Wie viel Bürokratie braucht es eigentlich?
Wie viel Bürokratie braucht ein moderner Staat? Zwischen notwendiger Ordnung und wachsender Belastung für Unternehmen liegt ein schmaler Grat.
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Die Frage, wie viel Bürokratie ein Staat braucht, beschäftigt Ökonomen, Politiker und Unternehmer seit Jahrzehnten. Die Antwort scheint mittlerweile gefunden: Noch ein bisschen mehr.
Früher hatte man in Unternehmen Geschäftsführer. Heute hat man Dokumentationsbeauftragte mit Kundenkontakt. Der klassische Unternehmer stand einmal in der Werkstatt, mal im Verkauf oder beim Kunden. Heute sitzt er vor dem Computer und kämpft sich durch Formulare, Meldungen, Nachweise, Dokumentationen, Registereinträge, Datenschutzfolgenabschätzungen und sonstige kreative Beschäftigungsprogramme des Gesetzgebers.
Wer glaubt, Bürokratie sei ein Nebenprodukt des Wirtschaftens, der irrt. Sie ist längst ein eigener Wirtschaftszweig. In Argentinien gewann Javier Milei die Präsidentschaftswahlen mit dem Versprechen, die Bürokratie mit der Kettensäge zu bearbeiten. In Österreich bevorzugen wir dagegen die Nagelfeile. Während anderswo Behörden verschwinden, gründen wir Arbeitsgruppen zur Evaluierung möglicher Maßnahmen zur Vorbereitung einer späteren Prüfung des Handlungsbedarfs.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Seit 1970 hat sich die Zahl der Paragrafen in Bundesgesetzen von rund 8.400 auf beinahe 60.000 erhöht. Das ist eine beeindruckende Leistung. Andere Länder exportieren Autos oder Maschinen. Österreich produziert Vorschriften. Wen wundert es da noch, dass Österreich im jüngsten IMD World Competitiveness Ranking 2026 bei der Effizienz der öffentlichen Verwaltung nur auf Platz 43 zu finden ist.
Und weil nationale Bürokratie alleine schnell langweilig wird: Keine Sorge, es gibt es ja noch die Europäische Union. Rund 60.000 EU-Beamte liefern regelmäßig Nachschub. Der Rechtsakt zum Green Deal umfasst mittlerweile fast 36.000 Seiten. Ausgedruckt entspricht das einem Papierstapel von 3,6 Metern Höhe. Man könnte sagen: Europa denkt groß. Vor allem bei Formularen.
Die Unternehmerinnen und Unternehmer sehen das mit gemischten Gefühlen. Eine Umfrage der Wirtschaftskammer Salzburg zeigte, dass vier von fünf Betrieben zuletzt mit einer unverhältnismäßig großen Menge an Bürokratie konfrontiert waren. Die übrigen 20 Prozent haben die Frage vermutlich nicht beantwortet, weil sie gerade mit einer Meldung beschäftigt waren.
Besonders bemerkenswert: Laut KMU Forschung verursacht sie in Österreich Kosten von mehr als 21 Mrd. € pro Jahr. Für dieses Geld könnte man vieles finanzieren: Investitionen, Innovationen, neue Arbeitsplätze oder vielleicht sogar eine Behörde zur Bekämpfung von übermäßig viel Bürokratie.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Natürlich braucht ein moderner Staat Regeln. Niemand wünscht sich Wildwest-Verhältnisse. Aber irgendwo zwischen notwendiger Ordnung und vollständiger Verwaltung des Universums muss es einen vernünftigen Mittelweg geben.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob wir Bürokratie brauchen. Sondern, ob wir irgendwann einen Gewerbeschein benötigen werden, um Bürokratie zu bewältigen.
Gesetzesflut zwingt Unternehmen in die Knie
Jährlich beschließt der Nationalrat durchschnittlich zwischen 150 und 250 neue Gesetze und Novellen. Die EU verzeichnete 2025 sogar einen neuen Rekord bei der Gesetzgebung: 1.456 Rechtsakte wurden von der EU-Kommission initiiert oder erlassen, so viele Gesetze wie seit 15 Jahren nicht.
Österreich stürzt ab
Im jüngsten IMD World Competitiveness Ranking 2026 ist Österreich bei der Effizienz der öffentlichen Verwaltung vom ohnehin nicht vorzeigbaren 34. Platz im Jahr 2022 erneut abgerutscht und liegt nun auf Rang 43.
Das ist ein klarer Standortnachteil gegenüber anderen Ländern.
Milliardenpotenzial zu heben
Gemäß der jüngsten Studie von Eco Austria belaufen sich die Bürokratiekosten in Österreich auf 20 Mrd. € pro Jahr.
Würde man die Regulierungslast auf das Niveau der Niederlande reduzieren, hätte das laut Eco Austria eine Erhöhung des realen Wirtschaftswachstums um 0,6 Prozentpunkte zur Folge.
Viel Zeit für Zettelwirtschaft
Die Bürokratielast, die Österreichs Betriebe zu stemmen haben, wird immer schwerer. Der zeitliche Aufwand für die Einhaltung staatlicher Vorschriften im Verhältnis zur Gesamtarbeitszeit wird immer größer.
Die Betriebe sollten sich wieder mehr um ihr Kerngeschäft kümmern können und weniger Zeit für die Erledigung des Papierkrams aufwenden müssen.
Wo entsteht Bürokratie?
In der Blitzumfrage hat die WKS auch gefragt, in welchen Bereichen die Betriebe die höchsten bürokratischen Belastungen verzeichnen.
Verursacher der Bürokratie
Bereiche mit dem größten Aufwand für Bürokratie.
| Steuern und Abgaben | 51% |
| Datenschutz und Datensicherheit | 44% |
| Arbeitsrecht und Arbeitnehmerschutz | 41% |
| Lohnverrechnung und Sozialversicherung | 39% |
| Statistische Erhebungen | 38% |
| Beauftragte und Sicherheitsvorschriften | 37% |
| Öffentliche Vergabe und Förderungen | 27% |
Die bürokratischen Anforderungen unterscheiden sich von Sparte zu Sparte und je nach Unternehmensgröße. Bei Unternehmen mit bis zu 49 Arbeitnehmern stellen Arbeitsrecht und Arbeitnehmerschutz die größte bürokratische Herausforderung dar.