Wirtschaftskammer Tirol sitzt Alvarado-Dupuy als Ausschussmitglied der Fußpfleger, Kosmetiker und Masseure und als Berufsgruppensprecher der Shiatsu-Praktiker. Eine kleine Gruppe – das gibt er offen zu. „Ich bin nicht der, der mit der Tafel in der Hand durch Innsbruck läuft.“ Was er stattdessen ist: konsequent, seriös, bodenständig. Sein erstes Ziel in der Funktion: Shiatsu bekannter machen und sauber vom esoterischen Image abgrenzen. Sein zweites: die Ausbildung aufwerten. Mit der neuen Richtlinie ist Shiatsu seit 2024 nach dem Nationalen Qualifikationsrahmen auf Niveau 6 (NQR 6) anerkannt werden – das entspricht dem Niveau eines Bachelor-Abschlusses und stärkt den Berufsstand erheblich. Hier möchte Alvarado Dupuy anknüpfen. 

Hinweis
Im Einsatz für die Branche

Die Landesinnung Fußpfleger, Kosmetiker, Masseure 
Mitglieder in Tirol: 2.011
Landesinnungsmeisterin: Petra Erhart-Ruffer
Landesinnungsmeisterin-Stellvertreter: Ayse Ünlü und Claudia Pali
Ziele für die Funktionsperiode 2025-2030: 

Direkte Kommunikation und Transparenz stärken
Ziel ist es, den Austausch zu intensivieren, Informationen schneller und unkomplizierter bereitzustellen sowie mehr Transparenz in den Prozessen der Innung zu schaffen.
Weiterbildung und fachliche Exzellenz fördern
Die Sicherung und kontinuierliche Weiterentwicklung von Weiterbildungsmöglichkeiten auf höchstem fachlichem Niveau ist ein zentrales Anliegen. So stärken wir die Kompetenz unserer Mitglieder und sichern die Zukunftsfähigkeit unseres Berufsstandes.
Berufsgruppenspezifische Anliegen sichtbar machen und vorantreiben
Ziel ist es, die spezifischen Themen und Herausforderungen der verschiedenen Berufsgruppen aktiv zu thematisieren und gemeinsam mit den Mitgliedern tragfähige Lösungen zu entwickeln.

Einen enthusiastischen Appell richtet er aber an die Tiroler Betriebe. Wer Gewinne macht und es ernst meint mit der Gesundheit seiner Mitarbeiter:innen, der soll auch Geld in sie stecken – nicht in Sachmittel. „Menschen für Menschen“, sagt er, „das ist die Nachhaltigkeit, die wirklich trägt.“ Konkret heißt das: Shiatsu-Behandlungen durch geprüfte Praktiker:innen als Betriebsleistung ermöglichen. Weiters ruft er alle SVS-Versicherten auf, den Gesundheitshunderter, der allen SVS-Versicherten zur privaten Gesundheitsvorsorge zusteht, auch für Shiatsu-Behandlungen zu nützen. Gesunde Mitarbeiter:innen sind keine Sozialmaßnahme. Sie sind Kapital. 

Shiatsu-Praktiker:innen in Ihrer Nähe finden Sie ganz einfach unter: www.oeds.at

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