Echtes Knistern statt digitaler Matches
Dating-Apps waren jahrelang beliebt, doch der Hype lässt nach. Warum sich Jung und Alt wieder lieber analog kennenlernen.
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Swipen, matchen, daten: Das Geschäft mit der Liebe boomt – und das nicht nur rund um den Valentinstag. Sorgte der Satz „Wir haben uns online kennengelernt“ vor einigen Jahren noch für Stirnrunzeln, ist Online-Dating längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Kein Wunder: Weltweit nutzen 350 Millionen Menschen Dating-Plattformen. Die Zeit zwischen Jänner und Valentinstag gilt als Hochsaison. Auch hierzulande: Knapp die Hälfte der österreichischen Bevölkerung hat schon mal im Netz nach der Liebe Ausschau gehalten. An den Single-Zahlen hat das aber nur wenig verändert. Tinder hin oder her: Rund 2,1 Millionen Menschen bezeichnen sich in Österreich als alleinstehend – der Wert ist seit rund 20 Jahren konstant.
Dating-Apps erlebten vor allem während Corona ein Hoch. Doch trotz saisonalen Booms zeigen immer mehr Menschen Tinder, Bumble und Co. die kalte Schulter. Bereits 2024 verlor Platzhirsch Tinder weltweit 600.000 Nutzer. Im ersten Quartal 2025 wurden es noch einmal 400.000 weniger. Die Zeit der App-Müdigkeit scheint angebrochen. Das bemerkt auch Stefan Zisser. Seit über 30 Jahren ist der Murtaler als Partnervermittler im Geschäft. Sein „Sunshine Partnerinstitut“ gehört österreichweit zu den größten Anbietern im Bereich der klassischen Partnervermittlung. Heißt konkret? Im Gegensatz zu Online-Dating erfolgt bei Zisser die Vermittlung durch persönliche Gespräche, Beratung und eine manuelle Auswahl. Klienten finden primär durch Kontaktanzeigen in Zeitungen zu seinem Institut.
Wer glaubt, dass auf diese Weise nur ältere Semester angesprochen werden, irrt: „Vor Corona waren meine Klienten hauptsächlich zwischen 40 und 90 Jahre alt. Doch mittlerweile wenden sich auch immer mehr Leute ab 30 an mich“, stellt Zisser klar. Woran das liegt? Viele seiner jüngeren Klienten seien von Dating-Apps und Portalen enttäuscht. „Nachdem sie einige Zeit lang online gedatet haben, kommen sie drauf, dass Angaben, die im Internet gemacht werden, oft mit der Realität nicht übereinstimmen, oder sie treffen auf Gegenüber, die im Gegensatz zu ihnen nur nach kurzen Abenteuern suchen. Das stimmt viele junge Menschen unzufrieden und so entscheiden sich immer mehr, den altmodischen Weg zu gehen“, meint der Profi-Verkuppler.
Dating-App-Burnout
Daten geben ihm Recht. Psychologen sprechen mittlerweile sogar von einem Dating-App-Burnout, von dem vor allem junge Menschen betroffen sind. Laut einer Umfrage von Forbes Health aus dem Jahr 2024 gaben 79 Prozent der unter 30-Jährigen an, nach der Nutzung von Dating-Apps frustriert zu sein. Ein Drittel ist durch das Verhalten anderer Nutzer enttäuscht, 37 Prozent erleben Ablehnung.
Damit das nicht passiert, setzt Zisser auf Diskretion: „Jeder Klient hat bei uns einen Vermittler, der ihn oder sie persönlich kennt. Dazu führen wir zwei- bis dreistündige Kennenlerngespräche – im Idealfall vor Ort. So können wir uns ein Bild von der Person und ihren Absichten machen und auf individuelle Vorstellungen eingehen. Auf Basis des Gesprächs durchsuchen wir unseren Klientenpool und arrangieren in der Regel innerhalb von 24 Stunden ein Blind Date. Es werden vorab weder Fotos noch Telefonnummer oder Nachnamen bekanntgegeben. Diskretion ist uns wichtig“, erklärt Zisser.
Bis es funkt, dauert es nicht lange. Rund sechs bis zehn Blind Dates würden genügen, bis sich Klienten von seiner Partnervermittlung abmelden. Und dennoch: Wunder vollbringen kann auch er nicht. „Egal, ob mit oder ohne Partneragentur: Wer zwanghaft eine Beziehung will, findet nur schwer den passenden Partner. Wie so oft im Leben hilft es auch in Sachen Liebe, locker zu bleiben und sich keinen Druck zu machen“, rät Zisser. Und: Wer interessante Menschen kennlernen möchte, muss sich unter die Leute mischen. Vereine können dabei hilfreich sein, aber auch beim Sport oder bei Kulturveranstaltungen kann man neue Leute kennenlernen. „Wenn es der Zufall will, trifft man sogar beim Einkaufen den oder die Richtige“, meint Zisser.
Nach einem Partner gesehnt hat sich 2016 auch die Südoststeirerin Helga Papst. Statt sich auf einer Dating-App anzumelden, ging es für sie und eine Freundin aber zum Speed-Dating nach Graz. „Wir waren einfach neugierig“, erzählt die heute 55-Jährige. Die Erfahrung? Enttäuschend. Nur zwei von zehn Männern entsprachen ihrer Altersklasse, eine Übereinstimmung gab es für sie nicht. Papst wollte es besser machen und wurde selbst aktiv.
Sympathie statt Druck
Seit 2017 veranstaltet sie rund sechs Mal im Jahr im Gasthaus Dokl in Hofstätten an der Raab Speed-Dating-Events und achtet dabei auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis und ähnliche Altersgruppen. Die Veranstaltung boomt – auch bei Jüngeren. „Die Jungen sind von Dating-Apps enttäuscht, die Älteren nutzen sie nicht und wollen dennoch neue Leute kennenlernen“, erzählt Papst. Druck gibt es aber keinen: „Primär kommen die Leute, weil sie einen netten Abend verbringen wollen, aber mittlerweile haben sich bei meinen Events auch schon einige Paare gefunden – das spricht sich natürlich herum und macht meine Events noch beliebter.“
Und was tun, wenn die Sympathie stimmt? Dann spricht nichts gegen ein richtiges Rendezvous. Experte Zisser rät zu einem neutralen Treffpunkt: „Ganz klassisch kann man sich in einem Restaurant oder Café verabreden. Genauso eignen sich aber auch ein Spaziergang, Skifahren oder ein Konzertbesuch. Und was sich immer gut macht – auch wenn es altmodisch wirken mag –, ist ein kleines Geschenk. Das ist ein Ausdruck der Wertschätzung.“
Kein Mensch ist zum Alleinsein geboren. Von Internetplattformen und Apps sind immer mehr Menschen enttäuscht – vor allem junge.
Stefan Zisser
Sunshine Partneragentur