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 Christian Bräuer
© Foto Knoll
Elektro-, Gebäude-, Alarm- und Kommunikationstechniker, Bundesinnung

PV-Förderung 2027: Was die Elektrotechnik für das neue Fördermodell fordert

Bundesinnungsmeister Christian Bräuer im Gespräch über Planungssicherheit, Speicher, Energiemanagement und eine einfachere Photovoltaik-Förderabwicklung

Lesedauer: 7 Minuten

06.10.2026
Nach dem viel kritisierten Photovoltaik-Fördercall, dessen Mittel innerhalb von nur 33 Sekunden vergeben waren, zeichnet sich für 2027 ein grundlegender Umbau der Förderung ab. Die Elektrotechnikbranche hat dazu konkrete Vorschläge eingebracht – und findet damit endlich Gehör bei der Politik. Für Bundesinnungsmeister Christian Bräuer zeigt das, wie moderne Interessen­vertretung mit klarem Branchenfokus erfolgreich gestaltet werden kann. 

Herr Bräuer, vor kurzem haben Sie das bestehende PV-Fördersystem noch massiv kritisiert. Jetzt klingt die Branche deutlich positiver. Was ist passiert?

Christian Bräuer: Nach dem letzten Fördercall haben wir klar und unmissverständlich festgehalten: Ein Fördermodell, dessen Budget bereits nach 33 Sekunden ausgeschöpft ist, schafft weder Planungssicherheit noch faire Rahmenbedingungen und kann daher keine nachhaltige Wirkung entfalten. Unsere Aufgabe als Interessenvertretung besteht jedoch nicht darin, Kritik zu üben, sondern Herausforderungen klar zu benennen und zugleich fachlich fundierte, praxistaugliche Lösungen anzubieten. Genau das haben wir bereits im vergangenen Jahr getan. Dass unsere Expertise und unsere konkreten Vorschläge nun in die Überlegungen zur künftigen Ausgestaltung des Fördersystems einfließen, ist ein wichtiges und richtungsweisendes Signal. Es zeigt, dass die Stimme der Branche gehört wird und praktische Erfahrung politische Wirkung entfalten kann.

Also ein Beispiel dafür, dass Interessenvertretung funktioniert?

Christian Bräuer: Ja – und zugleich ist es ein gutes Beispiel dafür, wie das Zusammenspiel von Politik und Interessenvertretung funktionieren sollte. Unsere Betriebe erleben täglich, welche Regelungen sich in der Praxis bewähren und wo Anpassungsbedarf besteht. Dieses Wissen muss konsequent in politische Entscheidungsprozesse einfließen. Die Politik definiert die Ziele und schafft die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Wenn es jedoch darum geht, diese Ziele technisch sinnvoll, wirtschaftlich tragfähig und praxistauglich umzusetzen, müssen jene eingebunden werden, die über die notwendige Expertise verfügen und die beschlossenen Maßnahmen letztlich realisieren. Nur so entstehen Lösungen, die nicht nur auf dem Papier überzeugen, sondern auch in der Praxis funktionieren.

Was bedeutet das für Sie als Bundesinnungsmeister?

Christian Bräuer: Unsere Aufgabe ist es, den Anliegen unserer Betriebe gegenüber der Politik eine klare und starke Stimme zu geben. Dazu gehört auch, Fehlentwicklungen offen anzusprechen. Ebenso entscheidend ist es jedoch, fachlich fundierte und umsetzbare Vorschläge vorzulegen. Es reicht nicht, Forderungen zu formulieren und anschließend auf politische Entscheidungen zu warten. Unser Anspruch ist es, Lösungen aktiv mitzuentwickeln. Wenn die Politik bereit ist, zuzuhören und die Expertise aus der Praxis frühzeitig einzubeziehen, profitieren davon alle: unsere Betriebe, ihre Kundinnen und Kunden, der Wirtschaftsstandort und nicht zuletzt die Energiewende.

Zukunftsfähige Energiepolitik entsteht, wenn die technische Expertise der Elektrobranche in Entscheidungen einfließt

Wie sollte die PV-Förderung ab 2027 aus Sicht der Elektrotechnik konkret aussehen?

Christian Bräuer: Der entscheidende Faktor ist Planungssicherheit. Dafür braucht es ein mehrjährig angelegtes Fördersystem mit klaren und verlässlichen Rahmenbedingungen. Die Förderung sollte dabei nicht ausschlaggebend für die grundsätzliche Investitionsentscheidung sein, sondern gezielt einen zusätzlichen energiewirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mehrwert schaffen. Gleichzeitig müssen wir uns von der isolierten Betrachtung einzelner Komponenten lösen und intelligente Gesamtsysteme in den Mittelpunkt stellen. Photovoltaikanlagen, Speicher sowie Energie- und Lastmanagementsysteme müssen gemeinsam geplant, umgesetzt und gefördert werden.

Warum ist diese Kombination so wichtig?

Christian Bräuer: Die Energiewende ist nicht damit abgeschlossen, möglichst viele PV-Module auf Dächern zu installieren. Entscheidend ist, wie die erzeugte Energie genutzt und in das Gesamtsystem integriert wird. Wird eine Photovoltaikanlage mit einem stationären Speicher und intelligentem Energiemanagement kombiniert, lässt sich der Eigenverbrauch optimieren und die Energie gezielt dann nutzen, wenn sie verfügbar und wirtschaftlich sinnvoll ist. Gleichzeitig können Erzeugungsspitzen reduziert, netzseitige Abregelungen vermieden und die Versorgungsnetze entlastet werden. So wird aus einer einzelnen Erzeugungsanlage ein intelligenter und wertvoller Bestandteil des gesamten Energiesystems – und zugleich sinken die Energiekosten für die Betreiberinnen und Betreiber.

Die Branche schlägt sogar vor, die Förderung an diese Kombination zu knüpfen. Ist das nicht eine relativ hohe technische Hürde?

Christian Bräuer: Förderungen sollten gezielt dort ansetzen, wo sie einen unmittelbaren gesellschaftlichen und energiewirtschaftlichen Mehrwert schaffen. Öffentliche Mittel sollten daher nicht ausschließlich zusätzliche Erzeugungskapazitäten fördern, sondern zugleich die Energieeffizienz erhöhen und einen Beitrag zur Netzdienlichkeit leisten. Unser Vorschlag ist, Photovoltaikanlagen, stationäre Speicher sowie intelligentes Energie- und Lastmanagement als integriertes Gesamtsystem zu betrachten. In Zeiten hoher PV-Erzeugung sollte die produzierte Energie möglichst gespeichert oder durch intelligente Laststeuerung unmittelbar vor Ort genutzt werden. Dadurch lassen sich Erzeugungs- und Lastspitzen reduzieren, der Eigenverbrauch optimieren und die Stromnetze nachhaltig entlasten.

Damit würde sich auch die grundsätzliche Logik der Förderung verändern?

Christian Bräuer: Ja. Wir verstehen Förderung nicht als Voraussetzung für Investitionen, sondern als Anerkennung und gezielten Anreiz für Menschen, die aktiv zur Energiewende beitragen. Gefördert werden sollten insbesondere Investitionen in intelligente Lösungen, die sowohl für unsere Kundinnen und Kunden als auch für das gesamte Energiesystem einen nachhaltigen Mehrwert schaffen. Dafür braucht es keine kurzfristigen Fördertöpfe, die einen Wettlauf um Sekunden auslösen, sondern klare, verlässliche und über mehrere Jahre planbare Rahmenbedingungen. Nur so entstehen Planungssicherheit, Investitionsbereitschaft und eine nachhaltige Wirkung.

Gleichzeitig soll die Abwicklung einfacher werden. Wie stellen Sie sich das vor?

Christian Bräuer: Die Förderabwicklung muss technisch klar strukturiert und mit möglichst geringem administrativem Aufwand gestaltet sein. Unser Vorschlag orientiert sich am bewährten Prinzip des Handwerkerbonus: Nach fachgerechter Planung, normkonformer Errichtung, Prüfung, Inbetriebnahme und vollständiger Bezahlung der Anlage reichen die Förderwerberinnen und Förderwerber den Antrag selbst ein. Die dafür erforderlichen technischen Nachweise – insbesondere Prüfbericht, Anlagendokumentation und gegebenenfalls Inbetriebnahmeprotokoll – werden vom ausführenden Fachbetrieb bereitgestellt. Dabei ist eine klare Aufgabentrennung wesentlich: Die Verantwortung des Fachbetriebs umfasst die technische Beratung, Auslegung und Planung sowie die normgerechte Errichtung, Prüfung und Inbetriebnahme der Anlage. Die administrative Förderabwicklung und Antragstellung müssen hingegen bei den Förderwerberinnen und Förderwerbern liegen. Unsere Betriebe dürfen nicht zu Förderabwicklungsstellen werden.

Sie fordern gleichzeitig bundesweit einheitliche technische Unterlagen. Warum?

Christian Bräuer: Administrative Vereinfachungen dürfen weder die technische Sicherheit noch die Ausführungsqualität beeinträchtigen. Wir schlagen daher ein standardisiertes einheitliches Bestätigungsformular der Bundesinnung vor. Damit sollen die norm- und regelkonforme Ausführung, die Einhaltung der relevanten technischen Anforderungen sowie das definierte Netzverhalten der Anlage nachvollziehbar dokumentiert werden.

Dieses Modell verbindet eine schlanke Förderabwicklung mit verbindlichen Qualitätsstandards: durch standardisierte Nachweise, klar abgegrenzte Verantwortlichkeiten und die fachliche Bestätigung durch gewerberechtlich befugte Fachbetriebe. So lässt sich Bürokratie reduzieren, ohne Abstriche bei Sicherheit, Qualität und Netzdienlichkeit zu machen.

Ein weiterer Punkt ist "Made in Europe". Was hat das mit PV-Förderung zu tun?

Christian Bräuer: Sehr viel – vorausgesetzt, wir begreifen Energiepolitik zugleich als strategische Standortpolitik. Deshalb wollen wir das bestehende Bonussystem für europäische Komponenten weiterentwickeln und auf zusätzliche, systemrelevante Komponenten ausweiten. Dabei geht es nicht um Abschottung oder die Vorgabe, künftig jedes einzelne Bauteil ausschließlich in Europa herzustellen. Unser Ziel sind resiliente, geopolitisch sichere Liefer- und Wertschöpfungsketten sowie die gezielte Stärkung europäischer Produktionskapazitäten. Wenn öffentliche Mittel eingesetzt werden, müssen wir auch berücksichtigen, wo Wertschöpfung entsteht, Arbeitsplätze gesichert werden und wie wir Europas technologische Unabhängigkeit und Versorgungssicherheit nachhaltig stärken.

Förderungen sollten gezielt dort ansetzen, wo sie einen unmittelbaren gesellschaftlichen und energiewirtschaftlichen Mehrwert schaffen.

Ist das neue Fördermodell für Sie damit auch ein Beispiel für eine grundsätzlich andere Form der Zusammenarbeit mit der Politik?

Christian Bräuer: Absolut. Die Verantwortung für politische Entscheidungen liegt bei der Politik – und das ist auch richtig so. Gute und tragfähige Entscheidungen entstehen jedoch dann, wenn zuvor jene eingebunden werden, die ihre praktischen, technischen und wirtschaftlichen Auswirkungen beurteilen können. Beim bisherigen Fördersystem haben wir die Schwachstellen klar benannt und zugleich konkrete, umsetzbare Verbesserungsvorschläge vorgelegt. Dass diese Praxiserfahrung und fachliche Expertise nun in die weiteren Überlegungen einfließen, ist ein positives Signal. Es zeigt, wie ein konstruktiver Dialog zwischen Politik und Interessenvertretung funktionieren kann: mit klaren Zielen, offener Kommunikation und Lösungen, die auch in der Praxis Bestand haben.

Was ist dabei die Rolle der Bundesinnung?

Christian Bräuer: Wir bündeln das Wissen und die Praxiserfahrung unserer Betriebe und entwickeln daraus fundierte, umsetzbare Vorschläge für die politischen Entscheidungsträger. Von einem einzelnen Elektrotechnikbetrieb kann nicht erwartet werden, neben seinem unternehmerischen Alltag kontinuierlich mit Ministerien über Fördermodelle, technische Standards und gesetzliche Rahmenbedingungen zu verhandeln. Dafür braucht es eine starke Interessenvertretung, die die Anliegen der Betriebe bündelt und mit fachlicher Kompetenz in den politischen Entscheidungsprozess einbringt. Genau hier liegt die zentrale Aufgabe einer starken Interessenvertretung. Unsere Mitglieder sollen sich darauf verlassen können: Wir hören zu, greifen ihre Erfahrungen und Anliegen auf und vertreten sie mit einer klaren, starken Stimme dort, wo die entscheidenden Weichen gestellt werden. So wird aus der Expertise unserer Betriebe konkrete politische Gestaltungskraft.

Was wäre für Sie am Ende der Diskussion über die Förderung 2027 ein Erfolg?

Christian Bräuer: Unser Ziel ist ein langfristig planbares, unbürokratisches und technisch durchdachtes Fördersystem, das Investitionen erleichtert, verbindliche Qualitätsstandards sichert und einen messbaren Beitrag zur Stabilität des Energiesystems leistet. Darüber hinaus sollte dieses Modell auch ein Signal für eine neue Qualität der Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft sein: Die besten Lösungen entstehen, wenn wir miteinander statt übereinander sprechen. Die Branche der Elektrotechnik verfügt über umfassendes technisches Know-how und wertvolle Praxiserfahrung. Wird diese Expertise frühzeitig in politische Entscheidungsprozesse eingebunden, entstehen Rahmenbedingungen, die nicht nur politisch überzeugen, sondern technisch umsetzbar, wirtschaftlich tragfähig und in der Praxis wirksam sind.