Fö N 26: Drei Tage Menschenmögliches.
Was ist uns Kreativität wert, wie geben wir sie weiter, was macht Menschen zum Original? Über 1.300 Gäste suchten Antworten in St. Bartlmä.
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St. Bartlmä in Innsbruck ist eine ehemalige Industriebrache, und man sieht ihr das an. Zeit und Menschen haben ihre Spuren hinterlassen, in den großen Hallen, in den kleinen Ateliers und auf den weiten Flächen dazwischen. Einen besseren Gegenentwurf zum Glatten, Perfekten und Generierten des allgegenwärtigen, kaum greifbaren Digitalen gibt es in Tirol wohl nicht. Der Ort war bewusst gewählt. Von 24. bis 26. September füllte das Fö N-Festival den Leerraum, in St. Bartlmä selbst und in der Atempause nach der Frage, die die über 1.300 Besucher:innen umtrieb: Welche Zukunft hat das originär Menschliche?
Ein Versprechen bekommt ein Fragezeichen
»Original« war lange ein Versprechen. Seit Maschinen auf Zuruf Texte, Bilder und Melodien liefern, die sich sehen und hören lassen können, steht dahinter ein Fragezeichen. Das Festivalmotto »The Future of Original« haben Daniel Dlouhy, Kurt Höretzeder, Nicola Weber und Tom Jank als Kurator:innen jedoch mit einer Behauptung versehen: »Das Originäre bleibt Sache des Menschen. Muss es bleiben.« – Die Maschine vervielfältige das Mögliche, heißt es im Festivaltext, »wählen, verwerfen, verantworten, das bleibt an uns«. Bewiesen war damit noch nichts. Den Vortragenden, Workshopleiter:innen und allen, die ihren Teil zum Festival beitrugen, schrieb das Team vorab, sie seien Teil eines Experiments mit offenem Ausgang, und gab ihnen drei Fragen mit auf den Weg nach St. Bartlmä: Was lässt Menschen heute überhaupt noch zu Originalen werden? Was soll uns schöpferische Originalität wert sein, wenn fast alles maschinell machbar scheint? Und wie hoch muss unser Einsatz sein, damit wir dieses menschliche Grundvermögen nicht verlernen?
Diese Nachlese geht den drei Fragen nach.
Vier programmatische Spielarten
Vier Formate trugen das Festivalprogramm: Talks zum Zuhören und Diskutieren, Labs zum Selbermachen, Walks zum Hinschauen und Spirits für alles, was nach Bühne und Bass verlangt. Eine Physikerin stand neben einem Schauspieler, eine Glockengießerei neben einem Grafikdesigner von Weltrang, ein Jugendtheater neben einer MCI-Professorin. Der RUPTUR Tourismusdialog nahm sich den Ganzjahrestourismus vor, S’ Gelbe Egg lud Frauen aus der Kreativwirtschaft zum strategischen Austausch. Ein Vortrag zeigte, wie internationale Filmproduktionen in der Tiroler Bergwelt arbeiten. Und schon am Donnerstagnachmittag traf sich die Tiroler Kommunikations- und Werbebranche zum ersten Branchensummit der Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation. Der Großteil des Programms war gratis oder um kleines Geld zugänglich.
Frage eins: Was macht Menschen zu Originalen?
Die erste Antwort stand schon im Programm des Eröffnungsabends. Francesca Ferlaino forscht als Physikerin an der Universität Innsbruck und ist Österreichs Wissenschafterin des Jahres. Rainer Bock kennt das Kinopublikum aus Michael Hanekes »Das weiße Band« und Quentin Tarantinos »Inglourious Basterds«. Die eine rechnet mit den Urkräften unserer Realität, der andere lieh ihnen mit Texten des »philosophischen Clowns« Hanns Dieter Hüsch seine Stimme. Über alle Fächergrenzen hinweg verbindet die beiden eine Gemeinsamkeit: Sie bleiben seit Jahrzehnten an einer Sache dran, die sich von niemandem abkürzen lässt. Die Schauspielerin Eva Maria Gintsberg rezitierte Sätze rund um das Thema, das neben dem Motto über dem gesamten Festivals steht – »Kreativität«, und das Tanztheaterensemble DRIFT rund um Eva Müller setzten die Festivaleröffnung in Szene und mit ihr die Tonlage für die kommenden Festivaltage.
Dieses Muster von Bandbreite und Tiefgang zog sich durch die Talks. Der Tiroler Fotograf Clemens Ascher zeichnete auf Einladung der Landesinnung Berufsfotografie den langen Weg von der ersten Idee bis zum fertigen Bild nach. Jian Ping He, einer der bedeutendsten Designer der Gegenwart, brachte seine großartigen »Paperworks« mit. Katharina Cibulka hängt mit ihrem Projekt SOLANGE seit sieben Jahren feministische Sätze in einer Größe an Fassaden, die jedes Wegschauen unmöglich macht. Das Jugendtheaterkollektiv Kufstein Diaries stellte mit »Delete Humanity« die Machtfrage zwischen KI und Mensch gleich selbst auf die Bühne.
Wer diese Reihe nebeneinanderlegt, erkennt Originale an drei Dingen: Sie wollen etwas, sie riskieren etwas, und sie stehen mit ihrem Namen dafür ein. Ein Sprachmodell hat Trainingsdaten, eine menschliche Handschrift entsteht aus Lebenspraxis und ungezählten Stunden des Übens, Verwerfens, Widerholens und Neubeginnens.
Mitkurator Tom Jank geht noch einen Schritt weiter: »Vielleicht müssen wir Originalität neu verstehen. Nicht als den Zwang, etwas zu erfinden, das noch nie jemand gedacht hat. Sondern eher als den Mut, sich ein eigenes Urteil zu bilden – gerade in einer Zeit, in der uns Maschinen immer mehr Denken abnehmen. Das Fö N-Festival hat dafür einen konkreten Raum geschaffen: drei Tage lang mit Menschen, Ideen und Gesprächen, die den eigenen Blick verschieben.«
Frage zwei: Was muss uns Kreativität wert sein?
Hier wurde es für die Kreativbranche konkret. Michelle Scholz gab die Richtung schon im Titel ihres Vortrags vor: »The Age of Judgement. From Building to Deciding.« Wenn das »Bauen«, also das Probieren und Machen, durch technische Hilfe billig und einfach wird, steigt der Wert des Beurteilens, Entscheidens und verabntwortungsvollen Umsetzens. Agenturen und Einzelkämpfer:innen verkaufen künftig weniger Ausführung und mehr Urteil, sie werden zu Kuratorinnen im schier endlosen Meer des Möglichen, und genau dieses Urteil lässt sich schwer in bisher gewohnte Schemata und Stundensätze pressen.
Das Fö N_Podium #1 stellte die Frage gleich eine Nummer größer: »Wie besser wirtschaften?« Unter anderen diskutierten Oliver Som, Elisabeth Sechser, Ines Omann und Sabrina Steindl über eine Wirtschaft, die dem Menschen und einem intakten Planeten dient. Richard Schwarz nahm sich unter dem Titel »Wofür das Geld?« das teuerste Kunstwerk Österreichs vor und legte die krude, marktliberale Mechanik des Kunstmarkts offen. Das diskursive Mittagessen »Schon genug?« servierte zum Essen die Frage, wie lange ein ungebremstes »immer mehr« noch gut gehen kann. Lisa Lechner und Andrea Baumann gaben mit »Contain« Daten einen Körper, und Lorenz Kilga zeigte, warum junge Generationen die Bedeutung von Marken neu denken müssen, statt nur Logos zu tauschen.
Daraus folgt eine Forderung: Kreativität, umfassend verstanden, ist eine Kulturtechnik wie Lesen und Rechnen. Wer sie morgen nutzen will, muss sie heute bezahlen: in Honoraren, in Budgets, in Förderprogrammen und vor allem in der Zeit, die ein guter Gedanke nun einmal braucht.
Frage drei: Wie verlernen wir sie nicht?
Kreativität verhält sich wie eine Sprache. Wer sie nicht spricht, verliert sie. Am Ende verstummt sie gar. Das Fö N_Podium #2 »Wie Zukunft lernen?« suchte deshalb, unter anderen mit der Kulturwissenschafterin und Autorin Mirjam Zadoff, nach einem Bildungssystem, das laut Festivalprogramm »Originale entlässt statt Absolvent:innen«.
Geübt haben die Festivalgäste währenddessen mit Händen und Füßen. Die Kunst- und Architekturschule bilding baute mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Freiräume. In der Buchbinderei Sanders in der Neurauthgasse lernten sich beim »Material-Speed-Dating« Menschen, Papier und Stoff neu kennen. Die Matsch-Küche arbeitete im Kollektiv und vor allem mit Ton. Ein Film-Lab übte die richtige Frage im richtigen Moment, ein Improvisations-Workshop mit Oliver Som das Handeln ohne Plan, und Empatic fragte, wie Unternehmen dem Unerwarteten Platz machen. Selbst beim Copywriting-Workshop »Am Anfang war der Prompt« von TreffPunktText und dem KI Café der Fachgruppe Werbung ging es um Handwerk, Haltung und eigenes Urteil. Die Glockengießerei Grassmayr öffnete ihre Werkstatt und damit Jahrhunderte an Erfahrung, das Tiroler Landestheater seine sonst verborgenen Gewerke. Gestalter Markus Weithas las beim Typowalk Wiltens Schriften, eine Exkursion erkundete die Kulturorte am Stadtrand Süd, und ein Rundgang fragte nach der Zukunft von St. Bartlmä selbst.
Beiwerk, das nie als solches gedacht war
Die Fö N_Spirits waren die Freigeister des Festivals. Zwischen den Talks blieb Zeit für die Bar, fürs Essen und für Gespräche, in denen Menschen aufeinandertrafen, die sich sonst selten begegnen: aus Wissenschaft und Wirtschaft, aus Gestaltung und Kunst, aus dem Kinderlabor und aus der Konzerthalle. Genau das unterschied den Fö N von der üblichen Vortragsstrecke, bei der ein Programmpunkt den nächsten jagt. Wer nur für einen Vortrag gekommen war, blieb oft länger als geplant.
Musik und Theater gaben den Takt dazu. Die Wiltener Sängerknaben und der Mädchenchor ließen sich bei der Probe über die Schulter schauen, Woschdog spielten fulminant auf, und das Electric Sunrise Breakfast holte am Freitag die ganz frühen Vögel um halb sieben aus den Federn. Der Theaterabend »Komm schon – du willst es doch auch!« brachte einen »rebellischen Abend für alle« zwischen Konzert, Performance und Text, der Rollenbilder und Schönheitsideale mit Macht, Gewalt und der Frage nach Gleichstellung verband. Danach traf bei Cemplified feat. Samuel Plieger Beatbox auf Klassik. Monobrother + Klebstoff setzten am Samstag mit großartiger urbaner Hip-Hop-Lyrik den Schlusspunkt.
Wer am Fö N Wind machte
Ein Festival mit meist freiem Eintritt braucht Menschen, die vorher Geld und Zeit auf den Tisch legen, und Menschen, die sich drei Tage lang alles zu Herzen nehmen, was ein Festival so mit sich bringt. Die Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation der WK Tirol und die Lebensraum Tirol Holding haben das finanzielle Fundament gelegt. Daniel Dlouhy und sein Team haben das Festival organisiert und gemeinsam mit dem Team von St. Bartlmä dafür gesorgt, dass sich Gäste, Bands und Vortragende gut aufgehoben fühlten. Selbst wenn die Technik kurzzeitig hakte, was für ein altes Industrieareal nicht untypisch ist, blieb die Crew gelassen und hatte die Lösung parat, bevor jemand von einem Problem sprechen konnte. »Service is our success«, sagt Dlouhy mit einem Augenzwinkern und nennt den Fö N ein Fest für kreative Menschen. Partner wie WEI SRAUM, aut. architektur und tirol, TKI, bilding, das Tiroler Landestheater und kreativland.tirol haben das Programm mitgetragen. Sie alle konnten erneut zeigen, dass es solche Orte und Anlässe braucht und sie auch auf wunderbare Weise bespielen kann.
Was bleibt »original«?
Das abschließende Fö N_Podium #3 nahm am Samstagabend das Festivalmotto zum Ausgangspunkt für die Frage nach der »Zukunft des Originals«. Die Psychologin Johanna Constantini, die Philosophin und Theologin Claudia Paganini, der Illustrator Patrick Bonato, der Rechtsphilosoph Christoph Schranz sowie der Texter und Konzeptionist Tom Jank diskutierten unter der Moderation von Kurt Höretzeder den epochalen Wandel durch Künstliche Intelligenz.
Was bleibt schließlich von der eingangs formulierten Festlegung, die das Festival trug: »Das Originäre bleibt Sache des Menschen. Muss es bleiben.«? – Dass abschließende Podium führte zur gemeinsamen, durcfhaus auch Mut machenden Perspektive, dass dieser Wandel im besten Fall dazu führt, anders auf das zu schauen, was genuin menschlich ist: auf die »echte« Welt und auf unsere Bedürfnisse, die abseits von Algorithmen nach Hand, Körperlichkeit, Emotionalität und Anteilnahme verlangen. Mit dem Geniekult vergangener Zeiten hat »Originalität« heute wenig zu tun. Heutige Kreativität wurzelt vor allem in sozialen Fähigkeiten wie Engagement, Aufmerksamkeit, Zusammenarbeit, Empathie und Gerechtigkeit. Und sie wurzelt in der Grundregel allen kreativen Schaffens: die Welt immer wieder neu sehen und verändern zu wollen.
Und so hörte man am Ende von vielen Seiten des Publikums jene Rückmeldung, die die programmatische Absicht des Festivalteams von Anfang an begleitet hat: Dass man auf dem Fö N-Festival Gedanken zum Thema Kreativität im Zeitalter der KI kennenlernen konnte, die man in dieser Form und Kombination noch nicht gehört, gesehen und diskutiert hatte, und die man (hoffentlich) weitertragen wird.
Der Fö N übermorgen: In zwei Jahren wird es weitergehen.
Neben den persönlichen Eindrücken der vielen Besucher:innen ist für die Festivalorganisator:innen vor allem eines wichtig: »Mit jeder neuen Ausgabe wissen wir ein Stück weit genauer, was das Festival zum Ausdruck bringen soll«, bringt es Kurt Höretzeder auf den Punkt, »und umgekehrt fällt es auch unserem Publikum mit jedem Mal leichter, sich auf das Kernthema des Festivals einzulassen, jenes der Kreativität als so wichtige, so grundlegende menschliche Fähigkeit.« Mit diesem Anspruch im Gepäck wird es im Herbst 2028 die nächste Ausgabe des Festivals geben, abermals weiterentwickelt, mit neuem Motto, überraschenden Formaten und mindestens ebenso inspirierenden Programmen wie an diesen drei außergewöhnlichen Tagen in St. Bartlmä.
Das Fö N-Festival 2026 hat eine eindrückliche Ahnung davon gegeben, warum es uns Menschen auch in Zukunft als (kreative) »Originale« brauchen wird. Die Maschine liefert das Mögliche in jeder gewünschten Menge. Das Menschenmögliche beginnt dagegen dort, wo jemand auswählt, etwas weglässt und für das Ergebnis geradesteht. Das Fö N-Festival hat dafür drei Tage lang Anschauungsmaterial geliefert, vom Prompt bis zum Tonklumpen.
FÖ n 26 in Zahlen
Tage: 3 (24. bis 26. September 2026)
Hauptort: St. Bartlmä, Innsbruck
Besucher:innen: rund 1.300
Formate: 4 (Talks, Labs, Spirits, Walks)
Programmpunkte: 36
Mitwirkende: über 150
Festivalpartner:innen: aut. architektur und tirol; Berufsfotografie Tirol; bilding. Kunst- und Architekturschule; Empatic; kreativland.tirol; LOR – Legends of Rock; S’ Gelbe Egg; Mountain Film City Innsbruck; Tiroler Landestheater; TKI. Tiroler Kulturinitiativen; WEI SRAUM. Designforum Tirol