Tiroler Handelsforum 2026: Effizient, aber unverwechselbar
Unter dem Motto „Prozesse optimiert – Marke tot!“ zeigte das heurige Handelsforum, warum Effizienz für den Handel unverzichtbar ist – aber nur dann zum Erfolgsfaktor wird, wenn optimierte Abläufe das eigene Markenprofil schärfen.
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Das Tiroler Handelsforum 2026 fand am 21. Mai im Congresspark Igls statt und widmete sich einer Frage, die für viele Handelsbetriebe aktueller kaum sein könnte: Wie lassen sich Abläufe verbessern, Kosten senken und neue Technologien nutzen, ohne dabei das eigene Profil zu verlieren? In Zeiten steigender Kosten, veränderter Kundenerwartungen und massiven Wettbewerbsdrucks rückt Prozessoptimierung in den Mittelpunkt vieler Strategien. Doch wer nur effizienter wird, aber seine Erkennbarkeit schwächt, optimiert am eigenen Markenkern vorbei. Im Mittelpunkt stand damit der richtige Zusammenhang zwischen Prozessqualität, Markenidentität und Kundennutzen.
Blick über den Tellerrand
Spartenobmann Roman Eberharter unterstrich in seiner Begrüßung den Wert des Formats. Das Handelsforum biete die Gelegenheit, Abstand vom Tagesgeschäft zu nehmen und über den eigenen Betrieb hinauszublicken. „Genau dieser Blick über den Tellerrand liefert wertvolle Anregungen, um aktuelle Herausforderungen besser bewältigen zu können“, betonte Eberharter.
Prozessoptimierung sei wichtig – dürfe aber nicht dazu führen, dass jene Merkmale verloren gehen, wegen derer Kundinnen und Kunden bei einem Unternehmen einkaufen. Auch Rainer Trefelik, Bundesspartenobmann des Handels in der WKÖ, verwies auf den Strukturwandel der Branche und die schwierige Frage der Rentabilität. „Deshalb brauchen wir Best-Practice-Beispiele, Impulse und neue Ideen“, so Trefelik. Günther Botschen vom Retail Lab der Universität Innsbruck brachte die Logik des Tages auf den Punkt: „Zuerst muss das gewünschte Ergebnis definiert werden – und erst danach werden die Prozesse dafür entwickelt.“ Durch KI und Robotik gewinne das Thema Effizienz zusätzliche Brisanz.
Optimierte Sinnlosigkeit
Markus Webhofer, Geschäftsführer des Institute of Brand Logic in Innsbruck, warnte vor einer einseitigen Optimierungslogik. Viele Unternehmen beschäftigten sich intensiv mit Effizienzsteigerung, Kostensenkung und Prozessverbesserung. Das sei notwendig, werde aber dann problematisch, wenn diese Maßnahmen zulasten der Marke gehen. Denn Kundinnen und Kunden erleben ein Unternehmen nicht in Ablaufdiagrammen, sondern an Kontaktpunkten: im Geschäft, im Webshop, in der Beratung, beim Service oder bei der Reklamation. Eine starke Marke brauche deshalb eine klare Leitidee. Sie müsse beantworten, wofür ein Unternehmen steht, welchen Nutzen es stiftet und warum Kundinnen und Kunden gerade dort kaufen sollen. Erst daraus lasse sich ableiten, welche Prozesse verbessert, welche Leistungen ausgebaut und welche Tätigkeiten bewusst weggelassen werden. Gerade im Handel entscheidet sich dieser Unterschied täglich im Kleinen: bei der Frage, wie schnell etwas verfügbar ist, wie persönlich beraten wird, wie einfach ein Service funktioniert – und ob all das zum Versprechen des Unternehmens passt. Reine Effizienz ohne Markenlogik führe in die Austauschbarkeit. Webhofer formulierte es zugespitzt: Wer nur auf Effizienz trimme, riskiere „optimierte Sinnlosigkeit“. Prozesse würden dann zwar billiger oder schneller, aber das Unternehmen verliere an Profil – und damit an Relevanz. Effizienz ist also kein Gegner der Marke. Richtig verstanden ist sie ein Werkzeug, um das Markenversprechen besser erlebbar zu machen. Falsch verstanden nivelliert sie genau das, was ein Unternehmen besonders macht.
Erlebnis braucht Prozesse
Wie markenorientierte Prozessoptimierung in der Praxis aussehen kann, zeigte Jakob Oberrauch, Geschäftsführer der Sporthandelskette Sportler. Das Unternehmen wächst gegen den Trend und steht beispielhaft dafür, wie sich stationärer Handel, digitale Kanäle und klare Positionierung verbinden lassen. Eine Marke, so Oberrauch, stehe immer für eine Haltung und ein Erlebnis. Dieses Versprechen könne aber nur eingelöst werden, wenn im Hintergrund die Abläufe funktionieren. Besonders deutlich werde das in der Verbindung von Online- und Offline-Welt. Kundinnen und Kunden erwarten heute, dass beide Kanäle nahtlos ineinandergreifen. Click & Collect, die Bestellung nicht lagernder Produkte direkt aus dem Geschäft oder eine verlässliche Logistik sind längst Teil des Kundenerlebnisses. Dafür müssen Einkauf, IT, Lager, Verkauf und Service zusammenspielen. Zugleich machte Oberrauch deutlich, dass Technologie allein nicht genügt. Hinter jeder Marke und hinter jedem Prozess stehen Menschen. Die größte Herausforderung sei oft nicht die Technik, sondern die Unternehmenskultur. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssten verstehen, wofür ein Unternehmen steht und warum Prozesse verändert werden. Nur dann entstehe aus Optimierung ein besseres Kundenerlebnis. Gerade darin liegt die Chance des stationären Handels: Während KI den Onlinehandel verändert, wächst gleichzeitig das Bedürfnis nach menschlicher Nähe, fachkundiger Beratung und echten Erlebnissen.
Effizienz im Hintergrund
In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass die Grundfrage des Handelsforums weit über den klassischen Handel hinausreicht. Daniela Gruber von der Silberquelle GmbH betonte, dass Digitalisierung gerade für KMU große Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung eröffne. Diese Effizienz müsse aber im Hintergrund wirken und dürfe den USP für den Kunden nicht verdecken. Lorenz Wedl von der Wedl Handels-GmbH verwies auf veränderte Kundenerwartungen und steigenden Kostendruck. Digitalisierung könne interne Abläufe verbessern. Nach außen müsse aber der Mensch im Mittelpunkt bleiben: Partnerschaft lasse sich nicht durch Algorithmen ersetzen. Im Bestellprozess könne Digitalisierung viel leisten, in der Beratung bleibe die persönliche Beziehung entscheidend. Titina Probst von MK Illumination hob hervor, dass Standardisierung und individuelle Lösungen kein Widerspruch sein dürfen. Effiziente Prozesse seien notwendig, um Qualität und Verlässlichkeit sicherzustellen. Gleichzeitig müsse ein Unternehmen beweglich bleiben, um besondere Kundenwünsche möglich zu machen. Simon Meinschad von hollu Systemhygiene beschrieb auch die Reinigungsbranche als Bereich im Umbruch. Neue Technologien, KI und Digitalisierung zwingen dazu, das Geschäftsmodell ständig zu hinterfragen. Entscheidend sei, offen zu bleiben, Entwicklungen zu prüfen und Chancen aktiv zu nutzen.
Klarheit vor Tempo
Das Handelsforum 2026 zeigte mit Unterstützung der Tiroler Tageszeitung sowie der Firmen SPAR, Morandell, Kaffee Nosko und Zillertal Bier eine klare Linie: Prozessoptimierung ist unverzichtbar, aber sie muss einer übergeordneten Idee folgen. Zuerst braucht es Klarheit über das eigene Markenversprechen, dann die passenden Prozesse, Technologien und Strukturen. Wer nur schneller, billiger und standardisierter wird, verliert an Unverwechselbarkeit. Wer Effizienz aus der Marke heraus denkt, schärft sein Profil und bietet Kundinnen und Kunden ein stimmigeres Erlebnis. Neben den Vorträgen und der Diskussion bot das Handelsforum auch heuer wieder viel Raum für Austausch und Vernetzung. Auch das gehört zu diesem Format: Gegenseitiges Lernen schafft Wissensvorsprung und ermöglicht es, aus erfolgreichen Beispielen neue Impulse für den eigenen Betrieb mitzunehmen.
Impressionen vom Tiroler Handelsforum 2026 finden Sie hier!